Sport : Die runde Sache

Beim Berliner Sechstagerennen geht es weniger um Show und mehr um Sport

Mathias Klappenbach

Berlin - Das Glas Bier kostet beim Berliner Sechstagerennen in diesem Jahr zehn Cent mehr, 2,80 Euro statt 2,70 Euro. Das läppert sich über die Tage. Doch wen stört das noch, in der ausverkauften „Langen Nacht“ am späten Freitagabend, wenn man aufspringen und die Arme dazu in die Höhe reißen kann, wie der gute alte Holzmichl von „De Randfichten“ live wiederaufersteht. Vorher und nachher rollt außerdem ein Gewirr aus Fahrern um das Holzoval in der Mitte, die Wertungen ausfahren, die man, wenn überhaupt, erst am dritten Tag und nach einigen Bieren versteht.

So stellt man sich die Events vor, die meistens „Sixdays“ heißen. Zu Recht. In Berlin heißt die Veranstaltung, die ab heute zum 94. Mal ausgetragen wird, weiterhin Sechstagerennen. Die Veranstalter wollen schon mit dem Titel klarmachen, dass sie den Akzent stärker als in anderen Städten auf den Sport legen. „Die Fahrer haben sich alle richtig gefreut, dass es jetzt nach Berlin geht“, sagte Robert Bartko, als er gestern nach dem Rennen in Stuttgart in Berlin eintraf. „Hier macht es viel mehr Spaß. Das Publikum geht hier genau dann richtig mit, wenn wir uns sportlich auf der Bahn fetzen“, sagt der Potsdamer, der in diesem Jahr gemeinsam mit seinem Partner Guido Fulst den Titel verteidigen will. „Es gibt ein fachkundiges Publikum, das ist für uns Fahrer ein absolutes Highlight.“ In anderen Städten ist das nicht so. „Das ist schade, wenn wir nicht so beachtet werden. Aber da müssen wir durch, das ist unser Beruf“, sagt Bartko. „Sechstagerennen heißt Sport, feiern und ein bisschen Gala in der VIP-Loge. In Berlin ist die Mischung fast perfekt.“

Dass es in Berlin viele sachkundige Zuschauer gibt, hat bei der Neukonzeption des Sechstagerennens eine große Rolle gespielt, als es 1997 nach einer siebenjährigen Unterbrechung erstmals im neu gebauten Velodrom wieder stattfand. Früher stand dort die Werner-Seelenbinder-Halle. Oder, wie man in der DDR gesagt hat, die „Winterbahn“.

Es war die einzige Halle dieser Art in der DDR, 40 Jahre lang war dort der beste Bahnradsport zu sehen. „Viele unserer Zuschauer sagen noch heute, dass sie zur Winterbahn gehen“, sagt Sechstagerennen-Sprecher Werner Ruttkus. „Wir haben uns von Anfang an dafür entschieden, den Sport in den Vordergrund zu stellen.“ Neben den Olympiasiegern und Weltmeistern von 2004, die in der Sechstagewertung an den Start gehen, gibt es auch das Sprint-Turnier mit den Olympiasiegern Rene Wolff, Stefan Nimke und Jens Fiedler. Der Sprinter beendet in Berlin seine Karriere. Und, darauf legen die Veranstalter großen Wert: Es gibt ein umfangreiches Nachwuchsprogramm für Junioren und das U-23-Rennen, in dem die kommenden Profis zu sehen sind. Auch Robert Bartko hat dieses Rennen einmal gewonnen, zusammen mit Andreas Klöden, der im vergangenen Jahr Zweiter bei der Tour de France geworden ist.

„Man kann die Belastung nicht mit einem Straßenrennen vergleichen, dafür ist sie zu speziell“, sagt Bartko. Der Potsdamer ist auch schon für das Team Telekom gefahren. „Auf der Straße kann man sich erst einrollen, hier hast du gleich eine viel höhere Trittfrequenz.“ Ein Sechstagerennen ist harter Sport auf hohem Niveau, nicht nur weil die Fahrer bis drei Uhr in der Nacht im Sattel sitzen. Bei der wichtigsten Wertung, der „Großen Jagd“, halten die Zweierteams über 45 Minuten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 50 Stundenkilometern. Auch am Samstag, in der „Goldenen Nacht“. Musikalisch begleitet von Tony Christie.

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