Doping : Balco-Doping in Jamaika?

Dopingarzt Victor Conte äußert Zweifel an den jamaikanischen Sprintern um Weltrekordler Usain Bolt. Die WADA steht wie so oft in einem schlechten Licht da.

Tom Mustroph

Victor Conte ist auf Promotiontour. Der einstige Dopingdesigner vertreibt jetzt einen Energiedrink mit dem pikanten Namen PED – wie Performance Enhancing Drug – und macht in Interviews in der „Gazzetta dello Sport“ und dem Boxmagazin „The Fighting Nerd“ drastische Aussagen zur Dopingpraxis.

Conte, dessen Dopingprogramme die Leichtathleten Marion Jones, Tim Montgomery und andere zu Olympiagold führten, ehe sie 2003 aufflogen, geht von einer Mehrheit dopender Athleten im Sprint aus. „Waren es vor dem Balco-Fall 80 Prozent, so sind es jetzt immer noch 65 Prozent“, sagt er. An Usain Bolt und den anderen jamaikanischen Sprintern äußert er „starke Zweifel“.

Conte berichtet von einem Vertrauensmann aus der Karibik, von dem er selbst einst das Blutdopingmittel Epo bezog. Der habe ihm erklärt, „dass sie in Jamaika vor Peking 2008 die Methode Balco, also meine Methode, benutzt hätten“, berichtet der ehemalige Doping-Manager.

Doch das ist noch längst nicht alles. Conte behauptet sogar, dass bei den Olympischen Spielen 2000 die Mehrheit der 100-Meter-Finalistinnen und das komplette 100-Meter-Finale der Männer gedopt gewesen sei. „Das war ein perfekt ausgeglichenes Läuferfeld, nur eben nicht in dem Sinne, wie die meisten Leute dachten“, sagt er. Er betont, dass Doper sich bei Wettkämpfen in der Regel nicht erwischen lassen. Wer sie kriegen will, der müsse „im letzten Quartal des Jahres vor einem großen Wettkampf“ intensive Trainingskontrollen durchführen. Für die Olympischen Spiele 2012 bedeutet das: genau jetzt.

All diese Hinweise habe er vor sechs Jahren der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gegeben, sagte Conte. „Aber sie haben mir gesagt, dass sie mir nicht trauen. Die Aufzeichnungen eines dreistündigen Treffens sind verschwunden“, klagt er in der „Gazzetta dello Sport“. Wada-Sprecher Terence O’Rorke bestätigte auf Nachfrage des Tagesspiegels diese Gespräche: „Wir haben seine Informationen zu den entsprechenden Ermittlungsbehörden weitergeleitet.“ Ob aus diesen Erkenntnissen Handlungen erwachsen sind, wollte er allerdings nicht sagen: „Die Wada als eine unabhängige Monitoring- und Koordinationsorganisation gibt keine Auskunft darüber, was mit diesen Informationen geschehen ist, bevor sie nicht komplett von den zuständigen Stellen geprüft sind und jeder involvierten Person alle Rechte gewährt wurden.“ In der undurchsichtigen Welt von Doping und Anti-Doping steht nun der frühere Bösewicht Conte als Held da. Und die Wada wirkt wie ein zwielichtiger Zauderer.

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