Doping in der BRD : "Eine unwürdige Show"

Im Bundestag fielen in dieser Woche Abgeordnete über die Studie zum Doping in Westdeutschland her – weil sie kein Interesse an Aufklärung hatten, vermutet unser Autor Erik Eggers, der an der Studie beteiligt war.

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Opfer einer Dopingmentalität: Dem Ruderer Peter-Michael Kolbe (vorne) wurde wie vielen anderen bundesdeutschen Athleten bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal eine besondere Spritze verabreicht. Sie sollte leistungssteigernd wirken, war jedoch kaum erprobt. Kolbe brach kurz vor dem Ziel ein und verlor als amtierender Weltmeister gegen den Finnen Pertti Karppinen.
Opfer einer Dopingmentalität: Dem Ruderer Peter-Michael Kolbe (vorne) wurde wie vielen anderen bundesdeutschen Athleten bei den...Foto: dpa

Die Volksvertreter hatten Aufklärung gefordert. Als Teilergebnisse unserer Studie „Doping in Deutschland“ durch Zeitungsberichte öffentlich wurden, und zwar ohne unsere Autorisierung, verlangte nicht nur die Opposition im Sportausschuss des Deutschen Bundestages in einer Sondersitzung Informationen darüber. Auch die FDP wollte Anfang August eine Sondersitzung, da „nach der Studie entgegen den bisherigen Vermutungen Doping auch von Seiten des Staates betrieben wurde“, wie deren Sportpolitiker Joachim Günther ausführte.

Wir hatten uns über das plötzliche Interesse der Parteien gefreut. Zugleich aber auch gewundert. Denn als wir im Herbst 2011 unsere These von der staatlichen Tolerierung der Dopingpraxis („systemisches Doping“) der Öffentlichkeit präsentierten, war keiner dieser Sportpolitiker anwesend. Sie ignorierten damals offenbar auch die vielen Zeitungsberichte über unsere These der nutzungsorientierten Dopingforschung, die zwischen 1970 und 1990 maßgeblich durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), einer Behörde des Bundesinnenministeriums, gesteuert wurde. Jedenfalls schien das einigen völlig neu.

Insofern waren wir gewarnt, als es am Montag in diese Sondersitzung ging; Diskussionen mit Ignoranten sind ja meist nicht besonders ergiebig. Aber der Film, der sich dann im Raum 3.103 des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses abspielte, übertraf alles. Die Fraktion sei in diesen Tagen, wo es in Buenos Aires um einen deutschen IOC-Präsidenten gehe, „nicht so ganz unvoreingenommen, wie das vielleicht angezeigt wäre“, sagte allen Ernstes Klaus Riegert, der sportpolitische Sprecher der CDU. Die Anlage dieser Sitzung, wie sie die Regierungsparteien dann per Antrag durchsetzten, war nicht auf historische Aufklärung ausgerichtet. Sondern auf ein Schlachtfest.

Das begann schon damit, dass es knapp zwei Stunden dauerte, bis wir gebeten wurden, unsere Ergebnisse aus drei Jahren Forschungsarbeit vorzutragen – und zwar in fünf (!) Minuten. Bis dahin hatte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ziemlichen Unfug berichtet. Nämlich dass „in den 60er Jahren Doping nicht verboten“ gewesen sei – obwohl doch beide Forschergruppen detailliert über das Dopingverbot des Deutschen Sportbundes im Jahre 1953 geschrieben haben. Auch ließ Friedrich wissen, dass es Doping ja irgendwie zu jeder Zeit gegeben habe, nur seien die Maßstäbe damals andere gewesen.

„Man sollte den historischen Kontext nicht aus den Augen verlieren“, belehrte uns Staatssekretär Christoph Bergner, ein gelernter Agrarwissenschaftler. Er bezog sich auf einen Bericht des BISp, unseres Auftraggebers, in dem uns methodische Mängel vorgeworfen wurden – wohlgemerkt von jener Institution, deren stellvertretender Direktor 1977 Anabolika-Doping befürwortete, obwohl er von den großen gesundheitlichen Gefahren wusste und obwohl anabole Steroide durch das IOC 1974 verboten worden waren. Dass das BISp liederlich mit Steuergeldern umging, haben wir ebenfalls auf vielen Seiten mit vielen Quellen belegt. Das BISp ist, kurzum, in dieser Sache nicht mehr neutral, seitdem es selbst zum Objekt unserer Forschung wurde.

Wer besagten Bericht verfasst hat, wollte BISp-Direktor Jürgen Fischer nicht kundtun. „Meine besten Leute“, sagte Fischer. Bevor wir 2011 unsere Ergebnisse zum BISp präsentieren wollten, hatten in einem Schreiben an uns, das Bundesinnenministerium und Funktionäre des Deutschen Olympischen Sportbundes eben jener Fischer erklärt, dass eine „Freigabe“ der Einzelberichte „weder vertretbar noch dienlich“ sei. Eine geschichtswissenschaftliche Kompetenz im BISp ist mir bisher nicht aufgefallen, und im Beirat war außer Professor Norbert Müller, der unsere Arbeit öffentlich gelobt hat, kein Historiker vertreten. Dennoch wusste Agrarfachmann Bergner im Sportausschuss, dass es keinen Anlass gebe, „die Geschichte umzuschreiben“. Es hatte etwas Kafkaeskes, dass wir auf diese vielen Angriffe in Wirklichkeit nicht antworten durften.

Wir haben uns auch über andere Aussagen gewundert. Warum hat sich der Sportärztebundpräsident Klaus-Michael Braumann darüber echauffiert, dass die Münsteraner auch „Sauerstoff-Doping“ thematisiert haben? Obwohl doch nachzulesen ist, dass genau das seit 1953 laut Deutschem Sportbund als Doping verboten war – und weil Braumann meistens, was der Historiker nicht sollte, von heute aus argumentiert. Wie kann Braumann mit Bezug auf den Einsatz der „Kolbe-Spritze“ bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal behaupten, dass wir Doping-Definitionen „aus dem Bauch“ getätigt hätten? Wir haben nirgendwo behauptet, dass die eingesetzten Substanzen Cocarboxylase und Thioctacid damals auf der Dopingliste standen. Wir haben vor allem die Mentalität der Leistungssteigerung um jeden Preis beschrieben; dafür stellt die Kolbe-Spritze ein Paradebeispiel dar. Und dass 1992 eine Ärztekammer dieses Verfahren als Doping deklarierte, weil die Spritzen zur Leistungssteigerung eingesetzt worden waren.

Kurzum, es war eine ziemlich unwürdige Show, die da im Sportausschuss aufgeführt wurde. Wenn irgendwann Historiker die Protokolle dieser Sitzung lesen, werden sie sich gehörig wundern, auf welch erbärmlichem Niveau die Aufarbeitung der westdeutschen Dopinggeschichte im Parlament stattgefunden hat. Die Volksvertreter haben zwar Aufklärung gefordert. Gewollt war diese Aufklärung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, tatsächlich nicht.

Der Sporthistoriker und Journalist Erik Eggers hat am Forschungsprojekt „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ für die Humboldt-Universität mitgearbeitet. Er ist auch Autor dieser Zeitung.

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