Doping : „Oh, die ist heute aber schlecht rasiert“

Ingrid Mickler-Becker, Staffel-Olympiasiegerin der Olympischen Spiele von 1972, spricht im Tagesspiegel über Doping in beiden Teilen Deutschlands, vermännlichte Athletinnen und Thomas Bach.

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Olympiasieger 1972 in München. Ingrid Mickler-Becker (li.) nach dem Staffelsieg über 4x100 Meter mit Christiane Krause, Annegret Richter und Heide Rosendahl. Foto: Imago
Olympiasieger 1972 in München. Ingrid Mickler-Becker (li.) nach dem Staffelsieg über 4x100 Meter mit Christiane Krause, Annegret...Foto: IMAGO

Frau Mickler-Becker, an diesem Montag berät der Sportausschuss des Bundestags noch einmal über die Forschungsergebnisse zum Doping in der alten Bundesrepublik. Wie haben Sie die bisherige Diskussion wahrgenommen?

Ich hatte mir nur die Äußerungen von Herrn Spitzer im Fernsehen angeschaut…

…der die Forschung an der Humboldt-Universität koordiniert hat…

…und war entsetzt. Er sprach von flächendeckendem Doping in der Bundesrepublik. Dabei ist das doch gar nicht durch die Studie gedeckt. Da hätte doch auch Herr Bach auf die Barrikaden steigen müssen, aber ich habe bisher nur etwas Stotterndes von ihm vernommen, er habe nicht viel von Doping gewusst. Das dürfte seiner Kandidatur für die IOC-Präsidentschaft geschuldet sein.

Hat Sie denn sonst etwas überrascht?

Was jetzt herausgekommen ist, das ist seit Jahren bekannt. Wer damals im Sport war, weiß, dass öffentliche Gelder für Dopingforschung verwendet wurden. Dass es Verbände gab, die Athleten aufgefordert haben, zu bestimmten Ärzten zu gehen und bestimmte Dinge zu machen. Im Verfahren um den Tod von Birgit Dressel ist das alles sogar gerichtlich festgestellt worden.

Was haben Sie damals selbst vom Doping mitbekommen?

Es gab ja keine Dopingkontrollen. Ich habe zwar gehört, dass es bei den Olympischen Spielen 1972 in München Kontrollen gegeben haben soll, aber davon habe ich nichts mitbekommen. Hinter vorgehaltener Hand hat man sich erzählt, dass in den Ostblockstaaten und in den USA etwas genommen wurde, was unter das Stichwort Anabolika fiel. Bei uns in der Frauenmannschaft war das aber nie ein Thema.

Sind Sie nie mit Dopingmitteln in Berührung gekommen?

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel von den Spielen 1964 in Tokio aus dem Olympischen Dorf. Wir haben gratis von Biovital Flaschen mit Vitamingetränken bekommen, aber schon vom Riechen ist mir übel geworden. Das hat mich an meine Kindheit erinnert, in der es Lebertran als Aufbaunahrung zu trinken gab. Dann kam aber eine Sportlerin aus der DDR zu uns aufs Zimmer, und als wir ihr gesagt haben, dass wir das Zeug nicht trinken, hat sie die Flaschen mitgenommen. Sie kam dann später runter und hat uns etwas gebracht.

Was war das?

Es waren kleine blaue Tabletten, von denen sie sagte, das seien Vitamintabletten. Sie bekäme aber keine Pillen runter, deshalb würde sie die nicht nehmen. Sie hat sie deshalb gesammelt. Heute weiß ich, dass das Anabolika gewesen sein müssen.

Sind Sie da sicher?

Ob es zweifelsfrei so war, weiß ich nicht. Wir haben sie nicht genommen und auch nicht aufgehoben. Aber als ich später von den kleinen blauen Pillen erfahren habe, da habe ich mir das nur so erklären können. Eigentlich war bei uns aber eher das Thema, dass gegen uns Frauen gestartet sind, die eigentlich in die Männermannschaft gehört hätten.

Weil sie durch Anabolika vermännlicht worden sind?

Ich weiß nicht, ob das von den Anabolika kam oder ob es nicht eher Kapriolen der Natur waren. Wir haben jedenfalls unsere Späßchen gemacht: Oh, die ist heute aber schlecht rasiert.

Waren Sie selbst in Ihrer aktiven Zeit mal in Freiburg bei den berüchtigten Sportärzten Keul oder Klümper?

Nein, ich war selbst nie in Freiburg. Ich war ja auch nie verletzt. Aber ich weiß, dass es regelrechte Prozessionen von Sportlern nach Freiburg gab. Das ist ja auch alles dokumentiert. Was Brigitte Berendonk und ihr Mann Werner Franke aufgeschrieben haben, da fehlt kaum noch etwas. Das könnte man nur noch mit Namen ergänzen.

Waren Sie frustriert und enttäuscht über die Dopingwirklichkeit in Ihrer aktiven Zeit?

Nein, das hat mich nicht frustriert, es war kein Thema. Ich habe mal gewonnen und mal nicht gewonnen und hatte vor allem nie das Ansinnen, vom Sport zu leben. Ich wusste auch immer, wenn ich mal nicht gewonnen hatte, warum. Also weil ich die Nacht davor durchgetanzt hatte oder, oder, oder. Was andere gemacht haben, das hat mich nicht sonderlich interessiert. Ich hätte ja einfach mehr trainieren können, dann wäre ich auch noch besser geworden, aber ich war nicht bereit dazu. Ich weiß ja auch, dass diese Dopingmittel einen nicht automatisch besser machen, sondern dass die nur wirken, wenn man mehr trainiert. Sie versetzen einen in die Lage, qualitativ und quantitativ mehr trainieren und anschließend besser regenerieren zu können.

Haben Sie sich nie betrogen gefühlt von mutmaßlich gedopten Konkurrentinnen?

Nein, zum einen habe ich das den meisten Athletinnen nicht unterstellt. Und wenn jemand tatsächlich gedopt haben sollte, habe ich sie eher bedauert, dass sie mit ihrem Körper so umgehen mussten oder wollten.

Die Schlussläuferin Ihrer Olympiastaffel von 1972, Heidemarie Ecker-Rosendahl, hat kürzlich gesagt, sie habe in ihrer Zeit nichts von Anabolika mitbekommen, aber von Amphetaminen. Wie war es bei Ihnen?

Diese Aussage kann ich so nicht für mich treffen. Von Amphetaminen habe ich nichts gehört.

Der Sieg Ihrer Sprintstaffel 1972 in München gegen die DDR gehört zur Ikonografie des bundesdeutschen Sports. Nach der Veröffentlichung der neuen Forschungsstudien gab es im Osten große Genugtuung, und auch dieser Staffelsieg wurde angezweifelt.



Dass diejenigen, die in der ersten Reihe Verantwortung getragen haben, so reagieren, ist nur zu verständlich. Ich fühle mich aber nicht beschädigt. Wer meinen Werdegang kennt, weiß, dass zumindest für meine Person keine Zweifel bestehen.

Der Staffelsieg wurde oft verklärt als Sieg der Leichtigkeit des Westens gegen die Härte des Ostens.

Diese Leichtigkeit war garantiert nicht da. Unsere Staffel sollte ja ursprünglich ganz anders laufen. Elfgard Schittenhelm war die gesetzte Startläuferin. Aber sie hatte das Empfinden, dass ihre Oberschenkelmuskulatur nicht in Ordnung war, dass sich eine Zerrung oder ein Riss andeutet. Sie hat deshalb verzichtet, da musste die ganze Staffel umgestellt werden. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben an Position zwei laufen, das wollte ich nicht. Bis zwei Minuten vor Schluss gab es Differenzen. Aber die Siegerin dieser Staffel ist für mich Elfgard Schittenhelm, diese Großzügigkeit, zu verzichten, das hätte nicht jeder getan.

Würden Sie für die anderen Mitglieder der Frauenmannschaft ihre Hand ins Feuer legen, dass sie nicht gedopt waren?

Ich würde für keinen im Sport die Hand ins Feuer legen außer für meine Freundin Helga Hoffmann. Das heißt aber nicht, dass ich irgendjemand anderem etwas unterstelle.

Gibt es Indizien, die einen Verdacht gegenüber Kolleginnen haben wachsen lassen?

Darüber möchte ich keine Aussage machen.

Was bleibt für Sie aus der Diskussion um diese Studie?

Eigentlich war doch alles bekannt, in den Gerichtsakten von Birgit Dressel kann man es nachlesen, auch mit Namen, bei Brigitte Berendonk und Werner Franke, bei Gerhard Treutlein und Andreas Singler. Verbände haben etwas angeordnet, die Wallfahrt ging nach Freiburg und Eberhard Gienger ist für Klümper mit wehenden Fahnen ins Feld gezogen. Das ist alles nachprüfbar, dazu hätte man keine Studie machen müssen.

Foto: p-a/dpa
Foto: p-a/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Ingrid Mickler-Becker, 70, gewann 1968 im Fünfkampf und 1972 in München mit der 4x100-Meter-Staffel Olympiagold. Nach ihrer Karriere arbeitete sie als Gymnasiallehrerin.

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