Dopingskandal im Radsportverband : UCI steht am Abgrund

Lance Armstrongs Doping-Geständnis könnte den Radsportweltverband UCI womöglich aus der olympischen Familie werfen. Und vor allem dessen Ex-Präsident muss sich gefasst machen.

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Im Kreuzverhör. Der frühere UCI-Präsident Hein Verbruggen muss sich gegen Vertuschungsvorwürfe wehren.
Im Kreuzverhör. Der frühere UCI-Präsident Hein Verbruggen muss sich gegen Vertuschungsvorwürfe wehren.Foto: dpa

Wenn in Oprah Winfreys Fernsehsendung ein Reissack umfällt, dann wird auch ein Palast im Schweizer Aigle erschüttert. Was Lance Armstrong in Winfreys Sendung über Dopingpraktiken und vor allem Doping-Verschleierungspraktiken preisgibt, wird weltweit etwas bewegen. Zwar weiß bis auf die Augen- und Ohrenzeugen des Montagabend in Austin aufgezeichneten Interviews niemand, was Armstrong alles zugegeben hat. Aber in einer Art Phantomreaktionskaskade werden bereits jetzt Erschütterungen sichtbar. In Deutschland ist das Gespräch über Sky im Discovery Channel am Freitagfrüh um 3 Uhr zu sehen.

Klar scheint: Der Weltradsportverband UCI mit Sitz in Aigle kann nicht mehr so weitermachen wie bisher. Richard Pound, der frühere Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), sinnierte öffentlich darüber, dass der Radsport die olympische Zulassung verlieren könnte, wenn sich die Vertuschungsgerüchte bewahrheiteten. „Das IOC sollte sich damit beschäftigen. Die UCI ist nicht bekannt für striktes Antidoping. Der einzige Weg, das sauber zu bekommen, ist, dass diese Leute sich den Weg zurück verdienen müssen“, sagte das IOC-Mitglied.

Pound bezog sich dabei vor allem auf Hinweise um die mutmaßliche Vertuschung einer positiven Probe von Lance Armstrong bei der Tour de Suisse 2001. Tyler Hamilton hatte bereits im Jahr 2011 darauf aufmerksam gemacht. „Du wirst das einfach nicht glauben. Die haben mich mit Epo drangekriegt“, zitierte er Armstrong selbst. „Dann hat Lance aus dem Teambus Hein Verbruggen angerufen. Ich war überrascht über den vertrauten Ton des Gesprächs. Verbruggen war der Präsident der UCI. Aber es klang, als sei er ein Geschäftspartner, ja ein guter Freund“, staunte Hamilton.

Armstrongs gesammelte Lügen
"Ich bin vom Totenbett aufgestanden. Ich wäre verrückt, mich zu dopen", sagte Lance Armstrong am 19. Juli 1999, dem zweiten Ruhetag der Tour de France. Am Ende in Paris gewann er die Rundfahrt zum ersten Mal. "Ich bin ein sehr glücklicher Mensch und habe ein reines Gewissen."Alle Bilder anzeigen
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16.01.2013 12:36"Ich bin vom Totenbett aufgestanden. Ich wäre verrückt, mich zu dopen", sagte Lance Armstrong am 19. Juli 1999, dem zweiten...

Floyd Landis, ein weiterer Ex-Teamkollege Armstrongs, bestätigte den engen Umgang Armstrongs mit Verbruggen. Der Texaner habe seinen Freund Hein auch zu Dopingtests gegenüber Konkurrenten ermuntert. „Mayo und andere sind auf neuem Zeug. Habe Hein gesagt, das zu stoppen“, zitierte Landis ein Gespräch. Der Spanier Iban Mayo wurde 2007 mit Epo erwischt. Armstrongs positive Probe von 2001 führte jedoch nie zu einem Verfahren. Im Gegenteil. Martial Saugy, der Leiter des Lausanner Kontrolllabors, bestätigte, dass er auf Druck der UCI Armstrong und andere Abgesandte vom Team US Postal zu einem Gespräch über die Wirkungsweise des damals neuen Epo-Tests empfing. Das ist in etwa so, als würde das BKA ein paar Terroristen einladen, um über die Funktionsweise des Staatstrojaners aufzuklären. Belegt sind zudem zwei Zahlungen von Armstrong an die UCI.

Die zur Aufklärung dieser Ereignisse bestellte Untersuchungskommission beklagte in dieser Woche Behinderungen durch die UCI. „Die UCI lehnte einen Vorschlag der Usada für den Anhörungsprozess als inakzeptabel ab“, erklärte die erst im Herbst eingesetzte Kommission. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada, die Wada und auch die Anti-Doping-Initiative „ Change Cycling Now“ zogen sich daraufhin aus der Zusammenarbeit mit der Kommission zurück. Sollte Armstrong weitere Details über eine Verstrickung der Radsport-Oberen offenbaren, steht diese Kommission vor der Entscheidung, sich ganz von der UCI zu lösen, die sie ursprünglich eingesetzt hatte, oder ihre Arbeit einzustellen. Dann stünden die Selbstreinigungskräfte von „Change Cycling Now“ bereit für eine Organisation einer eigenen Wahrheits- und Versöhnungskommission.

Ex-UCI-Präsident Verbruggen wies in einem jüngst erst publizierten, aber schon im Dezember 2012 aufgezeichneten Interview mit der niederländischen Fachzeitschrift „De Muur“ alle Vorwürfe brüsk zurück. „Es gab nie Korruption, Armstrong hat nie jemanden innerhalb der UCI bezahlt. Alle Bücher werden das beweisen“, sagte Verbruggen. Gut möglich, dass auch seine Kommunikationsstrategie sich ändert, wenn in Austin ein Reissack umgefallen ist.

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