DSV-Präsidentin hört auf : Wer folgt auf Christa Thiel?

Nach schlechten Resultaten und viel Kritik hört Christa Thiel nach 16 Jahren als Präsidentin der deutschen Schwimmer auf. Als Favoritin auf diesen Posten gilt nun Gabi Dörries.

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Geht das auf ihre Kappe? Das Debakel der Olympiaschwimmer (hier Franziska Hentke) wurde Christa Thiel angelastet.
Geht das auf ihre Kappe? Das Debakel der Olympiaschwimmer (hier Franziska Hentke) wurde Christa Thiel angelastet.Foto: AFP

Christa Thiel wollte sich nicht lange mit der Analyse des Vergangenen aufhalten. Positive Schlüsse konnte die Präsidenten des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) aus den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ohnehin nicht ziehen. Zum zweiten Mal hintereinander waren die deutschen Beckenschwimmer bei Olympia ohne Medaille geblieben, dieses Ergebnis mache sie „traurig und ein wenig verzweifelt“, sagte die 62-Jährige. „Das sind immer sehr bittere Stunden“, sagte Thiel. „Dabei ist es nicht so, dass überhaupt kein Potenzial vorhanden ist.“ Zuletzt hatten die deutschen Beckenschwimmer dieses Potenzial aber nur allzu selten abrufen können – eine Tatsache, für die die Verbands-Präsidentin mitverantwortlich gemacht wurde.

Am Mittwoch zog Thiel nach 16 Jahren an der Spitze des DSV die Konsequenz aus der wachsenden Kritik an ihrer Person und ihrer Führung des Verbands. Am Rande des Kurzbahn-Weltcups in Berlin gab sie bekannt, nicht für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren. „Ich denke, 16 Jahre sind eine lange Zeit. Irgendwann muss dann mal Schluss sein“, sagte Thiel. Beim Verbandstag des DSV Anfang November in Leipzig wird also eine neue Präsidentin oder ein neuer Präsident gewählt werden. Ihr Amt als Vizepräsidentin des europäischen Schwimmverbandes Len will Thiel behalten, in diese Funktion könnte sie 2017 in den Vorstand des Weltverbandes Fina aufrücken.

Bereits beim DSV-Verbandstag 2012 war Thiel auf demonstrativen Widerstand gestoßen. Sie wurde mit nur 57,1 Prozent der Stimmen wiedergewählt, obwohl es keinen Gegenkandidaten gab. In der Folge war die Unzufriedenheit mit der Wiesbadener Rechtsanwältin hinter den Kulissen noch größer geworden. Einige Trainer und Athleten fühlten sich vernachlässigt von Thiel, der zudem fehlende Fachkompetenz und mangelnde Kommunikation vorgeworfen wurde. Hinter vorgehaltener Hand wurde Thiel nachgesagt, sich eher repräsentativen Aufgaben zu widmen, anstatt sich um das sportliche Vorankommen des deutschen Schwimmens zu bemühen, was der ehemaligen Turniertänzerin den wenig schmeichelhaften Spitznamen „die Eintänzerin“ einbrachte.

Thiel bleibt im europäischen Verband und könnte in den Weltverband aufsteigen

Bislang haben sich für Thiels Nachfolge ein Kandidat und eine Kandidatin erklärt. Als Favoritin gilt Gabi Dörries, bisher Vorsitzende des DSV-Fachausschusses Schwimmen, die ihre Kandidatur im Juli bekanntgegeben hatte. Die Software-Unternehmerin wird unter anderem von Olympiasiegerin Britta Steffen und Freiwasser-Rekordweltmeister Thomas Lurz öffentlich unterstützt. Offizielle Ämter streben die beiden deutschen Schwimm-Ikonen aber wohl ebenso wenig an wie Paul Biedermann. In Rio de Janeiro hatte der Weltrekordhalter kurz nach seinem Rücktritt gesagt, auch er begrüße die Kandidatur von Dörries. „Es muss Veränderungen im DSV geben“, sagte Biedermann. „Am besten von oben herab.“ Zweiter Kandidat ist der bisherige DSV-Vizepräsident für Recht, Vico Kohlat. Anders als Dörries fehlt es Kohlat bislang aber an prominenten Unterstützern oder an breitem Rückhalt im Verband, auch wenn er angekündigt hat, ehemalige Schwimm-Stars einbinden zu wollen.

Christa Thiel, die auch lange Zeit im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aktiv war und unter anderem als Vizepräsidentin für Leistungssport verantwortlich war, will ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin „mit Rat und Tat“ zur Seite stehen: „Es ist nicht so, dass ich im DSV zur Persona non grata erklärt wurde.“ Neben einem neuen Präsidenten muss sich der DSV auch einen neuen Leistungssportdirektor suchen, Lutz Buschkow gibt diesen Posten zum Jahresende ab. Henning Lambertz, der Chef-Bundestrainer der Schwimmer, wird hingegen höchstwahrscheinlich einen neuen Vertrag erhalten. Ob sich die von Lambertz in Rio de Janeiro heftig kritisierten Strukturen im deutschen Schwimmen unter einer neuen Verbandsführung ändern, ist aber fraglich.

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