Sport : Eine kleine Dosis Wahrheit

Rudy Pevenage gibt zu, Jan Ullrichs Dopingreisen organisiert zu haben

Tom Mustroph[Montargis]
Besuche beim Frauenarzt. Jan Ullrich (hier im Juni 2006) soll sein Blut beim Dopingexperten Fuentes regelwidrig aufgefrischt haben. Foto: Alessandro della Bella/dpa
Besuche beim Frauenarzt. Jan Ullrich (hier im Juni 2006) soll sein Blut beim Dopingexperten Fuentes regelwidrig aufgefrischt...Foto: picture-alliance/ dpa

Rudy Pevenage will nicht mehr „der Teufel des Radsports“ sein, als den ihn ein französischer Radsportmanager unlängst bezeichnete. Deshalb gewährte der Belgier just in dem Moment Einblick in sein vergangenes Dasein, als die Tour de France durch sein Heimatland führte. „Wozu soll es gut sein, weiter zu lügen?“, erklärte Pevenage in der Zeitung „L’Équipe“. „Ich habe die Reisen von Jan nach Madrid zu Fuentes organisiert.“ Gemeint sind die Reisen seines früheren Schützlings Jan Ullrichs zum Dopingarzt Eufemiano Fuentes. Der 2007 zurückgetretene Ullrich, der 1997 die Tour für das Team Telekom gewonnen hatte, hat Doping stets bestritten.

Auch den Tour-Rekordsieger Lance Armstrong beschuldigte Pevenage indirekt des Dopings: „Wir waren keine Idioten. Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt.“ Zu einem umfassenden Geständnis rang sich der 56-Jährige aber nicht durch. „Ich habe nicht gesagt, Jan hat gedopt“, erklärte der frühere Sportliche Leiter beim Team Telekom. Dass Ullrichs Blut nachweislich bei Fuentes lagerte, sei „kein Beweis für Doping“. Auch er selbst habe „nie verbotene Produkte gekauft oder verkauft“; Pevenage gestand lediglich die Reiseorganisation Ullrichs nach Madrid ein.

Der Frauenarzt Eufemiano Fuentes nahm dort mehreren Dutzend Radprofis – und immer wieder auftauchenden Gerüchten zufolge auch ganzen Fußballmannschaften – halbliterweise Blut ab. Er reicherte es zuweilen mit dem Dopingmittel Epo an und ließ es kurz vor wichtigen Wettkämpfen dem Blutkreislauf wieder zuführen. Weil die „Operacion Puerto“ der spanischen Guardia Civil dies herausfand, wurde Ullrich neben einigen anderen Fahrern vor dem Start der Tour de France 2006 vom Wettbewerb ausgeschlossen.

Pevenage ist überzeugt, dass „mindestens die Hälfte des Pelotons die gleichen Dummheiten“ gemacht habe. Mehr noch: Fuentes-Kunden führen im Radsport „weiter ungestraft vorne mit“. Und Fuentes sei bei Weitem nicht der einzige Dopingarzt im Radsport.

Wegen solcher Aussagen hat das Interview die Qualität einer Milieustudie. Beschrieben wird eine Welt, in der das informelle Wissen regiert. Man weiß oder ahnt, was die anderen tun, wird dieses Wissen einem Außenstehenden aber immer verheimlichen. „Die Fahrer wechseln den Rennstall und nach einem Monat erzählen alle, was sie bei ihrem letzten Arbeitgeber machten. Das ist eine kleine Welt. Jeder kennt sich.“

Im Milieu selbst hilft man sich mitunter unkonventionell. Pevenage erzählt: „Am Montag oder Dienstag in der Woche vor dem Start rief mich jemand von ganz oben an und sagte mir, dass man alles tun muss, um zu verhindern, dass Jan hierherkommt. Rudy, sag ihm, er soll sich das Schlüsselbein auf der Treppe brechen, hieß es.“ Wer diese Information gab, um Ullrich aus den Wellen der „Operacion Puerto“ herauszuhalten, verrät Pevenage nicht. Die UCI, aus deren Reihen der Informant stammen könnte, will der Sache nicht nachgehen. „Ich bin in Großbritannien. Ich habe die ,L’Équipe‘ noch nicht einmal gelesen“, sagt UCI-Präsident Pat McQuaid auf Anfrage des Tagesspiegel.

Pevenage selbst verheddert sich freilich auch in dem Gestrüpp von Lügen, Halbwahrheiten und winzigen Wahrheitsprisen, das seine früheren Fahrer ausgebreitet haben. Er erklärt, dass das Team T-Mobile nach dem Festina-Skandal 1998 das Doping eingestellt hätte: „In den Jahren danach sind wir sauber gefahren.“ Dabei hat der frühere T-Mobile-Profi Christian Henn Doping bis 1999 zugegeben, Rolf Aldag, heute Sportdirektor beim Nachfolge-Rennstall Columbia, sogar bis 2002.

Aldag selbst hielt am Start der fünften Etappe der Tour de France die Aussagen von Pevenage für „nicht wahnsinnig überraschend“. Zu einzelnen Details wollte er keine Stellung nehmen. „Es hilft wenig, sich 2010 über die Sachen von 2006 zu unterhalten“, sagte er der ARD. Erik Zabel, wie Aldag jetzt bei Columbia unter Vertrag, lieferte gegenüber der ARD das bewährte Abwehrmanöver ab. „Wenn ich daran denke, dass über 200 Blutbeutel gefunden wurden und nur fünf Fahrer dafür bestraft wurden, dann frage ich mich: Wo bleiben die anderen Namen, auch die aus den anderen Sportarten?“

Zur neuen Qualität des Verdachts gegen ihren alten Kapitän Jan Ullrich mochten sie keine Auskünfte geben. Der Geist der vergangen geglaubten Jahre ist auch 2010 sehr präsent. Jan Ullrich meldete sich am Donnerstag übrigens nicht zu Wort. Und das wird wohl auch so bleiben. „Jan hat mit der Vergangenheit abgeschlossen“, erklärte sein Manager Wolfgang Strohband. „Ich glaube nicht, dass ihn das interessiert.“

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