Sport : Einigkeit und Recht und Freizeit

Nach dem Fall der Mauer feiern Hertha und Union ihre eigene Einheit – um sich dann zu entfremden

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Eisern im Olympiastadion. Unions André Sirocks (links) bejubelt den zwischenzeitlichen Ausgleich beim Berliner Vereinigungsspiel im Januar 1990. Foto: dpa
Eisern im Olympiastadion. Unions André Sirocks (links) bejubelt den zwischenzeitlichen Ausgleich beim Berliner Vereinigungsspiel...Foto: picture alliance / dpa

Bis zum Spiel zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe beendet) haben wir in einer Serie an große Berliner Derbys erinnert. Zum Dessert gibt es heute: Herthas Freundschaftsspiel gegen Union am 27. Januar 1990.

Hertha, Union und die Alte Försterei – da war doch mal was, und das ist gar nicht so lange her. Im Juli 2009 empfängt der Zweitliga-Aufsteiger aus dem Osten den Fast-Meister aus dem Westen zur Einweihung des frisch renovierten Stadions. Es ist auf dem Rasen ein harmlos-nettes Vergnügen, begleitet von eher seltsamen Umständen, man könnte sie auch offene Anfeindungen nennen. Der Höhepunkt ist erreicht, als Unions Stadionsprecher seinen Fans empfiehlt, „die Herthaner zurück nach Charlottenburg zu schicken“, um danach richtig Party zu machen. Herthas Kapitän Arne Friedrich, sonst Meister der Kunst des beredten Nichtsagens, formuliert ungewohnt scharf: „Das war respektlos.“

Die Fußballfans aus Ost und West waren sich in Berlin schon mal näher. Karsten Heine, der beim 1. FC Union sozialisierte Trainer der zweiten Mannschaft von Hertha BSC, kann sich noch gut daran erinnern, wie die Zuschauer an der Alten Försterei gesungen haben: „Hertha und Union!“ Nicht leise und verschämt, sondern laut und durchaus für die Ohren derer bestimmt, die von Berufs wegen alles aufschrieben, was sie da so hörten. Die Stasi hatte ihre Spitzel bei den Spielen vom 1. FC Union platziert, und für manchen Sympathisant der nonkonformistischen Fußballszene endete ein Besuch in der Alten Försterei im Gewahrsam der bewaffneten Organe. Lange her, und eigentlich weiß keiner so genau, warum sich Ost und West in den vergangenen Jahren so dramatisch auseinander entwickelt haben. „Keine Ahnung“, sagt Karsten Heine. „Vielleicht liegt es an einer neuen Fan-Generation, die die alten Zeiten nicht mehr erlebt hat.“

Ja, es gab mal eine Zeit, in der sich Hertha und Union so nahe waren wie heute Angela Merkel und Christian Wulff. Als noch Beton und Stacheldraht die Stadt teilen, sind Herthas Fans gern gesehene Gäste in der Wuhlheide. Es hat etwas Subversives, mit einem Hertha-Aufnäher auf der Kutte zu Union zu gehen. Im Gegenzug reisen Union-Fans nach Plowdiw, Prag oder Budapest oder sonstwo im nichtkapitalistischen Ausland, wo Hertha gerade kickt. Diese Zusammengehörigkeit überdauert den Fall der Mauer.

Am 11. November, zwei Tage nachdem die Schlagbäume an der Bornholmer Straße und anderswo ihre Bedeutung verloren haben, spielt Hertha im Olympiastadion gegen Wattenscheid 09, schon damals nicht gerade ein Publikumsmagnet. Tausende Fußballfans aus dem Osten Berlins setzen sich in ihre Trabis und Wartburgs oder drängen sich in die U-Bahn, die S-Bahnlinie zum Olympiastadion ist noch stillgelegt. Alle wollen sie dabei sein, zum ersten Mal bei einem Hertha-Heimspiel seit 1961. Hertha hat 10 000 Freikarten für DDR-Bürger reserviert, aber weil die schnell vergriffen sind, genügt fortan der blaue DDR-Reisepass als Eintrittskarte. 45 000 Zuschauer bilden eine blau-weiß-rote Schicksalsgemeinschaft und feiern das späte Tor des heutigen Hertha-Scouts Sven Kretschmer zum 1:1-Endstand.

In diesen ersten Tagen nach der Grenzöffnung kommt die Idee auf von einem Freundschaftsspiel der Traditionsklubs aus dem Osten und dem Westen. Da beide Mannschaften ihren Punktspielverpflichtungen nachkommen müssen, zieht sich die Umsetzung dieses Projekts noch bis in das kommende Jahr hin. Doch noch hält das Band der Sympathie. 51 270 Zuschauer kommen am 27. Januar 1990 ins Olympiastadion, um die Vereinigung der Stadt auf dem Rasen zu vollziehen. Zu ihnen gehört auch Unions heutiger Präsident Dirk Zingler, „zusammen mit meinen West-Verwandten, alle aus dem Wedding. Es war ein großartiges Erlebnis!“

Als Sponsor tritt die Bundespost auf und verkauft die Eintrittskarten für 5 Mark, zahlbar wahlweise in Ost- oder Westwährung. Im Oberring begehren ein paar Parteigänger des von Erich Mielke protegierten BFC Dynamo auf, sie werden sofort mit „Stasi raus!“-Rufen niedergebrüllt. Auch in der Wahl seiner Feinde ist man sich einig auf den Rängen.

Bei Herthas Anhang sind sie alle gespannt auf Axel Kruse. Der frühere DDR-Junioren-Nationalspieler hat sich im Sommer bei einem Ausflug nach Kopenhagen von Hansa Rostock abgesetzt und darf nun ausgerechnet gegen einen Verein der immer noch existierenden DDR bei Hertha debütieren. Er schießt auch gleich ein Tor, was die Hertha-Fans eher schüchtern bejubeln, man will ja nicht unhöflich sein zu den neuen, alten Freunden aus dem Osten. Dagegen wird jede gelungene Aktion der Unioner mit tosendem Applaus bedacht, ganz besonders der zwischenzeitliche Ausgleich, erzielt von André Sirocks. Am Ende gewinnt Hertha durch ein Tor von Mannschaftskapitän Dirk Greiser 2:1, was der guten Stimmung keinen Abbruch tut und außerdem ein kleiner Hinweis ist für die höchst unterschiedliche Zukunft, vor der beide Klubs stehen.

Hertha BSC schafft am Ende den Aufstieg in die Bundesliga. Union scheitert in der DDR-Liga an der ehemaligen Militärmannschaft von Vorwärts Frankfurt/Oder, die sich später friedliebend zum FC Viktoria wendet.

Im Nachhinein kann man es ganz im Sinne einer Verbrüderung sehen, dass Hertha BSC darauf verzichtet, nach dem Aufstieg auch nur einen einzigen Spieler des Union-Feindes BFC Dynamo unter Vertrag zu nehmen. In Wirklichkeit ist es eher so, dass Herthas Management den Osten nicht ernst nimmt, nicht seine Fußballspieler und auch nicht sein Potenzial an Zuschauern. Zur Vorbereitung auf die Bundesligasaison gastiert Hertha zum Rückspiel an der Alten Försterei, aber es wollen nicht mal mehr 4000 Zuschauer dabei sein.

Hertha und Union verlieren sich aus den Augen, sie werden sich egal und entwickeln später Abneigungen. Im Olympiastadion brüllen sie statt „Eisern!“ nun „Scheiß!“-Union, in Köpenick dichten sie Zanders Hymne um in „Nur zur Hertha geh’n wir nicht“. Selten sind Ost und West auf dem Fußballplatz so weit auseinander gewesen wie zurzeit in Berlin, zum 20. Geburtstag der Wiedervereinigung.

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