Eishockey : Blut und Spiele bei der Weltmeisterschaft in Weißrussland

Ein Diktator, der sich präsentieren will. Ein Weltverband, der das billigend in Kauf nimmt, indem er einfach wegschaut. Die Eishockey-WM in Weißrussland zeigt, wie umstrittene Regime den Sport missbrauchen.

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Mächtige Flügelzange. Russlands Präsident Putin (r.) und Weißrusslands Machthaber Lukaschenko machen nicht nur auf dem Eis gern gemeinsame Sache.
Mächtige Flügelzange. Russlands Präsident Putin (r.) und Weißrusslands Machthaber Lukaschenko machen nicht nur auf dem Eis gern...Foto: imago/ITAR-TASS

Im Januar schlitterte Alexander Lukaschenko gemeinsam mit Wladimir Putin übers Eis. Der groß gewachsene, stämmige Präsident aus Weißrussland als brachialer Eishockeyverteidiger, sein russischer Kollege gab den angreifenden Torjäger. Das Zusammenspiel funktionierte. Die beiden Präsidenten siegten zur Eröffnung des Bolschoi-Palastes im Olympiapark von Sotschi mit ihrem Team 12:3. Auch politisch spielen sich die beiden Präsidenten die Pässe zu. Moskau hat erst kürzlich einen Kredit an Minsk vergeben, angeblich über 1,5 Milliarden Euro.

Putins liebster, aber klammer Nachbarstaat braucht Geld, Weißrussland ist in der schwersten monetären Krise seit der Unabhängigkeit vor 20 Jahren. Trotzdem wollte Lukaschenko sich eine Sportveranstaltung leisten, die er nun auch mit Putins Geld finanziert: die Eishockey-Weltmeisterschaft. Ein großes Ereignis für die eishockeybegeisterten Weißrussen, eine Chance, glaubt Lukaschenko, seinen Staat als weltoffen und fortschrittlich zu präsentieren – und ein Politikum für die westliche Welt. Weißrussland gilt als die letzte Diktatur Europas. Proteste gegen die Ausrichtung der WM gab es nach der Vergabe viele, doch ab Freitag wird in Minsk trotzdem Eishockey gespielt, bis zum 25. Mai. Mannschaften aus 16 Nationen nehmen teil, darunter auch Deutschland und andere westliche Staaten wie die USA, Kanada, Frankreich oder Schweden.

Olympia und Leichtathletik-WM in Russland, Sommerspiele in China, Fußball- und Handball-WM in Katar – immer häufiger werden sportliche Großereignisse an Staaten vergeben, die demokratischen Maßstäben kaum genügen. An Staaten, in denen nicht Bürger per Volksentscheid mitbestimmen, sondern ohne demokratische Umwege oder Hürden wie Proteste die Politik nach ihren Vorstellungen handeln kann. Weißrussland ist, obwohl eine Eishockey-WM ein eher kleines Großevent ist, ein Paradebeispiel dieser Entwicklung.

Weißrussland ist das letzte Land in Europa, das die Todesstrafe anwendet

Seit den Präsidentenwahlen 2010 hat sich die Situation in Lukaschenkos Staat massiv verschlechtert. Damals wurden 700 Menschen in Minsk aus politischen Gründen verhaftet. Eingeschränkte Meinungsfreiheit, Versammlungsverbot, Homophobie – das System ist weit von demokratischen Grundprinzipien entfernt. Weißrussland ist das letzte Land in Europa, das die Todesstrafe anwendet. 2012 wurden mindestens drei Todesurteile vollstreckt, erst über Ostern wurde laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ein weiteres ausgeführt. Lukaschenkos Regime sei grausam, sagt Jovanka Worner von Amnesty International, Länderexpertin für Weißrussland und die Ukraine. „Was wir anprangern, ist auch die Art und Weise der Vollstreckung der Todesurteile.“ Berufungen hätten keine Chance. Todesurteile würden einfach vollstreckt, Angehörige erst danach informiert.

Der stolze Zar von Sotschi
Wladimir Putin (r.) versäumt niemals die Gelegenheit, sich gut ins Bild setzen zu lassen. Dabei versteht sich Russlands Präsident offensichtlich sehr gut mit Fifa-Präsident Sepp Blatter (m.). Der deutsche IOC-Chef Thomas Bach wartet schon freudig auf seine eigene Umarmung.Weitere Bilder anzeigen
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06.02.2014 11:19Wladimir Putin (r.) versäumt niemals die Gelegenheit, sich gut ins Bild setzen zu lassen. Dabei versteht sich Russlands Präsident...

Nach dem Terroranschlag in der U-Bahn von Minsk und der Hinrichtung zweier Verurteilter im März 2012 gab es eine Debatte um die 2009 an Weißrussland vergebene WM und Proteste. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, appellierte mit anderen Abgeordneten an den Eishockeyweltverband, das Turnier in ein anderes Land zu vergeben. Die feministische Aktivistengruppe „Femen“ protestierte vor der Zentrale der International Ice Hockey Federation (IIHF) in Zürich, forderte, dass Lukaschenko sich dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag stellen solle, und hisste auf Plakaten Slogans wie: „Slaves can’t play hockey“. Eine Intervention des EU-Parlamentes gegen die Austragung der WM in Weißrussland brachte Lukaschenko in Bedrängnis. Doch IIHF-Präsident René Fasél kam ihm zu Hilfe. Der Sport dürfe sich nicht zur Marionette der Politik machen, sagte der Schweizer. Die Statuten würden keine Verlegung aus politischen Gründen erlauben. Die IIHF hielt an der WM in Minsk fest.

Uwe Harnos verteidigt diese Entscheidung und hält auch nichts davon, das deutsche Nationalteam in Minsk nicht teilnehmen zu lassen. „Boykott ist immer eine schlechte Entscheidung“, sagt der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). „Es ist ein schwieriger Spagat. Sport ist grundsätzlich unpolitisch. Aber man kann Sport und Politik nicht immer voneinander trennen.“ Man müsse das Thema Weißrussland kritisch betrachten. „Wir haben viel mit den verschiedensten Politikern diskutiert.“ Aber nur wenn man hinfahre, habe man die Möglichkeit, „seine Stimme zu erheben“ bei so einer Veranstaltung. „Unsere Spieler haben keinen Maulkorb“, sagt Harnos. „Das sind alles junge mündige und kritische Bürger. Wem danach ist, der kann sich äußern.“

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