EM-Nebenschauplatz : Die Sportfreunde werden immer stiller

Ihr Lied "Vierundfünfzig, vierundsiebzig, neunzig, Jahr-deiner-Wahl..." war zuletzt bei großen Fußballturnieren ein Gassenhauer. Aber die Sportfreunde Stiller möchten daran gar nicht mehr so gern erinnert werden.

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Fans und Festival. In Scheeßel wurde schon mal vom ganz großen deutschen EM-Triumph gesungen. Foto: dapd
Fans und Festival. In Scheeßel wurde schon mal vom ganz großen deutschen EM-Triumph gesungen.Foto: dapd

Ob die Veranstalter des Hurricane-Festivals bei der Programmplanung auf eine riesige Fußball-und-Musik-Party am Freitagabend spekulierten? Oder ob es bloß Zufall war, dass es fast so gekommen wäre? Drei Tage lang dauert das Indie-Rock-Festival, und ausgerechnet während Deutschlands Viertelfinale stehen die Sportfreunde Stiller auf der Bühne – die Band, die jene unverwüstliche Hymne dichtete, zu der Fußball-Deutschland zum ersten Mal 2006 feierte. „Vierundfünfzig, vierundsiebzig, neunzig, Jahr-deiner-Wahl, ja, da stimmen wir alle ein!“ – das würde auch an diesem Abend gut passen. Allein die Band will nicht so recht.

Dabei wäre die Kulisse – wie gesagt – eigentlich wie gemacht für eine große EM-Spontan-Party. Über den Zelten der Hurricane-Besucher wehen deutsche Flaggen, die Musikfans im Publikum sind mit schwarz-rot-goldenem Schnickschnack ausgerüstet, auf dem Campingplatz, fernab der Bühnen, jubeln Tausende beim Public Viewing. Vielleicht entscheidet sich an Orten wie diesem in der norddeutschen Provinz, wo sich die irgendwie linke und auf jeden Fall entspannte Jugend zum Feiern trifft, endgültig die Frage, ob das ganze schwarz-rot-goldene Gedöns eigentlich erlaubt ist.

Die Jungs waren am Freitag wohl nicht beim Sporti-Konzert - sondern lieber beim Public Viewing. Foto: Karin Christmann
Die Jungs waren am Freitag wohl nicht beim Sporti-Konzert - sondern lieber beim Public Viewing.Foto: Karin Christmann

Nur die drei Sportfreunde auf der Bühne wollen nicht so recht – und das, obwohl spätestens nach dem 3:1 tausende Fans vom Public Viewing herüber zur vermeintlichen Fußballparty der Sportfreunde gekommen sind. Als der Slowene Damir Skomina die Partie in Danzig abpfeift, hat sich vor der Bühne bereits eine große Meute versammelt, die eindeutig toben will. Und was machen die Sportfreunde? Ein Notprogramm. „Deutschland steht im Halbfinale“, sagt Sänger Peter Brugger durch, wie er zuvor auch die jeweils aktuellen Spielstände durchgesagt hat: als würde er den aktuellen Bierpreis an den Getränkebuden verkünden. Dann stimmt die Band, während deren Auftritt auf den Bühnenleinwänden nirgendwo – wer immer das entschieden hat – das Spiel zu sehen ist, ungerührt das nächste Lied an. Das soll es gewesen sein? Nicht ganz.

Die beiden Zeilen, auf die so viele warten, sie kommen dann doch noch, schnell dahingeschrammelt, eine kurze Pause nur machen die Sportfreunde mitten in einem anderen Song, den sie eigentlich gerade spielen. Sie haben umgedichtet, immerhin. Wie praktisch, dass die Deutschen nicht nur dreimal Weltmeister, sondern auch dreimal Europameister waren. Versmaß, Rhythmus, alles passt. „72, 80, 96, 2012 – ja so stimmen wir alle ein...“ Doch nur wer die Daten kennt, kann verstehen, was die Band da singt. Denn das Publikum ist lauter. Wer den Fans zuhört, der kann vermuten, warum es den Sportfreunden vielleicht endgültig reicht mit dem Zirkus. „...werden wir Weltmeister sein“, grölt die Menge, einstimmig. Gelernt ist gelernt.

Deutschland gegen Griechenland: Auch ein Viertelfinale der Fans.

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