EM-Qualifikation : Albanien - geborene Europäer

Ausgerechnet Albaniens verlorene Generation könnte das Land erstmals zu einer Fußball-Europameisterschaft führen.

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Deutsch-albanische Liebe. Mergim Mavraj wurde in Hanau geboren und spielte auch für die deutsche U 21 – seit 2012 gehört sein Herz jedoch fußballerisch dem Land seiner Eltern.
Deutsch-albanische Liebe. Mergim Mavraj wurde in Hanau geboren und spielte auch für die deutsche U 21 – seit 2012 gehört sein Herz...Foto: dpa/Babani

Auf Kommando aus der Kurve reißt sich Aleksander Lala sein weißes Hemd vom Leib, wedelt es durch die Luft, wippt und schreit wie alle anderen Zuschauer im Takt. Das Stadion bebt, glühende Feuerwerkskörper fliegen aufs Feld. Unten, auf dem Rasen im Zentrum Tiranas, geht es um nichts weniger als die fußballerische Vorherrschaft der albanischen Hauptstadt. Aleksander Lalas sitzt auf der Tribüne, sein geliebter KF Tirana spielt gegen den Lokalrivalen Partizani Tirana, das wichtigste Spiel des Jahres, normalerweise. Aber diesmal ist der Lärm nur eine Art Soundcheck für das, was diese Tage noch anliegt: Am Donnerstag trifft Albaniens Nationalmannschaft auf Serbien, am Sonntag geht es gegen Armenien. Vier Punkte aus diesen beiden letzten Gruppenspielen dürften genügen, damit sich das Land für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich qualifiziert.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, was dann passiert“, brüllt Aleksander Lala gegen den Lärm an, den er eben noch selbst verstärkte. „Dagegen ist dieses Derby völlig egal!“ Kaum hat er seinen Satz beendet, schwenkt Lala wieder sein weißes Trikot durch die Nacht von Tirana. 13.000 Zuschauer sind im Stadion, die meisten Bars in der Innenstadt übertragen live. Fußball ist der beliebteste Sport Albaniens, das Stadtderby wäre an Brisanz kaum zu überbieten: Partizani ist der alte Klub der Armee, bei KF Tirana rühmt man sich heute mit seiner Oppositionshaltung zu Zeiten der Diktatur, die erst 1991 endete. „Am Donnerstag stehen wir aber alle an einer Seite“, ruft Lala. Dann, meint er, werde die stets knallrot gekleidete Nationalmannschaft ganz Europa zeigen, dass Albanien keine Schießbude mehr ist.

Tatsächlich ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sich das Dreimillionenland auf dem Westbalkan erstmals qualifizieren wird. In der Gruppe I steht Albanien derzeit hinter Portugal und Dänemark, der dritte Platz ist sicher, der zweite noch möglich. Und selbst als guter Drittplatzierter wäre die Qualifikation perfekt, zumal die verbleibenden Gegner Serbien und Armenien schon weit abgeschlagen sind. So herrscht in Albanien dieser Tage vorsichtige Euphorie. Man kann es nicht ganz fassen, aber eigentlich ist man sich sicher: Diesmal muss es klappen, endlich.

Fast eine Millionen Menschen verließen das Land in den Neunzigerjahren

Schon so eine hohe Wahrscheinlichkeit ist beachtlich. Denn vor nicht allzu langer Zeit war es für die meisten Fußballnationen noch richtig peinlich, gegen Albanien nicht zu gewinnen. Nach dem Zusammenbruch des diktatorischen Regimes blutete das Land aus, weil rund 800.000 Menschen ihr Glück woanders suchten. Mitte der 90er herrschten dann bürgerkriegsähnliche Zustände in Albanien. Spiele des Nationalteams mussten aus Sicherheitsgründen ins Ausland verlegt werden.

Heute prägt die Generation, die gegen Ende der Diktatur auf die Welt kam, den Fußball des Landes. Viele wuchsen in Ländern mit professionellen Strukturen auf, sodass sie vom Chaos in der Heimat, wo Menschen zeitweise nur bewaffnet auf die Straße gingen, wenig erfuhren. Der Mittelfeldspieler Amir Abrashi etwa, der beim SC Freiburg unter Vertrag steht, wuchs in der Schweiz auf. Verteidiger Elseid Hysaj vom SSC Neapel wurde in Italien groß. Die besten Albaner spielen in den Ligen Italiens, Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz. Gegen Portugal haben sie schon gemeinsam gewonnen, gegen Dänemark 1:1 gespielt. Zur ersten Turnierqualifikation des Landes fehlt nicht mehr viel.

Im Derby von Tirana steht es am Samstagabend nach 90 holprigen Minuten 1:0 für Partizani. Aus der Kurve von KF Tirana fliegen noch ein paar Feuerwerkskörper gen Spielfeld, bald verstummt die weiße Masse in Enttäuschung. Auf dem Feld jubeln die Spieler in Rot. Auf der Tribüne ist Aleksander Lala enttäuscht, am Montagmorgen bei der Arbeit wird der Verkäufer Häme ertragen müssen. Aber mit dem Gedanken, dass sich die Roten freuen, kann er sich anfreunden. Vorm Gang aus dem Stadion schaut er gen Spielfeld: „Wenn das am Donnerstag gegen Serbien auch so aussieht, sind wir alle glücklich.“

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