Emre Can oder Julian Weigl? : Zwei für die Mitte

Emre Can oder Julian Weigl – wer spielt für die deutsche Mannschaft gegen Frankreich neben Toni Kroos im defensiven Mittelfeld?

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Er könnte es werden. Der Liverpooler Emre Can.
Er könnte es werden. Der Liverpooler Emre Can.Foto: dpa/Dedert

Emre Can erwischte es zuerst. Er musste beim „Sechs gegen zwei“ zu Beginn des Trainings am Donnerstag in die Mitte und dem Ball hinterherjagen. Gleich darauf bekam Can einen neuen Nebenmann: Julian Weigl. Die beiden jungen Mittelfeldspieler jagten nun zusammen. Am Donnerstag wird das anders sein: Im EM-Halbfinale gegen den Gastgeber Frankreich kann es nur einen geben – Can oder Weigl. Beide sind bei der Europameisterschaft zwar noch nicht zum Einsatz gekommen, durch die Verletzungen von Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger aber sind sie die letzten verbliebenen Kandidaten für den Platz im defensiven Mittelfeld neben Toni Kroos.

EMRE CAN, 22 JAHRE, SECHS LÄNDERSPIELE

Der gebürtige Frankfurter war für die Rolle im defensiven Mittelfeld eigentlich gar nicht vorgesehen. Can ist so etwas wie der Springer im Kader von Joachim Löw: Er muss dort einspringen, wo sich gerade eine Vakanz ergibt. Zu Beginn des Turniers sah es so aus, als hätte der Bundestrainer ihn vor allem als Back-up für den Linksverteidiger Jonas Hector eingeplant. Can hat aber auch – wie so viele andere junge deutsche defensive Mittelfeldspieler – schon als rechter Verteidiger gespielt.

Das liegt vor allem an seiner guten fußballerischen Ausbildung (unter anderem in der Jugend des FC Bayern München) und seiner sauberen Technik. Auch in seinem Klub, beim FC Liverpool, hat Can bereits auf diversen Positionen ausgeholfen, ehe er in der vergangenen Saison erstmals durchgängig auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld randurfte. Es ist kein Geheimnis, dass Liverpools deutscher Trainer Jürgen Klopp seinen Landsmann sehr schätzt. Das gilt aber auch umgekehrt. „Ich habe unter ihm einen Riesenschritt vorwärts gemacht“, sagt Can über das erste Jahr unter Klopp, das mit dem Einzug ins Finale der Europa League (und der Niederlage gegen den Titelverteidiger FC Sevilla) endete.

Auf dem Weg dorthin haben Can und Liverpool unter anderem Borussia Dortmund und Julian Weigl in einem dramatischen Duell aus dem Wettbewerb ausgeschaltet. Can, der vor einem Jahr noch Kapitän der U 21 bei der EM in Tschechien war und im Deutschen Fußball-Bund schon länger als künftige Führungsfigur identifiziert worden war, verfügt über etwas mehr internationale Erfahrung als Weigl. Er hat sechs Länderspiele bestritten – das erste war das vorentscheidende EM-Qualifikationsspiel gegen Polen im vergangenen September in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main. „Er ist sehr wuchtig, körperlich stark, auch technisch sehr gut“, sagt Bundestrainer Löw. „Ein Spieler wie Emre Can würde unserem Spiel sicherlich gut tun.“

Einer wird’s wohl. Der Dortmunder Weigl.
Einer wird’s wohl. Der Dortmunder Weigl.Foto: Imago/Horstmüller

JULIAN WEIGL, 20 JAHRE, EIN LÄNDERSPIEL

Im Vergleich zum kompakten Can wirkt Julian Weigl fast zierlich: Er ist zwar zwei Zentimeter größer, dafür elf Kilogramm leichter. Auch sonst sind beide „ein bisschen unterschiedliche Spielertypen“, wie Bundestrainer Joachim Löw sagt. Weigls Spiel ist symmetrischer, es besticht durch klare Linien. „Er löst manche Dinge ein bisschen anders, weil er die Passwege zustellt, ein ganz geschicktes Positionsverhalten hat und unglaublich sicher am Ball ist“, sagt Löw. Das beweisen auch die statistischen Daten aus der vergangenen Bundesligasaison. Weigl hat 92 Prozent seiner Anspiele an den eigenen Mann gebracht. Am letzten Spieltag, im Heimspiel von Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln, wurden bei ihm 218 Ballkontakte gezählt – damit hat er den bisherigen Bundesligarekord von Bayerns Xabi Alonso übertroffen.

Weigl ist erst vor einem Jahr vom Zweitligisten 1860 München nach Dortmund gewechselt. Dass er sich beim BVB auf Anhieb einen Stammplatz erobert, war eigentlich nicht vorgesehen. 51 Pflichtspiele hat der 20-Jährige für die Dortmunder bestritten. In der Nationalmannschaft ist er erst einmal aufgelaufen. Im Testspiel gegen die Slowakei (1:3) wurde er zur Pause eingewechselt. Das Beste, was sich über sein Debüt angesichts der widrigen Bedingungen in Augsburg sagen lässt: Weigl ist nicht ertrunken.

Seine Perspektive aber gilt generell als glänzend: „Er hat noch mal einen enormen Entwicklungssprung gemacht zum Ende der Saison, er ist offensiver geworden und wird ein bisschen torgefährlicher“, sagt sein bisheriger Dortmunder Mannschaftskollege Mats Hummels. „Wenn das im gleichen Tempo weitergeht, bleibt in zwei, drei Jahren nicht mehr viel übrig, was er verbessern kann.“

Für einen Startelf-Einsatz im Halbfinale einer Europameisterschaft könnten seine Qualitäten sogar schon jetzt reichen.

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