Sport : England in der Hölle der langen Bälle

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London - Der einzige Beifall des Abends kam lange nach dem Abpfiff. Trainer Zlatko Kranjcar wurde von der kleinen Schar montenegrinischer Journalisten im Pressesaal des Wembley-Stadions johlend begrüßt. „Ist es nicht ein Wunder?“ fragte ein Reporter verzückt. „Ich würde sagen: Wir haben alle unsere Erwartungen übertroffen“, sagte der Kroate Kranjcar nach dem 0:0-Unentschieden beim hohen Favoriten. „Drei Siege und ein Unentschieden im Wembley, alles ohne Gegentor. Das zeigt, dass die Mannschaft die Stärke hat, unser Ziel zu erreichen: die Play-offs.“

„Hrabi Sokoli“, die tapferen Falken, waren in der EM-Qualifikation als Tabellenführer der Gruppe G auf die Insel gekommen – trotzdem ging in England natürlich jeder von einem Sieg der Heimmannschaft aus. Im Gegensatz zu den Größen in Weiß hatten die Vertreter des jungen Landes mit nur 670 000 Einwohnern jedoch einen Plan mitgebracht. Tief in der eigenen Hälfte nahmen sie die Flügelstürmer Adam Johnson und Ashley Young in Empfang und verwandelten den Rasen durch konsequentes Verschieben in kleine rote Gefängniszellen.

Die Engländer gaben sich große Mühe, vor den zunehmend missgelaunten 73 000 auf den Rängen nicht die Nerven zu verlieren. Nach einer ansprechenden Auftaktphase fielen sie aber panisch in uralte Verhaltensmuster zurück. „England sah vorne den Kopf von Peter Crouch und versteifte sich darauf, ihn unbedingt zu finden“, schrieb die „Daily Mail“. „Man saß in der eigenen Langball-Hölle fest.“

Der Punktverlust ist für die Engländer kein Desaster; ein Sieg im nächsten Spiel gegen die Waliser würde sie an die Tabellenspitze hieven. Doch bis zu dieser Partie muss der ungeliebte Trainer Fabio Capello sechs Monate schlechte Stimmung und ein unangenehmes Testspiel gegen Frankreich bewältigen. „Wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie direkt nach der WM zurückgetreten wären?“, wollte ein Reporter vom Italiener wissen. Capello verdrehte die Augen. „Es war nur ein Spiel, nur ein Spiel“, grummelte er. „Noch fünf mehr, dann können wir vielleicht darüber reden.“Raphael Honigstein

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