Erfahrung ist Gold wert : Willkommen zur olympischen Ü-40-Party

Pechstein, Björndalen, Kasai: Auch jenseits der 40 sind sportliche Höchstleistungen möglich. Die deutsche Eisschnellläuferin will am Mittwoch im Rennen über 5000 Meter ihre zehnte Olympiamedaille gewinnen.

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Claudia Pechstein könnte am Mittwoch als erste Frau über 40 eine Medaille in Sotschi gewinnen.
Claudia Pechstein könnte am Mittwoch als erste Frau über 40 eine Medaille in Sotschi gewinnen.Foto: Imago

Natürlich gibt es sie, die Rivalität zwischen jung und alt im Spitzensport. Im Eisschnelllauf zum Beispiel sehnen manche jüngere deutsche Läuferinnen das Ende der Karriere von Claudia Pechstein herbei. Die Berlinerin wird in ein paar Tagen 42 Jahre alt. Das Gemecker jüngerer Konkurrentinnen nach dem Motto: „Oma, mach mal Platz für uns“, kennt sie. Sie sage dann immer: „Wenn du schneller als ich laufen würdest, dann wäre ich längst weg.“

Aber es ist in Deutschland keine jüngere Frau schneller auf dem Eis unterwegs als die neunmalige deutsche Olympiamedaillengewinnerin. An diesem Mittwoch will Pechstein in der Adler-Arena über 5000 Meter ihre zehnte Medaille erlaufen (14.30 Uhr im Olympia-Ticker bei Tagesspiegel.de). Es wäre die erste für die deutschen Eisschnellläufer in Sotschi. Gelingt es Pechstein, wäre sie bei den Winterspielen in ihrer Altersklasse in großer Gesellschaft: Alter schützt in Sotschi nicht vor Leistung. So viele Medaillengewinner über 40 wie diesmal gab es noch nie bei Winterspielen. Ein zufälliges Phänomen oder ein Trend?

Erfahrungswerte spielen oft eine entscheidende Rolle

Die Liste der erfolgreichen Ü-40-Fraktion ist lang, angeführt wird sie in Sotschi von Olympiasieger Ole-Einar Björndalen, der Norweger lief im Biathlon mit 40 allen davon. Im Rodeln gab es gleich zwei Medaillengewinner in reiferem Alter: Der Italiener Armin Zöggeler, 40, holte Bronze, Silbermedaillengewinner Albert Demtschenko wird in diesem Jahr sogar schon 43. Der Russe ist damit der bisher älteste Medaillengewinner im olympischen Rodeln. Zwei Medaillen ersprang Noriaki Kasai, 41. Im Einzel von der Großschanze holte er Silber. Im Teamwettbewerb führte er Japan zu Bronze. Alexander Subkow verpasste die Aufnahme in den Klub: Der Zweierbob-Olympiasieger wird erst im August 40. Im Eishockeyturnier der Männer flitzen noch einige reifere Herren übers Eis, der Schwede Daniel Alfredsson, 41, der Tscheche Jaromir Jagr, 42, und der Finne Temu Selänne, er wird bald 44.

Der ewige Ole Einar. Biathlet Björndalen gewinnt auch noch mit 40 Olympiamedaillen.
Der ewige Ole Einar. Biathlet Björndalen gewinnt auch noch mit 40 Olympiamedaillen.Foto: dpa

Dass Sportlerkarrieren im Schnitt immer länger dauern, könnte mit der menschlichen Entwicklung verbunden sein. Die Menschen werden immer älter, jedes zweite heute geborene Kind hat eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Die zunehmende Lebenserwartung ist ein Grund für die immer länger währenden Karrieren im Sport, doch erklärt sie auch den zunehmenden Erfolg? Der Berliner Sportmediziner Thorsten Dolla sagt: „Generell ist es so, dass die Menschen heutzutage viel mehr Sport treiben als früher.

Kondition lässt sich über die Jahre antrainieren, Schnellkraft nicht

80-Jährige sind sicherlich in besserer körperlicher Verfassung als 80-Jährige früher. Auffällig ist bei Olympia, dass die Älteren besonders in Sportarten erfolgreich sind, in denen Erfahrungswerte eine Rolle spielen, da lassen sich körperliche Defizite ausgleichen.“ In Sportarten mit hohem Risikoprofil und enormen physischen Anforderungen dagegen sei so etwas bei Olympia kaum möglich. „Ich kann mir keinen 40 Jahre alten Snowboarder vorstellen“, sagt Dolla.

Der 41-jährige Noriaki Kasai denkt nach der erfolgreichsten Saison seiner Karriere noch nicht ans Aufhören.
Der 41-jährige Noriaki Kasai denkt nach der erfolgreichsten Saison seiner Karriere noch nicht ans Aufhören.Foto: Reuters

Kondition lässt sich über die Jahre antrainieren, mit der Schnellkraft ist das allerdings anders, sie lässt im Alter nach. Samuel Schwarz, Olympiateilnehmer im Eisschnelllaufen in Sotschi, sagt: „Als Sprinterin wäre Claudia Pechstein bestimmt nicht mehr so erfolgreich.“ Auf den kurzen Strecken sei eher ein Alter um die 30 optimal, „dann treffen sich Erfahrung und Kraft zu einem günstigen Zeitpunkt“.

Die These mit den Ausdauersportarten wurde schon oft im Zusammenhang mit der erfolgreichsten olympischen Kanufahrerin Birgit Fischer bemüht, die 2004 mit 42 Jahren noch olympisches Gold in Athen gewann. Der sprintstarke Biathlet Ole-Einar Björndalen ist da wohl eher eine laufende Ausnahme in seiner Altersklasse. Im Alter teilen sich die Athleten die Kräfte eher ein. Der Curler John Jahr, mit 48 Jahren ältester deutscher Teilnehmer bei den Spielen in Sotschi, sagt etwa, dass er als besenschwingender Wischer nicht mehr antreten würde. Das sei ihm physisch zu anstrengend in seinem Alter.

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Und der alternde tschechische Eishockeystar Jaromir Jagr hält sich mit jetzt 42 Jahren bei der Defensivarbeit vornehm zurück, der Weg ins Verteidigungsdrittel ist für den Stürmer nach einem Puckverlust oft einfach doch zu weit. Da lässt er sich lieber schnell auswechseln.

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Auffällig ist, dass die Ü-40-Medaillengewinner bisher allesamt Männer waren, was Sportmediziner Dolla aber für Zufall hält. Frauen sind keinesfalls weniger leistungsfähig im Alter, auch bringen Mutterschaftspausen nicht zwangsläufig einen Karriereknick: Die US-Sprinterin Evelyn Ashford gewann vor der Geburt ihrer Tochter zwei Mal olympisches Gold und dann später als Mutter noch zwei Mal Gold – zuletzt in Barcelona 1992 mit 35 Jahren.

Claudia Pechstein könnte am Mittwoch als erste Frau über 40 bei den Spielen in Russland etwas gewinnen. Auf dem Weg zur ältesten Medaillengewinnerin bei olympischen Spielen wäre sie damit aber noch lange nicht. Den Altersrekord hält Oscar Gomer Swahn, ein Sportschütze. In Stockholm gewann der Schwede 1912 seine letzte von drei Goldmedaillen, in der Disziplin „Laufender Hirsch“, Sparte Einzelschuss. Er war damals 64 und wurde acht Jahre später der bisher älteste olympische Medaillengewinner. Bei den Sommerspielen von Antwerpen schoss er sich zu Silber, wieder im „Laufenden Hirsch“, diesmal im Doppelschuss-Wettbewerb. Swahn war da fast 73 Jahre alt.

Für Claudia Pechstein wird dagegen an diesem Mittwoch die olympische Karriere zu Ende gehen, vielleicht ja mit einem glänzenden Abschiedsgeschenk.

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