Sport : „Es war alles reine Willkür“

Skifahrer Karl Schranz über seinen Ausschluss von Olympia 1972 und das Ende des Amateurparagraphen

Karl Schranz, 72, gehört mit drei WMTiteln und zwei Gesamtweltcupsiegen zu Österreichs erfolgreichsten Skifahrern. Heute betreibt er ein Skihotel in St. Anton. Foto: AFP
Karl Schranz, 72, gehört mit drei WMTiteln und zwei Gesamtweltcupsiegen zu Österreichs erfolgreichsten Skifahrern. Heute betreibt...Foto: AFP

Es war das Ende des Amateurzeitalters. Vor 30 Jahren, im September 1981, beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Baden-Baden, den Amateurparagraphen zu lockern. Dieser hatte noch das Ideal eines Feierabend- und Wochenendsportlers gefordert. Der Berufssportler im olympischen Sport wurde nun zur Regel. In den Staaten des Ostblocks waren die Athleten als Staatsamateure ohnehin abgesichert. Schon vor 1981 wurden viele Ausnahmen geduldet. Das letzte Opfer des Amateurparagraphen war Österreichs dreimaliger Skiweltmeister Karl Schranz, der nach seinem Ausschluss auf dem Wiener Ballhausplatz von 100 000 Fans als Held gefeiert wurde.

Herr Schranz, an diesem Mittwoch erinnert das IOC in Baden-Baden an seine Session vor 30 Jahren. Sie wurden 1972 wegen unerlaubter Werbung von den Olympischen Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen. Empfinden Sie noch Groll?

Groll ist übertrieben, aber Unrecht bleibt Unrecht. Da kann man so viel drehen und wenden. Der Amateurparagraph hat überhaupt keinen Sinn mehr gemacht. Trotzdem hat man mich eliminiert.

Viele Sportler hatten damals Verträge mit Firmen, auch Sie. Ihnen ist ein T-Shirt zum Verhängnis geworden, auf dem Sie Werbung für „Aroma-Kaffee“ machen.

Das war so ein großer Blödsinn. Wir haben ein Fußballbenefizspiel gemacht und dafür dieses T-Shirt angezogen. Mit dieser Firma, die nicht mal ein Sponsor von mir war. Dann wurde ein Foto gemacht, das irgendwie weitergegeben wurde. Neben mir auf dem Foto standen zwei Österreicher, die in Sapporo 1972 starten durften. Aber die hat man rausgeschnitten. Zu sehen war nur ich.

Warum hat es nur Sie erwischt?

Ich war sehr erfolgreich. Ich hatte davor alles gewonnen. Ich war sicher der populärste Skifahrer. Und ich war ein Befürworter, den Amateurparagraphen zu ändern. Das hat die senilen Granden des IOC sicher geärgert. Es waren aber auch Österreicher an meinem Ausschluss beteiligt, Namen will ich aber nicht nennen.

Wie haben Sie damals von Ihrem Ausschluss erfahren?

Ein Journalist hat es mir erzählt. Man hat mir dann gesagt, ich könne entscheiden, ob die ganze österreichische Mannschaft aus Protest nach Hause fahren soll oder nicht. Das wollte ich natürlich nicht. Jeder hatte doch dafür trainiert. Und sonst würden mir bis heute Sportler vorwerfen, dass ich ihnen ihr olympisches Gold genommen hätte.

Hat denn jemand vom IOC mal mit Ihnen gesprochen?

Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage sagte nur: „We don’t talk to individuals.“ Sein Nachfolger Lord Killanin sagte mir immerhin: „Wir können Brundage nicht mehr umdrehen.“ Nach den Sommerspielen von München werde sich alles ändern. Er hat dann später gesagt, dass es nie wieder vorkommen dürfe, dass ein Athlet wegen des Amateurparagraphen ausgeschlossen wird. Überhaupt waren alle späteren Präsidenten des IOC auf meiner Seite.

Sie waren also das letzte Opfer.

Der Amateurparagraph ist auch wegen mir gefallen. Ich bin daher ein bisschen stolz, dass Athleten heute Geld verdienen dürfen. Ich hätte das IOC damals verklagen können. Amerikanische Anwälte hätten mir das ermöglicht. Ein späterer IOC-Präsident hat mir gesagt: Wenn ich geklagt hätte, wäre das IOC pleite gegangen.

Wie viel Bitterkeit ist bei Ihnen geblieben?

Ich habe im Grunde alles gewonnen, Weltmeisterschaft, Gesamt-Weltcup – nur das olympische Gold fehlt mir. Es nach Sapporo 1972 noch einmal zu versuchen, hätte, glaube ich, keinen Sinn gehabt. Aber es war alles reine Willkür.

1988 haben Sie vom damaligen IOC-Präsidenten Samaranch eine Ehrenmedaille bekommen. Konnten Sie sich darüber freuen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe noch andere Preise bekommen, auch einen Ethikpreis des IOC. Das hat mir gezeigt, dass sie doch ein schlechtes Gewissen hatten. Der heutige IOC-Präsident Jacques Rogge hat mich dann zu den Winterspielen 2006 nach Turin eingeladen.

Was würden Sie den IOC-Mitgliedern sagen, wenn Sie zu ihnen am Mittwoch in Baden-Baden sprechen könnten?

Sie sollten darüber nachdenken, was sie Sportlern alles antun. Und was sie noch für mich tun können. Sie könnten mich ja zum Ehrenmitglied machen. Wer weiß, ob es das IOC so noch geben würde, wenn ich es damals verklagt hätte.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar