Europaspiele 2015 in Baku : Die Causa Kaukasus

Im kommenden Juni finden in Aserbaidschans Hauptstadt Baku die ersten Europaspiele statt. Menschenrechtler sehen das Sportereignis kritisch.

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PR für den Apparat. Schon zum Eurovision Song Contest 2012 ließ die Regierung Baku leuchten. Foto: dpa
PR für den Apparat. Schon zum Eurovision Song Contest 2012 ließ die Regierung Baku leuchten.Foto: dpa

Für die Europaspiele in seiner Heimatstadt Baku hatte Rasul Jafarov große Pläne. Der aserbaidschanische Bürgerrechtler wollte die ersten quasiolympischen Spiele Europas dafür nutzen, mit der Kampagne „Sports for Rights“ auf die desolate Menschenrechtslage in seinem Land hinzuweisen. Das berichtete er bei einem Besuch in Berlin im vergangenen Sommer. Den Eurovision Song Contest in Baku 2012 hatte Jafarov für eine ähnliche Aktion genutzt – zum Ärger der aserbaidschanischen Behörden. Seine Pläne für die Europaspiele kann er nun allerdings nicht mehr umsetzen: Der bekannte Gründer und Leiter des Menschenrechtsclubs in Baku sitzt seit August 2014 hinter Gittern. In der vergangenen Woche wurde der 30-Jährige wegen illegalen Unternehmertums und Steuervergehen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt – nach einem Prozess, in dem selbst die Zeugen der Anklage zugunsten des Angeklagten aussagten.

Der Fall Jafarov wirft ein Schlaglicht auf den problematischen Austragungsort der Europaspiele, die vom 12. bis zum 28. Juni in Baku stattfinden sollen. In Aserbaidschan, das von Präsident Ilham Alijew autoritär regiert wird, gibt es nach Angaben von Menschenrechtlern derzeit etwa 100 politische Gefangene. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Regime die Repressionen weiter erhöht. Die Journalistin Khadija Ismayilova, die aufgedeckt hatte, wie sich die Präsidentenfamilie persönlich bereichert, sitzt heute ebenso hinter Gittern wie die Bürgerrechtlerin Leyla Yunus, die sich gegen Zerstörungen von Wohnhäusern in der Innenstadt Bakus ausgesprochen hatte. Andere prominente Regierungsgegner sind ins Ausland geflohen. Der Journalist Emin Huseynov suchte Zuflucht in der Schweizer Botschaft. Zuvor hatten die Behörden das Büro seiner Organisation in Baku geschlossen, die sich für Pressefreiheit einsetzt. Sein Mitstreiter und Kollege Idrak Abbasov verließ das Land und lebt heute in Norwegen.

„Die Europaspiele werden nur für die PR der aserbaidschanischen Regierung genutzt“, sagte Abbasov am Donnerstag in Berlin. Er zeichnete das Bild eines Landes, in dem Wahlen gefälscht werden, die Medien nicht frei sind und ein Personenkult rund um den Präsidenten etabliert wurde. Angesichts der weit verbreiteten Korruption in seinem Land kritisierte Abbasov, dass Aserbaidschan einen großen Teil der Reisekosten aller Sportler trage. „Die Europäer, die Achtung vor sich selbst haben, sollten auf eine Teilnahme an diesen Spielen verzichten oder, wenn sie denn fahren, die Kosten selbst tragen“, forderte der Journalist und Menschenrechtler, der auf Einladung von Reporter ohne Grenzen in Berlin war.

Aserbaidschan habe die Europaspiele „gekauft“, sagen nicht nur Menschenrechtler

Bei Olympischen Spielen zahlt der Gastgeber grundsätzlich die Übernachtungskosten, außerdem erhalten die Nationalen Olympischen Komitees einen Reisekostenzuschuss. Aserbaidschan zahlt jetzt aber einen deutlich höheren Anteil der Flugkosten, als es sonst üblich ist. Hinzu kommt nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) eine sechsstellige Summe sonstiger Kosten, die sich der DOSB und das Bundesinnenministerium teilen. Aus Deutschland werden voraussichtlich 267 Sportlerinnen und Sportler nach Baku reisen. Sie treten in 16 Sportarten an. Im Tischtennis, Schießen und Triathlon können sie sich direkt für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 qualifizieren.

Zur Frage der Kostenübernahme heißt es beim DOSB: „Wir haben uns mit den anderen europäischen olympischen Komitees auf die Idee europäischer Spiele und die entsprechenden Teilnahmebedingungen verständigt, und daran halten wir uns.“ Klar ist aber auch, dass die deutschen Sportverbände die neuen Europaspiele angesichts der ohnehin vollen Terminkalender der Athletinnen und Athleten anfangs nicht gerade begrüßten. Ohne die Zusage aus Aserbaidschan, einen größeren Teil der Reisekosten zu übernehmen, wären die olympischen Komitees wohl kaum zu einer Teilnahme an diesen neuen Erdteilspielen bereit gewesen. Aserbaidschan habe sich die Europaspiele „gekauft“, sagen nicht nur Menschenrechtler. Durch die Teilnahme an den Spielen in Baku beteiligten sich die Europäer an einem „Korruptionsprojekt“, kritisierte Abbasov.

Der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper erklärte am Donnerstag, der DOSB habe sich wie schon vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 und in Sotschi 2014 intensiv mit der Lage vor Ort auseinandergesetzt. So gab es Gespräche mit Menschenrechtsorganisationen, mit dem Auswärtigen Amt, Regierungsvertretern aus Baku und mit Aserbaidschanern im Exil. „Mit Blick auf die Europaspiele sind wir gerade über die Einschränkung der Pressefreiheit und die Repressalien gegen Journalisten und Medien beunruhigt“, erklärte Vesper. „Wir werden die Themen selbstverständlich bei unseren Gesprächen vor Ort und mit Vertretern des Gastgeberlandes ansprechen.“

Idrak Abbasov glaubt nicht, dass das etwas nützen wird. Und von den Kritikern der Regierung sei ohnehin kaum noch jemand übrig, mit dem man sich in Baku treffen könnte.

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