Fällt der Kapitän aus? : Bangen um Ballack - wieder die Wade

Den Deutschen droht der Ausfall ihres Anführers: Der Einsatz von Michael Ballack im Finale ist ungewiss, seine Wade zwickt wieder. Die alarmierende Botschaft rief sofort Erinnerungen an die WM 2006 wach.

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt[Wien]
Wade Foto: dpa
Die Wade der Nation. Deutschland hofft auf Ballacks Genesung.Foto: dpa

Wenigstens die Geheimhaltung funktionierte perfekt. Selbst bei der schlechtesten aller denkbaren Nachrichten für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Am Freitag schon hat Michael Ballack wegen Problemen mit seiner rechten Wade nicht trainieren können, aber die Meldung, die das ganze Land in Aufruhr versetzen würde, wurde noch 24 Stunden zurückgehalten. Niemand ahnte etwas, als die Mannschaft am Tag vor dem EM-Finale vom Tessin nach Wien flog. Erst kurz vor dem Abschlusstraining im Ernst-Happel-Stadion wurde die Nachricht in die Welt entlassen: Michael Ballack, der Kapitän und Kopf der deutschen Mannschaft, könnte im Finale fehlen. „Die Wade ist stark verhärtet“, sagte gestern Joachim Löw, „wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt.“ Es sieht nicht gut aus, als Ersatz könnte Tim Borowski oder auch Bastian Schweinsteiger auflaufen. Kurz vor dem Spiel wird die Entscheidung über den Einsatz fallen.

Dieses Turnier sollte seines werden. Ballack ist jetzt 31, im besten Fußballeralter, wie man so sagt. Er hat sich in England durchgesetzt und sich beim FC Chelsea, in einer Mannschaft voller Weltklassespieler, zum Anführer hochgekämpft. Jetzt das. 2002 bei der WM, als die deutsche Mannschaft zuletzt im Endspiel eines großen Turniers stand, saß er auf der Bank. Er hatte das Team mit seinen Toren ins Finale geführt – und musste wegen einer Gelbsperre zuschauen. Und bei der WM 2006 fehlte er wegen seiner zwickenden rechten Wade im Eröffnungsspiel. Heute wieder? „Er ist noch nicht völlig niedergeschlagen“, berichtete Löw, nachdem er mit Ballack gesprochen hatte. „Er ist nach wie vor optimistisch. Die Ärzte haben noch von einer Chance gesprochen, auch wenn die nicht sehr groß ist.“

Neulich saß Michael Ballack im Schatten und hat noch laut gelacht. Es ging um die Frage, ob er sich vorstellen könne, Bundestrainer zu werden? Ballack hat einmal laut aufgelacht, aber ein wenig gefallen hat ihm der Gedanke schon. Manchmal denkt und redet Michael Ballack, der Mittelfeldspieler und Kapitän der Mannschaft, schon jetzt wie ein Bundestrainer.

Der Bundestrainer heißt aber immer noch Joachim Löw, und vor etwas mehr als zwei Wochen hatte Löw als solcher seine erste heikle Situation zu überstehen. Gegen Kroatien, im zweiten Gruppenspiel der Europameisterschaft, versagte ihm die Mannschaft ihre Gefolgschaft. Löws Wechsel, als Signal gedacht, kamen nicht bei den Spielern an. Das mag daran gelegen haben, dass die Signale falsch waren, vor allem die Einwechslung von David Odonkor. Vielleicht aber lag es einfach an der Mannschaft. Auch Ballack versuchte es: Er meckerte auf dem Platz, stauchte seine Mitspieler zusammen. Aber: Sie verstanden ihn nicht. Wollten ihn nicht verstehen.

Ohne dieses Spiel, das so gänzlich daneben gegangen ist, ohne die Niederlage gegen Kroatien, die erste Zweifel an der Kompetenz des Bundestrainers Löw stiftete und die Autorität des Anführers Michael Ballack erstmals in Frage stellte, ist der Erfolg der Mannschaft bei dieser EM nicht zu verstehen. Dass sie heute in Wien im Finale gegen Spanien steht, ist in erster Linie ein Verdienst des gemeinsamen Wirkens von Löw und Ballack. Die beiden bilden so etwas wie das Kraftzentrum der deutschen Nationalelf. Nicht auszudenken, was ein Ausfall von Ballack für das Team bedeuten würde.

Im Tessin, wo die Deutschen dreieinhalb Wochen lang ihr Quartier hatten, fanden für beide prägende Tage statt. Ballack hat neue Führungsqualitäten entwickelt, Löw hat sie erstmals als verantwortlicher Cheftrainer nachgewiesen. Der eine hätte es wohl ohne den anderen nicht geschafft. Beide stehen nun im Finale – vielleicht schauen sie es beide von der Bank aus an.

Dabei hätte der Titel eine so große persönliche Bedeutung. Ballack könnte das letzte Loch in seiner an sich glänzenden Karriere stopfen, Löw in die Riege großer Trainer aufsteigen. Der einzige Bundestrainer, der auf Anhieb einen Titel geholt hat, war Jupp Derwall 1980. Herberger, Schön, Beckenbauer und Vogts brauchten Anlauf. Alle anderen gewannen nichts.

Die Deutschen hätten wie schon 2000 und 2004 in der Vorrunde ausscheiden können. Sie durften nicht verlieren im letzten Gruppenspiel gegen Österreich. In den Tagen vor dem Spiel wurde darüber spekuliert, ob Löw nach einer Niederlage Bundestrainer bleiben könne. Löw selbst wusste, dass sein Job auf dem Spiel stand; er habe sich Gedanken gemacht, hat er hinterher zugegeben. Dass alles glimpflich ausging, hat er Ballack zu verdanken. Der traf mit einem Freistoß zum 1:0 für Deutschland. Mit diesem Tor rettete er Löw den Job.

Es ist müßig, darüber zu streiten, wie viel Macht Ballack besitzt. Michael Ballack hat Macht. Das war schon unter Löws Vorgänger Klinsmann so und auch unter dessen Vorgänger Völler. Und Ballack wird noch an Macht gewinnen, wenn die Deutschen heute Europameister werden. Der Titel würde für immer mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden – vor allem mit seinem Freistoßtor gegen Österreich. Das Fernsehen hat auf sein Gesicht gezoomt: Nie hat man Ballack entschlossener erlebt.
Er weiß, was er für diese Mannschaft bedeutet. Er kennt seinen Wert. Vor der WM 2006 suchte Ballack den offenen Konflikt mit Jürgen Klinsmann. Die Mannschaft hatte in Testspielen klaffende Lücken in der Defensive offenbart. So geht es nicht, sagte Ballack. Wir brauchen mehr Stabilität. Aber Stabilität würde die Mannschaft nur bekommen, wenn Ballack sich und seine Position in der Offensive opfern würde. Klinsmann, der Guru des Hurrafußballs, sträubte sich, aber Ballack gewann. „Das war gut für unsere Mannschaft“, sagt Ballack. „Klar habe ich mich zurückgenommen.“

Löw ist allmählich mächtig geworden. Im Schatten Klinsmanns machte er auf sich aufmerksam. Er hatte keine große Karriere in den Beinen, als Spieler fehlte ihm der große Name. Löw musste in der Trainerausbildung an der Sporthochschule Köln das Funktionieren der Viererabwehrkette in zwei Minuten so gut erklären, dass er Klinsmanns Aufmerksamkeit auf sich zog. Davor war er ein Trainer wie viele.

Löw und Ballack prägen diese deutsche Mannschaft. In der umgerüsteten Turnhalle in Tenero haben in den vier Wochen fast alle Nationalspieler auf dem Podium gesessen. Jeden Tag fanden sich 200 Journalisten ein, mehrere Fernsehsender übertrugen live. Miroslav Klose war da, Jens Lehmann, Christoph Metzelder, der bärtige Botschafter und Patriotismusdebattenerfinder der WM 2006, auch Philipp Lahm und Arne Friedrich. Wann immer aber Löw oder Ballack kamen, gab es etwas. Ihre Aussagen haben Gehalt, Strahlkraft. Löw, weil er authentisch, klar und überzeugt spricht, Ballack, weil er keine Angst hat. Nicht mal vor einem Konflikt mit dem Bundestrainer.

Nach dem Viertelfinale wurde verschärft über einen Machtkampf zwischen Löw und Ballack spekuliert. Der Bundestrainer hatte die Mannschaft für das Spiel gegen Portugal neu zusammengestellt. Er schob Ballack wieder nach vorne, um seine offensiven Stärken besser zur Geltung zu bringen, und stellte ihm zwei defensive Mittelfeldspieler in den Rücken, die sich um die Stabilität kümmerten. Das System funktionierte perfekt. Nur: Wer hatte es erfunden? Der Bundestrainer? Die Mannschaft? Ballack?

Ist Löw am Ende nur Bundestrainer von Ballacks Gnaden? „Er übt einen positiven Einfluss aus“, sagte Löw. „Er ist derjenige, der immer in die Verantwortung geht.“ Andererseits antwortete er einmal auf die Frage, wie wertvoll Ballack für die Mannschaft sei, dass der Kapitän eine fantastische Laufleistung geboten habe. Das ist so, als würde man einen Ferrari für seine formschönen Türgriffe loben.

Ballack verkündete vor dem Halbfinale, dass das 4-5-1-System aus dem Spiel gegen Portugal beibehalten werde. Da hatte Löw sich öffentlich noch nicht festgelegt. Und in Sachen Urheberschaft blieb Ballack bewusst vage, als wollte er die Machtfrage noch etwas offenhalten. Einmal hieß es, beide Seiten, Mannschaft und Bundestrainer, hätten zur selben Zeit dieselbe Idee gehabt. Erst kurz vor dem Finale gab Ballack öffentlich zu: Der Bundestrainer war’s. Vielleicht war das Löws größte Leistung: Dass er eine gravierende taktische Änderung vorgenommen hat und Ballack das Gefühl gab, er habe nur dessen Willen vollstreckt.

Eine noch größerer Gewinn wäre es, wenn Michael Ballack heute spielen könnte – für Deutschland, für Löw und bestimmt auch für sich. Die Nation würde es ihm gönnen.

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