Sport : Feiern auf belastetem Boden

In zwei Jahren starten die Winterspiele in Sotschi, doch Russland ist noch nicht für alles gewappnet.

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Baustelle Sotschi. Schon im Sommer sollen die meisten Projekte fertig sein.Foto: Reuters
Baustelle Sotschi. Schon im Sommer sollen die meisten Projekte fertig sein.Foto: ReutersFoto: REUTERS

Vermüllte Strände, ganze Stadtviertel ohne Kanalisation, ein Stromnetz, das bei der geringsten Belastung zusammenbrach, hoffnungslos überfüllte Busse auf holprigen Straßen und ein verträumter Flughafen. So sah Sotschi vor dem ersten Spatenstich für die Olympischen Winterspiele im Jahr 2014 aus. Und eine ganze Weile danach noch viel schlimmer. Damals, im Jahr 2008, brauchte man viel Fantasie, um sich staufreie Hochstraßen, ein Netz von elektrisch betriebenen Schnellbahnen zwischen Stadt und Wettkampfstätten und olympische Objekte mit Barrierefreiheit vorstellen zu können. Ein Wort, das die meisten Bewohner von Sotschi zuvor gar nicht kannten.

Inzwischen aber sieht es an der kaukasischen Schwarzmeerküste nach Olympischen Spielen der Moderne aus. In genau zwei Jahren beginnt das große Spektakel, und bisher läuft alles nach Plan, bei mehreren Posten wurden die Vorgaben sogar vorzeitig erfüllt. Ein Chaos wie bei den Sommerspielen 2004 in Athen, wo man lange um die termingerechte Fertigstellung der Wettkampfstätten bangte, ist in Sotschi nicht zu befürchten. Die ersten Projekte sind fertig, wenn auch zu einem hohen Preis. Von mehr als 24 Milliarden Euro an Investitionen ist die Rede. Nie zuvor verschlangen Olympische Winterspiele derartige Summen.

Die hohen Kosten hatten nach Vergabe der Spiele massive Kritik hervorgerufen. Genau wie die Zwangsumsiedlungen von mehreren tausend Einwohnern und irreversible Schäden für die Umwelt. Umweltaktivisten räumten zwar Fortschritte ein, nachdem die Generalauftragnehmer für den Bau von Wettkampfstätten, Bettenburgen und Verkehrsinfrastruktur sich per Abkommen dazu verpflichtet hatten, die Unesco-Empfehlungen zum Umweltschutz einzuhalten. Die Maßnahmen gehen ihnen jedoch nach wie vor nicht weit genug. Die Kritiker würden sich „einzelne Probleme, die bei der baulichen Erschließung unvermeidbar sind, herauspicken und aufblasen“, sagte Vizepremier Dmitri Kosak, der die Vorbereitungen koordiniert und sich lieber an die positiven Dinge hält.

Sotschis neuer Bahnhof ist zu 70 Prozent fertig, das Eissportzentrum und die Hochhäuser des olympischen Dorfes sollen im Sommer fertiggestellt werden. Mit der Montage der Seilbahnen, die zu den alpinen Wettkampfstätten im neuen Wintersportzentrum Rosa Chutor in Krasnaja Poljana führen, wurde ebenfalls schon begonnen. Die meisten Pisten, Loipen, Rodelbahnen und Schanzen sind fertig, am 30. Januar begann bereits der Probebetrieb. Erstmalig werden dort in den nächsten zwei Monaten sogar die russischen Meisterschaften in mehreren alpinen und nordischen Disziplinen sowie im Snowboard ausgetragen. Und am 11. Februar wird in Ros Chutor der erste internationale Wettbewerb ausgetragen, ein Ski-Weltcup der Männer.

Erste Tests der Pisten für den Abfahrtslauf fanden im Winter 2011 statt. Präsident Dmitri Medwedew persönlich hatte auf Tests aller Wettkampfstätten vor Abnahme durch das Internationale Olympische Komitee IOC bestanden. Er und Premier Wladimir Putin lassen sich seither wöchentlich über bauliche und andere Fortschritte berichten. Ein weiteres Problem blendet Putin dagegen ebenso wie die Zivilgesellschaft weitestgehend aus. Die Wettkämpfe in den alpinen Disziplinen finden dort statt, wo sich 1864 nach dem großen Kaukasuskrieg tausende kriegsgefangene Tscherkessen – die Ureinwohner der Region – in eine mehrere hundert Meter tiefe Schlucht stürzten, um der Deportation ins Osmanische Reich zu entgehen. Georgiens Parlament erkannte die Tragödie 2011 als Völkermord an.

Der 150. Jahrestag fällt mit der Eröffnung der Spiele zusammen. Russland plant daher eine Wiederholung der Siegesparade. Mit historischen Uniformen, historischen Waffen am historischen Standort – dem Schauplatz des Dramas. Auf Proteste von Organisationen der heute über die ganze Welt verstreuten Tscherkessen reagierten bisher nicht einmal internationale Menschenrechtsgruppen.

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