Sport : Florian Schwarthoff im Gespräch: "Die größte Hürde ist der irre Autoverkehr"

Die Olympischen Spiele in Sydney wären eigent

Florian Schwarthoff (32) ist deutscher Rekordhalter über 110 m Hürden. Der Architekt, der bei Olympia 1996 Bronze gewann und in diesem Jahr in Sydney Sechster wurde, wechselte vor kurzem von ABC Ludwigshafen nach Berlin zum OSC. Schwarthoff lebt bereits hier und hat sich der Trainingsgruppe von Bundestrainer Uwe Hakus angeschlossen.



Die Olympischen Spiele in Sydney wären eigentlich ein guter Abschluss Ihrer Karriere gewesen: nochmals im Finale, nochmals bester Deutscher?

Ja, das stimmt. Und wenn man mich vor einem halben Jahr gefragt hätte, ob ich mit so einem schönen Erfolg aufhören würde, hätte ich gesagt: Ja, das könnte ich mir gut vorstellen. Aber Sydney war auch ein großer Grund, doch weiterzumachen. Gerade, weil es so ein riesiges Erlebnis für mich war. Und ich habe mir dann gesagt, auf solche unglaublich schönen Erlebnisse will ich einfach noch nicht verzichten.

Sie sind 32 - denken Sie etwa an die Spiele 2004 in Athen?

Das weniger. Aber ich glaube, dass wir bei den Europameisterschaften 2002 in München eine vergleichbare Atmosphäre bekommen. Ich habe 1993 die unglaubliche Begeisterung bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart erlebt. Es ist etwas ganz Besonderes, bei einem Großereignis im eigenen Lande zu starten. Nachdem es mit Olympia 2000 in Berlin nicht geklappt hat, hoffe ich auf die EM 2002. Na, und wenn ich dann Europameister werde, könnte ich vielleicht bis Athen weiterlaufen.

Wie passt in diese Überlegungen Ihr Wohnortwechsel von Heidelberg nach Berlin?

Das war der zweite Grund weiter zu machen. Mit meinem Trainer Hansjürgen Holzamer war ich die Hälfte meines Lebens, insgesamt 16 Jahre, zusammen. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ein anderer Trainer arbeitet und wie es überhaupt ist, ein anderes Training. Das ist eine Erfahrung, die ich unbedingt noch machen möchte.

Zumal Sie in Heidelberg wohl eher ein Einzelkämpfer waren und nun in Berlin bei Uwe Hakus in einer starken Gruppe trainieren ...



Ich war bei Holzamer immer der einzige Hürdenläufer. Er hatte als Bundestrainer für Weitsprung nur Weitspringer. Hier in Berlin sind wir fünf Hürdenläufer. Mike Fenner, den ich schon lange kenne und mit dem ich mir heiße Rennen geliefert habe, sowie drei junge Athleten mit Jerome Crews, Ivo Burkhardt und Oliver Händschke. Ich denke, dass mich diese neue Situation im Training sehr motivieren und voranbringen kann.

Sydney war der spontane Anstoß, die Karriere fortzusetzen. Sind Sie ein Mensch mit spontanen Entscheidungen?

Auf alle Fälle. Als meine Freundin sagte, okay, ich komme auch nach Heidelberg, wenn du nicht nach Berlin willst, habe ich spontan entschieden, nein, ich komme nach Berlin. Ich will diesen Schritt wagen. Ich bin eben ein spontaner Typ.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Berlin?

Die größte Hürde ist der irrsinnige Autoverkehr. Dagegen haben wir in Heidelberg eine beschauliche Provinz. Wunderbar sind die vielfältigen Möglichkeiten: Theater, Kabarett. Das werde ich genießen. Und eine gemeinsame, schöne Wohnung haben wir auch schon gefunden.

Sie hatten insgesamt vier Angebote von Vereinen für das Wettkampfjahr 2001, unter anderem von Ihrem alten Verein ABC Ludwigshafen. Warum haben Sie den OSC Berlin gewählt?



Die Entscheidung für Berlin stand fest. Dann habe ich überlegt, eine runde Sache zu machen: hier zu leben, vielleicht zu arbeiten, zu trainieren und für einen hiesigen Verein zu starten. Das war so eine Art Wunschtraum. So war ich happy, als vom OSC ein Signal kam, dass Interesse bestünde. Dessen finanzielle Probleme waren bekannt. Aber durch die Consulting GmbH von Rudi Thiel ist das wasserdicht abgesichert. In letzter Sekunde hatte sich noch die LG Nike gemeldet, und Ludwigshafen hatte ich noch als Sicherheit in der Hinterhand. So war ich in einer guten Position und habe mehrere Tage mit dem OSC und Rudi Thiel verhandeln können. Ihn kenne ich ja schon sehr lange, und wir haben ja auch den gleichen Beruf.

Haben Sie schon einen Teilzeitjob als Architekt durch Thiels Kontakte gefunden?

Nein. Ich muss erst mal alles andere regeln und werde mich dann in Ruhe danach umschauen.

Ist der Weg den Sie gewählt haben - Studium beziehungsweise berufliche Ausbildung parallel zum Hochleistungssport zu betreiben - in der heutigen Ära des Vollprofitums noch zu realisieren?



Für mich hat es nie einen Zweifel daran gegeben. Ich wollte geistig nicht allein auf Sport fixiert sein. Den ganzen Tag nur um den Sport herum zu organisieren, wäre mir wirklich zu langweilig. Ich habe das Glück, in einer Disziplin zu trainieren, die nicht so zeitaufwendig ist. Ein Nils Schumann etwa muss mit Sicherheit viel, viel mehr als ich für sein Training aufwenden.

Sie waren schon bei den Olympischen Spielen 1988 dabei. Wohin hat sich die Leichtathletik entwickelt?

Sie hat meiner Ansicht nach die Hälfte des Weges vom Amateur- zum Profisport zurückgelegt. Damals war die Leichtathletik mehr ein Amateursport mit nur ganz wenigen vollprofessionellen Ausnahmen wie Carl Lewis. Geld floss noch wenig. Heute gibt es bei der Golden League und selbst bei Weltmeisterschaften dicke Prämien. Das Fernsehen spielt eine immer größere Rolle, die Manager haben sich ausgebreitet. Es passieren hanebüchene Dinge, bei denen man sich an den Kopf greift und denkt: Sind wir hier bei einem Dorfsportfest oder einer Randsportart? Ich denke, dass man in fünf, sechs Jahren ähnliche Strukturen wie im Tennis oder Fußball haben wird.

Dann werden Sie wohl schon das elterliche Architekturbüro übernommen haben, oder?

Das könnte gut sein, denn mein Stiefvater in Nürnberg drängelt schon.

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