Frank Willmann interviewt Kai Tippmann : Italien ist auf den Podolski gekommen

Willmanns Kolumne ist heute Willmanns Interview. Und es geht um nichts Geringeres als das Mutterland der Nudeln mit Soße. Und wer wüsste besser als Kai Tippmann, was im italienischen Fußball los ist? Lesen Sie selbst!

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Alles tutti bei Poldi in Italy.
Alles tutti bei Poldi in Italy.Foto: Reuters

Was haben uns die großen italienischen Klubs bis zum Jahrtausendende gequält. Sie nahmen uns den Völler, den Rummenigge, den Brehme, den Matthäus und den Sammer. Um dem italienischen Fußball auf den Zahn zu fühlen, braucht es einen Fachmann. Kai Tippmann, Fan, Blogger und Wahlitaliener.

Die deutschen Medien vermitteln den Eindruck, Herr Podolski würde in Mailand als der neue Messias gefeiert. Ist dem so?

Von den Medien wird im Moment jeder als Held verehrt, der dem Produkt italienischen Fußball ein bisschen Glanz einhauchen kann und sei es, dass man nur seinen Namen kennt. Die Fans freuen sich natürlich über den Transfer, deutsche Spieler haben ja bei Inter nur positive Erinnerungen hinterlassen (auch weil Jancker zu Udinese ging). Aber mit der für Inter-Fans typischen Ironie erwartet man dort eigentlich keine Wunder, höchstens, dass es weniger schlecht wird als vorher und ich denke, Poldi kann das auch durchaus schaffen.

Wie tief auf der nach unten offenen Beschissenheitsskala ist der italienische Fußball gesunken?

Wenn vor gut zehn Jahren noch drei von vier Champions League-Halbfinalisten aus Italien kamen und man heute hofft, dass wenigstens ein Team irgendwie die Vorrunde übersteht, ist das schon ziemlich weit unten. Die Stadien werden auch nicht jünger, es wird nur immer schwieriger, frustfrei hineinzukommen, um das Spektakel auf dem Platz zu genießen. Natürlich hat ein dreckiger Derbysieg durch ein Abseitstor in der 95. Minute immer und überall seine Daseinsberechtigung, aber „Duisburg – Sonnenhof“ trifft den Zustand des italienischen Fußballs schon ziemlich gut.

Welche Schuld haben daran a) die Clubs, b) die Fans und c) der Verband

a) Die Clubs gehören praktisch alle irgendwelchen Dietmar Hopps, die leider im italienischen Paralleluniversum gerade Sozialhilfe beziehen. Natürlich geht es eine Weile gut, den jeweiligen Neuzugang aus Brasilien als neuen Ringo Starr zu verkaufen, aber spätestens nach den ersten Spielminuten merken viele dann doch, dass der nicht Schlagzeug (oder wenigstens Fußball) spielen kann. Glücklicherweise kann man auf ein riesiges Arsenal fußballbegeisterter Jungs zurückgreifen, die aber leider bis zu ihrem 30. Lebensjahr „nicht genug Erfahrung“ haben, um tatsächlich auch auf den Platz geschickt zu werden – man möchte ja auch ein passendes Umfeld für Totti und Pirlo bieten.

b) Die größte Schuld der Fans besteht darin, dass sie keine 50 Euro mehr für ein Sitzplatzticket ausgeben möchten, um sich dreimal abtasten zu lassen, Personalausweis, Steuerkarte und Großes Blutbild am Einlass vorzuzeigen, um dann im Regen raubeinigen Gesellen beim Herumstümpern zusehen zu dürfen. Damals, als es außer der Kirche keine weiteren Versammlungsorte, keine iPhones, kein Internet, keine Kinos und Fernseher gab, war das noch anders. Man schaut aber trotzdem gern Fußball im Fernsehen; ich denke dass man mit den Zuschaueranimationen aus "FIFA 15" hier aber rasch eine Besserung für die triste Kulisse erreichen kann.

c) Die wichtigste Aufgabe des Verbandes besteht darin, niemandem auf die Füße zu treten, möglichst wenig zu ändern, aber trotzdem dafür zu sorgen, dass man nach außen „bella figura“ macht. Der kürzlich zum großen Zampano gewählte Carlo Tavecchio, vorbestrafter Experte für Altherrenwitze und Bananen-Bonmots steht hier ganz klar für Kontinuität. Und mit etwas Kontinuität würde man ja schließlich auch heute noch drei von vier Halbfinalisten stellen.

Welches Verhältnis haben die Tifosi a) zu den Medien b) zu ihren Vereinen?

a) Mit drei täglichen Sportzeitungen, zwei Pay-TV-Kanälen, täglichen Sportseiten in den Tageszeitungen sowie dem Internet hat der Tifoso jede Menge Auswahl, die Bauchnabelfussel seines Lieblingsspielers aus allen denkbaren Perspektiven zu betrachten. Natürlich nur, um das geschriebene oder gesehene umgehend und unumstößlich richtig zu stellen, schließlich leben hier 60 Millionen Trainer und Journalisten sind im Zweifel so dumm wie richtige Trainer. Der Fan kommt in den Medien hingegen nur als Hintergrund vor, der die Ankunft (oder Abreise) von Podolski oder Ringo Starr bejubelt.

b) Der Italiener sagt, dass man Frau und Haus und Land wechseln kann, aber auf keinen Fall den Verein. Aus dieser Zwangsehe ergibt sich dann notwendigerweise, dass man sich die allermeiste Zeit darüber erregt, von was für inkompetenten Scharlatanen dieser gemanagt wird und was für elende Söldner die heiligen Farben tragen. Denn wie in jeder guten Ehe ist der geliebte Verein natürlich für die eigenen Qualen voll verantwortlich, die Tore hätte auch die eigene Oma reingemacht. 

Gibt die italienische Ultra-Bewegung noch Lebenszeichen von sich?

Es gibt sie noch, die leidenschaftlichsten aller Fans, auch wenn der allgemeine Zuschauerschwund leider auch vor den Kurven keinen Halt gemacht hat und man sich eine „richtige“ italienische Kurve viel leichter in der Bundesliga ansehen kann. Was auch daran liegt, dass man in ein italienisches Stadion praktisch nichts mehr mitnehmen kann, was nicht entweder angewachsen oder unbedingt notwendig ist, um die Blöße zu bedecken. Aber der Italiener an sich singt gern, insofern wird es noch ein paar Jahre dauern, bis auch diese Renitenten aus den Stadien entfernt sind, damit diese dann mit glücklichen Familien gefüllt werden (die sich die Karten nicht leisten können). 

Was können die Deutschen a) von den Fans und b) vom italienischen Fußball lernen?

a) Die Deutschen Fans haben ihr Vorbild bereits praktisch auswendig gelernt, verbessert und überholt. Die italienischen Fans, mit denen ich deutsche Kurven besucht habe, fühlten sich unisono an „Italien vor 20 Jahren“ erinnert: Fahnen, Banner, Gesänge, Megaphone, Trommeln, Pyrotechnik. Einziger Vorteil italienischer Stadien ist, dass niemand „Fahnen runter“ schreit oder sich über das „Dauerlalala“ beschwert, vielleicht könnte man hier noch nachbessern.

b) Vor allem kann man vom italienischen Fußball lernen, wie man es nicht macht. Dass man den Status der besten Liga der Welt mit prall gefüllten, enthusiastischen Stadien auch wieder verlieren kann, wenn nicht alle Beteiligten ständig darum ringen, gemeinsam das Beste zu erreichen. Denn es würde mir in der Seele leidtun, wenn man die schönste Nebensache der Welt auch nördlich der Alpen den Populisten und windigen Geschäftemachern überlässt.

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