Franz Beckenbauer von der Fifa gesperrt : Kaiser des Ungewissen

Ausgerechnet bei der WM in Brasilien sperrt die Fifa Franz Beckenbauer wegen fehlender Kooperation in Ethikfragen. Ein Affront von Sepp Blatter? Diese merkwürdige Sanktion macht deutlich, worum es wirklich geht. Um den Machtkampf im Weltfußballverband.

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Was soll das? Franz Beckenbauer ist von der Fifa für 90 Tage zu einer Art unerwünschten Person in Weltfußball erklärt worden. Nun reist der Kaiser gar nicht erst zur WM in Brasilien an.
Was soll das? Franz Beckenbauer ist von der Fifa für 90 Tage zu einer Art unerwünschten Person in Weltfußball erklärt worden. Nun...Foto: dpa

Franz Beckenbauer ist wieder mal ein Symbol, ein Kronzeuge, für etwas Außergewöhnliches. Normalerweise steht der Name Beckenbauer für das außergewöhnlich Gute, Glückliche oder Schöne. Aber nun, vielleicht zum ersten Mal, steht er da als Symbol für einen verfeindeten, gespaltenen, ja sozusagen bösen Fußball-Weltverband, von Korruptionsvorwürfen überhäuft und von einem widerspenstigen Präsidenten quasi diktatorisch geführt.

Durch die Sperre, mit der der Weltverband Fifa seinen mittlerweile nur noch ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter Franz Beckenbauer ins Abseits stellt, wird diese Dimension erst sichtbar. Gerade weil Franz Beckenbauer weltweit und in gewisser Weise stellvertretend für das Fußball-Deutschland so hohes Ansehen genießt, fällt dieser Akt der Sanktion auf. Denn wann hat die Fifa überhaupt jemals eine Sanktion ausgesprochen gegen unter Korruptionsverdacht stehende Mitarbeiter?

Einerseits erscheint die Strafe, weil sie doch gegen eine solch große Figur des Fußballs ausgesprochen wird, absurd. Gerade während einer Weltmeisterschaft. Andererseits, und das machen vor allem die deutschen Reaktionen deutlich, traut man Beckenbauer gerade wegen seiner Aura eine unkorrekte, ja korrupte Handlung niemals zu. Vielleicht ist das ein Irrtum.

Beckenbauer: Wurschtigkeit und Genialität

Beckenbauer selbst hat auf die klassische Beckenbauer-Art die Doppelbödigkeit seines Tuns offengelegt. Es ist die ewige Mischung aus sympathischer Wurschtigkeit, fußballerischer Genialität und aufblitzendem kalten Zynismus, den er als Kaiserlichen Witz verkaufen kann. Der Journalist Holger Gertz hat diese doppelte Persönlichkeit Beckenbauers erst vor ein paar Tagen in einem genialen Porträt in der Süddeutschen Zeitung beschrieben. Gertz schreibt: „Einmal ging es um das Olympiastadion in München, das Beckenbauer zu ranzig geworden war, er sagt: ’Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann.’ Im Olympiastadion hatte die Trauerfeier nach dem Attentat bei Olympia 1972 stattgefunden. Sein Satz war eine glasklare Entgleisung. Andererseits: mei, der Franz.“

Korruptionsvorwürfe? Kann er nicht verstehen. Lächerlich, sagt Franz Beckenbauer.
Korruptionsvorwürfe? Kann er nicht verstehen. Lächerlich, sagt Franz Beckenbauer.Foto: dpa

Und nun? Man muss ihm nur zuhören, dann läuft es einem, trotz alle Sympathie für seine Person, kalt den Rücken runter. Beim Bezahlsender Sky sagt er, er habe darum gebeten, die Fragen der Ethikkommission auf Deutsch zu bekommen, „weil ich dem Englischen, dem juristischen Englisch, nicht mächtig bin“. Danach aber kommt die eigentliche Botschaft: Dem sei man nicht nachgekommen und deshalb, so Beckenbauer, habe er nicht geantwortet – „ich antworte dann eben auf meine Weise“. Offensichtlich meint er, es ignorieren zu können. Genau diese Weise könnte die falsche sein, spielt sie doch mit dem Nimbus des unantastbaren Sympathieträgers.

Die Fifa hat auf diese Aussage reagiert und Beckenbauer mit einer eigenen Erklärung indirekt der Lüge bezichtigt. Man habe, heißt es, Beckenbauer mehrfach auf Englisch und Deutsch die Fragen zur Verfügung gestellt. Die Fußball-Welt, zu Gast in Brasilien, erlebt hier plötzlich einen Kampf mit offenem Visier. Normalerweise finden solche Scharmützel im Geheimen und hinter verschlossenen Türen statt. Deshalb ist diese Geschichte eine kleine Sensation. In der Geschichte dieser Sperre wiederum stecken unendlich viele andere Geschichten, die fein miteinander verflochten sind. Jede einzelne davon ist im Grunde sehr spannend, auch wenn es nicht um das Spiel als solches geht, sondern eben um Sportpolitik, um die verborgene Welt der sich so mächtig fühlenden Funktionäre und Amtsträger.

Seltsam dabei ist die irritierende Leichtigkeit, mit der die deutschen Verantwortlichen und Experten damit umgehen. Torwart-Titan und TV-Experte Oliver Kahn schaffte es, nach dem, zugegeben viel spannenderen Thema Holland schlägt Spanien die Beckenbauer-Causa einfach wegzulachen, als völlig abwegige Debatte darzustellen, die morgen keinen mehr interessiere. Millionen guckten am Fernsehen zu, wie er das Beckenbauer-Motto einfach nicht ernst nehmen huldigte. Der „Heute-Show“ geschulte Moderator Oliver Welke konnte nur noch leise etwas von Ethik murmeln, dann ging es wieder um, klar, Fußball, wie Kahn quasi ultimativ gefordert hatte.

Dabei ist Beckenbauer über Nacht vom weltweit verehrten Fußballkaiser zur Persona non grata erklärt geworden. Die am Freitag vom Weltverband Fifa verhängte Sperre von 90 Tagen hat für den 68-Jährigen weitreichende Konsequenzen. „Franz Beckenbauer kann an keiner Fußball-Aktivität teilnehmen. Das schließt andere Dinge ein, wie eine Einladung zum Besuch eines Fußballspiels oder den privaten Besuch einer jeglichen Partie“, sagte Alan Sullivan, stellvertretender Chef der Fifa-Ethikkommission.

Die Strafe war auf Antrag von Chefermittler Michael Garcia wegen der angeblich mangelnden Kooperation Beckenbauers bei der Untersuchung der brisanten WM-Doppelvergabe an Russland 2018 und Katar 2022 ausgesprochen worden. Beckenbauer sei „wiederholt“ angefragt worden, „in einem persönlichen Interview oder durch die Beantwortung schriftlicher Fragen Informationen zu liefern“.

"Ich bin der falsche Ansprechpartner"

Zuvor hatte die englische Zeitung „Sunday Times“ in ihrer jüngsten Ausgabe von Reisen Beckenbauers nach Katar auf Einladung des mittlerweile lebenslang gesperrten früheren Funktionärs Mohamed bin Hammam berichtet. Beckenbauer soll 2009 und 2011 im Emirat gewesen sein, bei der zweiten Reise als Berater zu Geschäftsgesprächen einer Hamburger Firma. Beckenbauer hatte Korruptionsvorwürfe energisch zurückgewiesen. „Ich habe mit Korruption nichts zu tun“, sagte er. „Wer sollte an mich herantreten und zu Dingen verleiten? Das ist doch lächerlich. Ich bin der falsche Ansprechpartner.“

Was führt er im Schilde? Sepp Blatter, Fifa-Präisdent und graue Eminenz des Weltfußballs, will noch eine weitere Amtszeit.
Was führt er im Schilde? Sepp Blatter, Fifa-Präisdent und graue Eminenz des Weltfußballs, will noch eine weitere Amtszeit.Foto: dpa

Der falsche Ansprechpartner? Lächerlich? Das also sagt Beckenbauer, was er nicht sagt ist, wie der von ihm bei Sky formulierte Satz „Ich antworte dann eben auf meine Weise“ zu verstehen sei. Jetzt will er also antworten. Aber wird dies eine ernsthafte, ernstzunehmende Antwort sein in Zeiten, in denen der gesamte Weltverband seit Jahren misstrauisch von der Öffentlichkeit beäugt wird? Die WM für Russland und Katar – verschoben? Das würde man den Funktionären zutrauen. In einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender Al Dschasira hat sich Beckenbauer schon im Mai 2011 zu Korruptionsvorwürfen geäußert und zur Rolle von Fifa-Präsident Sepp Blatter. Beckenbauer sprach zwar mit deutlichem deutschen Akzent, aber sein Englisch war ansonsten nicht zu beanstanden.

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