Frauen-Skispringen : Dabei sein wäre alles

Sie dachten, Mädchen steht die Welt offen – und Diskriminierung war gestern. Doch sie hatten nicht mit dem IOC gerechnet. Warum Skispringerinnen in Vancouver fehlen.

Anne Haeming
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Saubere Technik. Ulrike Gräßler bei einem Trainingssprung in Tschechien. -Foto: dpa

Gleich gibt es Abendessen, aber in Gedanken sind sie woanders. Sie denken an die Trainingssprünge am Nachmittag, drüben auf der Schanze in Schonach. Sie denken an die neuen Anzüge, die sie vorhin getestet haben, an den Wettkampf morgen, an die kommenden Springen in Ljubno, Zao und Zakopane. Vor allem aber denken sie an den Start in Villach. Denn am selben Tag beginnt in Vancouver die erste Hauptrunde im Skispringen bei den Olympischen Spielen. Genau an jener Schanze, von der sie in der vergangenen Saison gesprungen sind. Eigentlich hätten sie die nächsten Wochen wieder dort verbringen sollen. Eigentlich. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre.

Aber das ist es nicht: Skispringen ist noch immer die einzige olympische Disziplin, in der nur Männer antreten dürfen. Und deshalb fällt es Ulrike Gräßler und Juliane Seyfarth schwer, nicht an Vancouver zu denken. Die eine ist 23 und amtierende Vizeweltmeisterin, die andere ist 20 und einstige Juniorenweltmeisterin, 136 Meter die Bestmarke der einen, 141 Meter die der anderen. Seit Jahren springen sie überall auf die vordersten Plätze. Zusammen mit Nationaltrainer Daniel Vogler sitzen sie nun in der holzgetäfelten Stube ihres Berghotels im Schwarzwald und versuchen, nicht wütend zu klingen. Gräßler trägt lässige Trainingsklamotten. Seyfarth hat sich die Lippen rot geschminkt, die Nägel manikürt, ihr Pony ist wie mit einem Lineal gezogen: „Es ist nicht alles negativ“, sagt sie. „Wir haben ja die WM.“

Ausgerechnet die Olympischen Spiele, die für gleichberechtigtes Miteinander stehen, haben sie und die anderen Springerinnen der Welt zu Feministinnen werden lassen. Auch wenn sie sich nie so bezeichnen würden. Auf einmal saßen die Frauen auf Pressekonferenzen und sagten Sätze wie: „Ich wünsche mir, dass die jüngeren Mädchen nicht mehr so kämpfen müssen wie wir. Sie sollen einmal die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer.“ Frauen, die eigentlich überzeugt waren, dass ihnen die Welt offensteht. Und die in den vergangenen zwei Jahren überrascht feststellten, wie sich Diskriminierung anfühlt.

Sie trainieren sie mit den Jungs, seit sie Kinder sind

Dabei trainieren sie mit den Jungs, seit sie als Kinder mit dem Skispringen anfingen. Und in den dickwandigen bonbonfarbenen Synthetikanzügen, mit ihren Helmen und Schutzbrillen sehen sie auch so aus wie die Männer, wenn sie sich in die Tiefe stürzen.

Beim Wettkampftraining, ein paar Stunden zuvor, drüben in Schonach, rasten die Frauen aus Deutschland, Norwegen oder Russland mit 80 Stundenkilometern die Schanze hinunter. Eine nach der anderen, über 50 Mal ein langes Zischen. Und wenn sie vom Schanzentisch abhoben, die Skilatten zum V geformt – Stille. Nur das langsame Quietschen des Skilifts blieb. Die Zuschauer, die zuvor das Training der Männer beobachteten, waren alle weg. Nur zwei Handvoll drückten sich noch am Hügel herum, verfolgten das waghalsige Spektakel.

Das Internationale Olympische Kommittee (IOC) lehnte sie aus „technischen Gründen“ ab; zu wenige Spitzensportlerinnen, zu wenige Nationen seien am Start. „Diese Aussagen kann man nicht mehr vertreten“, sagt Daniel Vogler und schiebt sich noch eine Gabel mit Torte in den Mund. „Es starten regelmäßig 14 Nationen und 50 bis 70 Athletinnen“, der US-Verband spricht gar von 16 Nationen und 130 Springerinnen. Bei anderen olympischen Sportarten, schickt Vogler hinterher, seien es weniger, beim Bobfahren der Damen etwa, oder der neuen Disziplin Skicross. Wenn es bei Olympia 2014 wieder nicht klappt, „dann verstehe ich die Welt nicht mehr“.

Und dann sind da noch die Vorurteile. „Es heißt oft, eine Frau muss doppelt so viel leisten wie ein Mann, um genauso anerkannt zu werden. So kommt man sich wirklich manchmal vor“, sagt Ulrike Gräßler. „Wenn ein Mann stürzt, war es ein schlimmer Unfall. Wenn wir stürzen, heißt es gleich: Ihr Frauen könnt ja nicht springen, lasst das lieber.“

Skispringen ist angeblich aus „medizinischen Gründen“ bedenklich für Frauen

Auch aus „medizinischen Gründen“ sei der Sport bedenklich für Frauen, hatte der Schweizer Gian Franco Kasper während der Debatte um die Olympiateilnahme gesagt. Kasper ist Präsident des Weltskiverbands FIS. Er soll auch erklärt haben, die Gebärmutter könne durch die Wucht des Aufpralls reißen – ein Satz wie aus jener Zeit, als Metzger glaubten, menstruierende Frauen dürften beim Schlachten nicht helfen, weil sonst Fleisch und Wurst verdürben. Ach, das Gebärmutterzitat, beide Frauen lachen, „das kommt immer“, sagt Juliane Seyfarth und der goldene Anhänger ihrer Halskette wippt.

Präsident Kasper ist Jahrgang 1944. Als er 27 war, durften Frauen in der Schweiz zum ersten Mal wählen. Vom Alter her könnte er der Großvater der meisten Skispringerinnen sein. Als die FIS 2006 abstimmte, ob Frauenskispringen eine olympische Disziplin werden sollte, waren 114 dafür. Nur einer votierte mit Nein: Gian Franco Kasper. Auf der Basis dieser Entscheidung stimmte das IOC kurz darauf ebenfalls dagegen.

Damals begannen die Springerinnen zu kämpfen, allen voran die Nordamerikanerinnen. Sie posierten vor dem berühmten Kriegsmotiv mit der Frau im Blaumann, die die Ärmel hochkrempelt, darüber der Slogan „We can do it“. Sie kämpften mit Demonstrationen, Fakten und Klagen. Sie kämpften mit Websites und Facebook, und sie bauten Plakatwände auf – etwa gegenüber der Zentrale des Organisationskommittees für die Winterspiele in Vancouver.

Hinter all dem steckt Deedee Corradini. Sie war bis vor zehn Jahren Bürgermeisterin von Salt Lake City, der Olympiastadt 2002. Sie hat den US-Frauenskisprungverband gegründet. Mit jedem Satz macht sie klar: Sie lässt sich nichts gefallen. „Ich habe wegen Olympia 2002 sehr viel mit dem IOC zu tun gehabt“, rief sie bei einer Demonstration in Vancouver in die Menge. „Und ich weiß: Die können alles, wenn sie nur wollen.“

Frauen starteten eine internationale Petition - erfolglos

Die Frauen mögen zierlich sein, wie in dieser Sportart üblich, aber sie kämpften bis aufs Messer. Sie starteten eine internationale Petition, reichten Klage gegen Gender-Diskriminierung vor dem Obersten Gerichtshof Kanadas ein. Sie gingen in Berufung, es brachte nichts, abgewiesen im Herbst 2009. Das IOC hatte das letzte Wort. Es sei die Entscheidung von „alten europäischen Männern“, den „Taliban von Olympia“, schimpften die US-Springerinnen. Allen voran Lindsey Van, klein, brünett, 25 Jahre alt, Weltmeisterin. Sie ist eine der tragischsten Figuren dieses Kampfes. Sie hatte so fest an Olympia geglaubt, dass sie danach heulend zusammenbrach. Bei den nächsten Spielen 2014 in Sotschi wird sie schon fast 30 sein.

Die Petition hat Ulrike Gräßler mit unterschrieben, auch wenn sie lange überlegt hat. „Ich wollte das IOC nicht erpressen.“ In Deutschland ist man weniger kämpferisch als in den USA. Gräßler und Seyfarth sagen meist „man“, selten „wir“ oder „ich“. Sie wollen nicht an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. 19 deutsche Springerinnen sind bei der FIS gemeldet, viele davon sind unter den besten zwei Dutzend der Weltrangliste. „Bei uns hat in den vergangenen zwölf Monaten keiner mehr mit Olympia gerechnet“, sagt Seyfarth. „Don''t carry the world upon your shoulders“, singen die Beatles im Radio im Hintergrund, draußen blitzt der Schnee im Sonnenuntergang.

Auch wenn sie es scheinbar leicht nehmen, Olympia ist der Dreh- und Angelpunkt des Sports. Es ist nur eine Veranstaltung, alle vier Jahre, aber an ihr hängt letztlich alles. Die Karriere, die Motivation, das Einkommen.

Weil ihre Disziplin nicht olympisch ist, werden die Frauen nicht von der Sporthilfe unterstützt. Sie können deswegen auch keine Sportsoldaten werden wie alle anderen und nebenher studieren, wie Juliane Seyfarth es vorhatte, für die Zeit nach der Athletenkarriere. Stattdessen gehen sie als Sportler zur Polizei, ihre einzige Chance auf finanzielle Absicherung. Auch für Sponsoren sind die Skispringerinnen uninteressant: zu wenig Öffentlichkeit. „Nur die offiziellen Verbandssponsoren“, Ulrike Gräßler tippt auf die Aufnäher an ihrer Trainingsjacke, aber davon haben sie selbst nichts. Ihre Wettkämpfe werden nicht vom Fernsehen übertragen, erst neuerdings gibt es ab und an zehnminütige Zusammenfassungen, wenn die Fernsehsender wegen der Männer sowieso vor Ort sind. Das zeigt sich auch bei den Preisgeldern: Bei den Männern werden die ersten 60 Athleten mit Geld belohnt, für den Tagessieger gibt es knapp 7000 Euro. Die Frauen bekommen nur etwas, wenn sie unter den besten Drei landen. Die Siegerin erhält ganze 250 Euro.

Viele Chancen, sich international zu messen, haben sie nicht

„Wir wollen ja nicht die Welt“, sagt Ulrike Gräßler. Aber ein Weltcup wäre ein Anfang. Viele Chancen, sich international zu messen, haben sie nicht. Derzeit nur beim sogenannten „Continental Cup“ – bei den Herren tritt da nur die zweite Garde an. Eine Frauen-WM gab es 2009 zum ersten Mal. „Zuerst kommen die Herren, dann die Nordischen Kombinierer, und erst dann schaut man, wo noch Terminlücken sind für die Frauen – der Wettkampfkalender ist ziemlich dicht“, sagt Vogler. „Dabei könnten wir die Infrastruktur der Männer einfach mitnutzen“, also etwa in deren Mittagspause springen. Man wünsche sich, die Herren von der FIS würden sich die Wettkämpfe der Frauen öfter anschauen, bei den Männern sind sie immer dabei. „Unsere Koordinatorin bei der FIS ist eine Japanerin, sie macht ihre Arbeit sehr gut“, sagt Vogler. „Aber sie muss sich vor einem Gremium aus lauter Herren durchsetzen. Das ist nicht so einfach.“

Ulrike Gräßler setzt nicht viel Hoffnung auf Olympia 2014. Wer weiß, was dann ist. „Am Ende sind vielleicht genau die Frauen, die den Sport geprägt haben, nicht dabei“, sagt sie, lehnt sich zurück, denkt nach. „Das wäre bitter.“ Sie und Seyfarth würden gerne skifliegen, also an Schanzen starten, die länger sind als 90 Meter. Aber sie dürfen nicht – weil sie Frauen sind. Eine Versicherungsklausel.

Zwei Skispringerinnen werden ihre männlichen Kollegen in Kanada ganz genau beobachten, auch wenn es schmerzt. Die eine ist Alissa Johnson aus den USA, deren jüngerer Bruder bei Olympia springen darf. Die andere ist Lindsey Van, die aktuelle Weltmeisterin. Sie wird dabei zusehen, wie vielleicht ihr Rekord auf der Olympiaschanze gebrochen wird. Er liegt bei 105,5 Metern. Niemand, weder Mann noch Frau, kam bisher so weit.

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