Sport : Fürs Mutterland

Warum der Amerikaner Julian Sensley im deutschen Nationalteam Basketball spielt

Benedikt Voigt[Frankfurt am Main]

Am Donnerstag hat Julian Sensley erstmals vier Stunden in Deutschland verbracht. Der 24-Jährige aus Hawaii landete mittags in Frankfurt und fuhr sofort zu einem am Flughafen residierenden Sportartikelhersteller, wo er gemeinsam mit der deutschen Basketball-Nationalmannschaft Autogramme schrieb und Werbefotos schoss. Vier Stunden später flog er mit dem Team ins Trainingslager nach Mallorca. Man kann es auch so sagen: Es hat schon deutsche Nationalspieler gegeben, die in ihrem Leben mehr Zeit in Deutschland verbracht haben.

Julian Sensley, geboren in New Orleans und aufgewachsen in Kailua, Hawaii, wird künftig für die deutsche Nationalmannschaft Basketball spielen. „Ich bin Amerikaner“, sagte er der Zeitung „Honolulu Advertiser“, „aber gleichzeitig sehe ich das als Chance, meine Herkunft zu repräsentieren.“ Weil seine Mutter Deutsche ist, besitzt Julian Sensley seit Geburt die deutsche und die amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Großeltern wohnen in Hamburg, doch er hat sie noch nie besucht. Deutsch spricht der neue Nationalspieler auch nicht.

Es ist schon ungewöhnlich, wie Julian Sensley zu der Mannschaft von Bundestrainer Dirk Bauermann fand. „Wir haben vor zwei Jahren einen Tipp bekommen, dass er für uns interessant sein könnte“, sagt Wolfgang Brenscheidt, Sportdirektor des Deutschen Basketball-Bundes, „danach haben wir Kontakt mit ihm aufgenommen.“ Kotrainer Chris Welp beobachtete ihn bei einem Spiel der University of Hawaii. „Er ist ein guter Athlet, und er hat ein Auge für die Mitspieler“, sagt Brenscheidt. Zuletzt spielte er in der NBA-Summerleague.

Sensley ist nicht der erste deutsche Basketball-Nationalspieler, der kein Deutsch spricht. 2001 setzte der DBB den in einem Eilverfahren eingebürgerten NBA-Profi Shawn Bradley ein. Der Mormone spielte anschließend bei der Europameisterschaft für Deutschland – und danach nie wieder. „Bradley war am Ende seiner Karriere“, erklärt Brenscheidt, „Sensley steht erst am Anfang.“ Zunächst aber muss es der 2,07 Meter große Power Forward in den Kader der zwölf Spieler schaffen, den der Bundestrainer zur WM nach Japan (19. August bis 3. September) mitnimmt. Auf seiner Position sind Dirk Nowitzki und Ademola Okulaja gesetzt, wahrscheinlich kämpft er mit Guido Grünheid und Christopher McNaughton um einen Platz.

Die Integration sieht Brenscheidt nicht als Problem. „Wenn Julian Sensley dabei ist, sprechen wir Englisch“, sagt er. Doch Sensley ist auch neugierig auf das Land seiner Mutter. „Er hat sich bereits erkundigt, wie viel Freizeit wir bei unseren Spielen in Hamburg und Berlin haben werden“, sagt der Sportdirektor. Etwas mehr als vier Stunden in Deutschland sollen es offenbar doch werden.

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