Fußball Bundesliga : "Ralf Rangnick, was an RB Leipzig ist bescheiden?"

RB Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick spricht im Tagesspiegel-Interview über Ziele seines Klubs, ein Angebot aus England und fliegende Urinbecher.

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Ralf Rangnick ist überzeugt, dass bei RB Leipzig "in 100 Jahren noch erfolgreich Fußball gespielt wird".
Ralf Rangnick ist überzeugt, dass bei RB Leipzig "in 100 Jahren noch erfolgreich Fußball gespielt wird".Foto: dpa

Herr Rangnick, am Tag des Aufstiegs von RB Leipzig wollten Sie einer Bierdusche enteilen und zogen sich einen Muskelfaserriss zu. Wann wird wieder gefeiert?

Ich hoffe, dass es schon am Ende dieser Saison einen Grund zum Feiern gibt. Nämlich dann, wenn wir wissen, dass wir im Jahr darauf wieder Bundesliga spielen. Aufstiege gibt es jetzt keine mehr, es ginge um das Erreichen internationaler Wettbewerbe oder gar Titel. Ich kann mir Dinge schon vorstellen, die momentan noch eher gewagt erscheinen mögen, aber dass das schon in dieser Saison passiert, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Jetzt untertreiben Sie aber. Nur Bayern München ist besser als Leipzig.

Der gute Start ist hilfreich. Wir müssen sehen, dass wir weiterhin fleißig Punkte sammeln. Nächstes Jahr wollen wir uns weiter verbessern, das heißt für mich aber noch nicht, dass wir uns ganz hohe Ziele stecken. Im dritten Bundesligajahr, nehmen wir mal an, es käme so, können wir dann vielleicht die internationalen Plätze ins Auge fassen. Das halte ich auch für realistisch bei unseren Möglichkeiten. Derzeit aber stehen wir in der Gehaltstabelle im Mittelfeld.

Ob das stimmt oder nicht: Was könnte Ihnen ernsthaft in die Quere kommen? Die Ablösesummen können es anscheinend nicht sein.

Es ist uns schon klar, dass wir in den vergangenen beiden Jahren Ablösesummen bezahlt haben, die durchaus hoch waren. Für uns ist aber ein anderer Punkt viel entscheidender. Wenn ich mir die letzten vier Jahre ansehe, dann haben wir konsequent einen Weg verfolgt mit einem klaren, durchgängigen Spielstil von den Kleinsten beginnend, der U 8, bis hoch zu den Profis. Wir haben Trainer, die diese Idee vermitteln können, und wir verpflichten im Profibereich ausschließlich junge Spieler zwischen 17 und 24 Jahren. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen und somit auch organisch wachsen. Dass das auch alles schneller gehen kann, ist möglich. Aber nur wenn mehrere große Vereine gleichzeitig schwächeln und so genannte kleinere Vereine eine Topsaison hinlegen.

Macht der Auftakt verführerisch, bringt er die junge Mannschaft nicht vom Weg ab?

Bis jetzt nicht, nein. Ich kann nicht erkennen, dass sich da irgendjemand von uns blenden oder dazu verleiten lässt zu glauben, wir hätten schon etwas erreicht.

Es lässt sich nicht verbergen, dass RBL einen recht spendablen Konzern hinter sich weiß. Wo liegen die Grenzen für dieses Fußballunternehmen?

Grundsätzlich liegen sie da, wo wir sie uns selbst setzen. Wir haben hier eine Art internen Salary Cap. Und damit wollten wir bei unserer Mannschaft ganz bewusst ein Zeichen setzen und unser großes Plus der vergangenen Saison, den extremen Teamgeist, nicht durch eine eventuelle Neiddiskussion gefährden. Das und das junge Alter der Spieler erklärt dann auch unseren Etat im mittleren Bereich der Liga.

Es heißt, kein Spieler verdiene mehr als drei Millionen Euro. Mit anderen Worten: Sie lassen noch nicht die volle finanzielle Wucht des Konzerns von der Leine?

Mich fragten gegen Ende der abgelaufenen Transferperiode überraschte Kollegen anderer Vereine und Berater, weshalb wir uns auf dem Transfermarkt so defensiv verhalten würden.

Warum diese Zurückhaltung – auf zugegeben hohem Niveau?

Weil wir Spieler im Kader haben, die bei uns vor vier Jahren in der vierten Liga begonnen haben wie beispielsweise Kapitän Dominik Kaiser und Fabio Coltorti oder Yussuf Poulsen und Diego Demme, die zu Beginn der Drittliga-Saison zu uns kamen. Unsere größten Trümpfe für den Aufstieg waren der Teamspirit, die Entschlossenheit und die Mentalität der Mannschaft. Das ist auch der Grund, weshalb wir das nicht gefährden wollten durch aberwitzige Transfers. Ich halte in unserem Fall derzeit astronomische Gehälter grundsätzlich für problematischer als hohe Ablösesummen. Bei jedem unter Vertrag stehenden Spieler, ist die Ablösesumme in der Regel deutlich höher, als der Marktwert zum Zeitpunkt der Verpflichtung. Die Frage ist: Haben wir die Vorstellungskraft, diesen Spieler durch unsere Arbeit so weiterzuentwickeln, dass sein sportlicher Wert zunimmt und damit auch sein Marktwert steigt?

Hält RB Leipzig sich mit den Gehältern deswegen zurück, weil die Konkurrenz sonst erst richtig Theater machen würde?

Nein, das interessiert uns dabei gar nicht. Uns geht es um die Stimmung innerhalb des Vereins. Die Spieler, die die ganzen Aufstiege mitgemacht haben, sollen nicht den Eindruck gewinnen, dass hier plötzlich ein völlig neues Zeitalter angebrochen ist, sie nur noch auf ihren ausgehandelten Verträgen sitzen und nur die Neuzugänge finanziell davon profitieren. Und genau aufgrund dieser Gehaltsvorstellungen haben wir im Sommer einige Spieler nicht verpflichtet.

Halten Sie es für ausgeschlossen, dass Leipzig das deutsche Leicester wird?

So etwas wie Leicester wird in England auch nicht mehr passieren. Da ist in der vorigen Saison etwas ganz Außergewöhnliches geschehen, als sie im zweiten Jahr nach dem Aufstieg Meister geworden sind. Viele Vereine haben extrem geschwächelt, Chelsea vorneweg, auch Manchester United. Und auch Manchester City war weit von dem entfernt, was man erwartet hatte. Nein, ich halte so etwas in Deutschland für äußerst unwahrscheinlich, dafür sind Bayern und Dortmund zu dominant.

Was an RB Leipzig ist bescheiden?

Bescheiden sind wir schon, aber nicht in dem Sinne, dass wir uns kleiner machen, als wir sind. Allerdings auch nicht größer. Bescheiden ist unser Auftreten und unser Umgang mit- und untereinander. Wir haben großen Respekt vor der Liga, vor der Konkurrenz und gehen dabei trotzdem konsequent unseren Weg. Wir wissen, dass wir damit in der Lage sind, für Überraschungen zu sorgen, siehe Dortmund oder jetzt Wolfsburg. Das waren ja keine glücklichen Siege, sondern wir haben sie uns verdient.

Inwiefern unterscheiden sich die Projekte TSG Hoffenheim und RB Leipzig?

Gemein ist sicherlich die Spielidee, auf junge Spieler zu setzen, es nicht auf Teufel komm raus nur mit Geld zu regeln. Beide Vereine sind privilegiert. In Hoffenheim war es in Dietmar Hopp wirklich eine Einzelperson, hier ist es mit Red Bull ein Weltkonzern. Für mich sind das keine Projekte, weil Projekte zeitlich begrenzt sind. Hier wird in 30, 50 oder 100 Jahren noch erfolgreich Fußball gespielt. Aber Unterschiede gibt es auch. Hoffenheim hat 3000 Einwohner. Nehmen wir noch die Rhein-Neckar-Region dazu vom Odenwald bis nach Hohenlohe, dann sind das etwa 1,5 Millionen Einwohner. Hier in Leipzig sind es allein in der Stadt 570 000. Der gesamte Bereich Mitteldeutschland ohne einen weiteren Bundesligisten kommt dann noch hinzu. Und wir hatten hier von Anfang an ein bundesligataugliches Stadion, entsprechende Strukturen und waren im Vergleich zu Hoffenheim auch in Bezug auf die Zuschauerzahlen schon weiter.

Mit Hoffenheim ging es 2008/09 von Null zur Herbstmeisterschaft. Ein halbes Jahr später wurde RB Leipzig gegründet. Gibt es da einen Zusammenhang?

Herr Mateschitz hat das nie erwähnt, zumal er zuvor in Salzburg eingestiegen war. Er wollte sich im Rahmen des deutschen Fußballs engagieren und hatte sich dafür Leipzig ausgesucht.

Aufstieg und Fall des Ralf Rangnick. Nach der feststehenden Beförderung in die Bundesliga bekommt der Cheftrainer eine Bierdusche von Davie Selke verpasst und geht dabei zu Boden. Foto: dpa/Woitas
Aufstieg und Fall des Ralf Rangnick. Nach der feststehenden Beförderung in die Bundesliga bekommt der Cheftrainer eine Bierdusche...Foto: dpa

Was an diesem Leipziger Modell ist Geld, was ist Kompetenz und was Hingabe?

Reiner Calmund spricht gern von den drei Ks. Kompetenz, Konzept und Kapital. Ich sage jetzt nicht, ohne das Geld von Herrn Mateschitz wären wir jetzt auch da, wo wir sind. Das wären wir nämlich nicht! Klar, Geld ist notwendig und wichtig, um bestimmte Dinge umzusetzen. Aber nehmen Sie die beiden Absteiger der Vorsaison. Hannover 96 hatte das höchste Budget seiner Vereinsgeschichte und ist sang- und klanglos abgestiegen. Der VfB Stuttgart war wahrscheinlich in der Gehaltstabelle unter den ersten sieben, acht Teams und ist trotzdem als Vorletzter abgestiegen. Ohne Kompetenz und Konzept garantiert dir auch viel Geld nicht automatisch Erfolg.

Es braucht also Sie?

Es ist sicher kein Zufall, dass ich nach Hoffenheim zum zweiten Mal Teil einer visionären Geschichte geworden bin. Ich schätze kurze Entscheidungswege. Wir können Dinge schnell selber entscheiden, von denen wir überzeugt sind. Wir müssen nicht noch erst Aufsichtsräte befragen oder eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Wenn ich überzeugt bin, dass etwas richtig ist, dann ist es schwer, mich davon abzuhalten oder es erst in einem Jahr umzusetzen.

Schmälert es Ihre Zufriedenheit, dass es am Ende doch nur mit Geld geht?

Nein, weil ohne dies hätte ich gar nicht drüber nachgedacht. Bevor ich Trainer in Hoffenheim wurde, hat Herr Hopp diesen Job mehreren Bundesligatrainern angeboten. In Leipzig war Felix Magath auch mal ein Kandidat. Keiner von denen konnte sich vorstellen, diesen langen und mühsamen Weg zu gehen. Ich hatte von Anfang an genug Vorstellungskraft, um zu sagen: Wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen, das Geld sinnvoll einsetzen, wenn wir richtig gute Leute für die Jobs auch außerhalb der Mannschaft und um das Team herum finden und als Dienstleister einsetzen, dann kann das sogar schnell gehen.

Es gibt viele Fußballfans, denen RBL als seelenloses Gebilde ein Ärgernis ist. Inwiefern treffen Sie die Anfeindungen?

Die sind zuletzt und nun in der Bundesliga noch einmal deutlich zurückgegangen. Das war mir aber auch klar, wenn wir denn gut spielen. Und unsere Werte und positiven Attribute vermitteln. Inzwischen ist es so, dass immer mehr Menschen sagen: Hey, die präsentieren sich wirklich leidenschaftlich und begeisternd und haben richtig interessante Spieler. Vor allem solche, die vorher hierzulande nur Insidern der Scoutingabteilungen etwas sagten, wie Naby Keita, Bernardo oder Oliver Burke. In der medialen Öffentlichkeit und unter meinen Kollegen in den Klubs ist das eigentlich kein großes Thema mehr. Was mich ärgert, aber das würde wohl jedem so gehen, wenn ein Spiel wie in Köln 15 Minuten später anfangen muss. Aber nicht, weil der Busfahrer die Staumeldung nicht gehört hat, sondern weil 50 Holzköpfe beschließen, die Zufahrt zu blockieren. Es darf nicht so weit kommen, dass Mannschaften am Ende keinen Zutritt zur Sportanlage bekommen.

Ist der abgetrennte Rinderkopf, der im Pokalspiel aus dem Dresdner Block geworfen wurde, der Höhepunkt der Anfeindungen?

Nein, da haben wir schon ganz andere Dinge erlebt. In Heidenheim beispielsweise, im ersten Zweitligajahr, wurden unsere Ersatzspieler beim Aufwärmen mit Urinbechern beworfen.

RB Leipzig möchte gern als Bereicherung für die Liga wahrgenommen werden. Sehen Sie die Gefahr, dass die Anfeindungen zunehmen, je erfolgreicher der Verein ist?

Wie gesagt: das Thema hat sich schon längst beruhigt und wir reden hier nur von kleinen Minderheiten. Nehmen Sie Leverkusen oder Wolfsburg, das sind klassische Werksmannschaften. Die Wolfsburger wäre ohne VW ganz sicher nicht da, wo sie jetzt stehen und nicht mit Spielern wie Mario Gomez oder Julian Draxler ausgestattet. Beide Vereine zählen inzwischen zum Inventar der Liga, selbst Hoffenheim ist vollkommen akzeptiert. Deswegen glaube ich, dass mit jedem Jahr, das wir in der Bundesliga spielen, die Anfeindungen geringer werden. Vor allem dann, wenn wir so spielen wie bisher.

Aktuell steht aber Leipzig im Zentrum der Anti-Kommerzdebatte.

Wo wird denn darüber noch wirklich ernsthaft diskutiert? Auch hier sind wir schon ein ganzes Stück weiter als andere Klubs früher. Wenn alte Wertvorstellungen auf neue Entwicklungen treffen, bedarf es vor allem auch im emotionalen Fußballgeschäft etwas Zeit. Insbesondere in Deutschland tun wir uns schwer mit Neuerungen, schwerer als andere Länder. Es gibt keine Nation, in der die Menschen so überversichert sind wie hier in Deutschland. Der Deutsche versucht sich, gegen möglichst alles zu ver- und abzusichern. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir mit unseren Neuerungen als junger Verein und mit dem starken Sponsor im Rücken polarisieren.

Und was sind die nächsten Neuerungen?

Ich bin davon überzeugt, dass Verbesserungsmöglichkeiten in der Schulung der kognitiven Fähigkeiten liegen. Es wird darum gehen, unter hohem zeitlichem Druck und in beengten Räumen die richtigen Lösungen zu finden.

Im Sommer sind Sie mit Ihren Ideen beim englischen Verband vorstellig geworden.

Eine Woche nach dem EM-Aus der Engländer hat sich der Verband bei mir gemeldet hat. Es ist ja durchaus eine Anerkennung und Auszeichnung für die bei uns geleistete Arbeit, wenn seit dem Italiener Fabio Capello mal wieder ein ausländischer Trainer für dieses Amt in Betracht kommt. Zwei Tage später haben sie sich für einen Engländer entschieden.

Sam Allardyce konnte sich nur wenige Wochen halten...

Der englische Verband wollte im Sommer der englischen Trainergilde seinen Respekt erweisen.

Hätten Sie es gemacht?

Ich hätte meine derzeitige Aufgabe bei RB Leipzig auf keinen Fall vollständig aufgegeben. Für mich kommt es grundsätzlich nicht darauf an sagen zu können, ich war hier oder da mal Trainer, sondern die Frage für mich ist immer: Was kann ich verändern und bewirken? Für mich steht außer Frage, dass im englischen Fußball – ähnlich wie bei uns zur Jahrtausendwende – auch strukturell einiges verändert werden muss. Um den Anschluss an Nationen wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und selbst Portugal herstellen zu können, ist es mit der bloßen Neubesetzung der Cheftrainerstelle nicht getan.

- Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

TRAINER

Der Durchbruch gelang Ralf Rangnick mit dem SSV Ulm als Aufsteiger in die Zweite Liga 1998. Es folgten Stationen beim VfB Stuttgart, bei Hannover 96 und Schalke 04, ehe Rangnick die TSG Hoffenheim von der Regionalliga in die Bundesliga führte.

SPORTDIREKTOR

Im Imperium von Red Bull stieg Rangnick 2012 als Sportdirektor inSalzburg ein und übernahm auch die sportliche Verantwortung für Leipzig. Die Sachsen stiegen aus der Regionalliga zweimal auf. In der vergangenen Saison übernahm Rangnick wieder selbst den Trainerposten. Der heute 58-Jährige führte den Verein in die Bundesliga und verpflichtete danach Ralph Hasenhüttl als neuen Trainer.

MENSCH

Sein zweites Engagement bei Schalke 04 beendete Rangnick 2011 wegen eines Burnouts.

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