Fußball-EM der Frauen : Bundestrainerin Neid rätselt: Wer wo mit wem?

Aufgrund vieler prominenter Ausfälle müssen die deutsche Frauen vor der EM improvisieren - auch heute gegen Kanada. Sicher ist nur eines: Zum Turnier wird das Team erstmals nicht als Favorit fahren.

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Bitte nicht verletzen. Svenja Huth (r.) gegen die Schottin Jane Ross.
Bitte nicht verletzen. Svenja Huth (r.) gegen die Schottin Jane Ross.Foto: dpa

Mit ihrem neuen Zuhause hatten sich Deutschlands Fußballerinnen schnell angefreundet. „Hier kann man sich wohlfühlen“, sagte die Wolfsburgerin Lena Goeßling nach einer Inspektion des Hotels in Bad Lippspringe. Und ihre Teamkollegin Anja Mittag, aktuell in Malmö, früher aber bei Turbine Potsdam beschäftigt, meinte: „Das sieht aus wie in Sanssouci.“

Der in Essen begonnene EM-Lehrgang der DFB-Frauen wird am Rande des Teutoburger Waldes fortgesetzt. „Ich nehme wieder keine Rücksicht auf das Spiel gegen Kanada“, erläutert Bundestrainerin Silvia Neid ihr hartes Trainingsprogramm vor dem nächsten Test am Mittwoch. Und sich selbst erinnert die 49-Jährige beim Blick auf die von diversen Ausfällen zerrissene DFB-Auswahl an ihre Kardinalaufgabe. „Mein Ziel ist es jetzt zu schauen: Wer passt am besten zu wem?“, sagt Neid.

Eine Alternative zum Aufstellungs-Puzzle gibt es ohnehin nicht. Das weiß auch Simone Laudehr, die – ähnlich wie ihre Frankfurter Vereinskollegin Fatmire Bajramaj – beim 3:0 am Samstag gegen die drittklassigen Schottinnen nach monatelanger Verletzungspause erstmals wieder im Nationalteam spielte. „Wir haben nicht so viel Zeit, aber wir sind ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Jetzt ist wichtig, dass wir auf möglichst vielen Positionen spielen. Um herauszufinden, wer wo und wer zusammen mit wem spielen kann“, sagte die Weltmeisterin von 2007. „Ich könnte jetzt schon 90 Minuten spielen. Aber dann müsste man mich morgen früh mit dem Kran aus dem Bett heben.“

Bundestrainerin Neid ist in dieser verzwickten EM-Vorbereitung froh über jede Spielerin, die sich positiv hervortut. Wie etwa die Potsdamerin Jennifer Cramer. „Sie hat gegen Schottland sehr mutig gespielt und viel Dampf über die Außenbahn gemacht“, lobt die Bundestrainerin die 20 Jahre alte Defensivspezialistin. Neid betont: „So etwas lässt mich nach der ganzen Verletzungsserie für die EM doch hoffen.“

Und die Hoffnung wird ein zentraler Reisebegleiter sein, wenn die deutschen Titelverteidigerinnen am 7. Juli zur EM nach Schweden fliegen. Nach den jüngsten Absagen von Kim Kulig, der eine zweite Knie-Operation droht, und der von Babett Peter fehlen sechs tragende Kräfte des Teams. Bei Peter, der Linksverteidigerin vom 1. FFC Frankfurt war gestern bei einer MRT-Untersuchung eine Ermüdungsfraktur des Kahnbeines des linken Fußes festgestellt worden.

Flexibilität ist daher gefragt. So wuselte gegen Schottland die 20-jährige Leonie Maier, die im Verein üblicherweise verteidigt, plötzlich im linken offensiven Mittelfeld herum. Die Wolfsburgerin Goeßling, einst Mittelfeldspielerin, dann zur Innenverteidigerin umgeschult, kehrte zu ihren Wurzeln zurück und nahm nun Kuligs Position im defensiven Mittelfeld ein.

Drei Arbeitsbereiche hat Silvia Neid bis zum Kanada-Spiel nun besonders im Fokus: „Passschärfe, Abwehrverhalten und die beiden Sechser-Positionen.“ Die Gegnerinnen aus Nordamerika schätzt die Bundestrainerin als „eine oder sogar zwei Klassen besser als Schottland“ ein. Die nächste Steigerung folgt dann beim finalen Test am 29. Juni gegen Weltmeister Japan. Doch unabhängig davon steht jetzt schon fest: Anders als sonst reisen die DFB-Frauen diesmal nicht als Favorit zur EM nach Schweden. Andreas Morbach

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