Fußball-EM in Frankreich : Ein 0:0, das vor allem die Schweiz glücklich macht

Die Franzosen haben mehr Chancen, aber die Schweizer halten gut dagegen. Nach dem besten 0:0 der EM sind beide Seiten zufrieden.

Hoch die Beine: Die Franzosen hatten im Spiel gegen die Schweiz viele Chancen, nur das Tor fiel nicht.
Hoch die Beine: Die Franzosen hatten im Spiel gegen die Schweiz viele Chancen, nur das Tor fiel nicht.Foto: dpa

Klatschpappen ausgeteilt hätten in der Fußball-Arena zu Lille! Sie wissen schon, solche Dinger, die man vom Turnen kennt oder vom Turmspringen. Paul Pogba jedenfalls hätte sich in dieser 37. Minute des Europameisterschaftsspiels zwischen Gastgeber Frankreich und der Schweiz allerbeste Haltungsnoten verdient. Der Superstar des französischen Teams brachte nach einem Kopfballduell mit Breel Embolo im fußballerischen Niemandsland einen derart formvollendeten Handstand zur Aufführung, dass ein lautes Raunen durch das mit 50.000 Zuschauern ausverkaufte Stadion brauste. So wie überhaupt bei vielen Aktionen des weltweit umworbenen Mittelfeldspielers von Juventus Turin ein Raunen durch das Rund brauste. Bei den meisten anderen Spielern dieses Planeten hätte es sich bei besagtem Handstand wahrscheinlich um die denkbar spektakulärste Szene gehandelt, die man eben so erwarten kann von einer Partie auf internationalem Niveau. Bei Pogba fühlte sie sich dagegen eher wie schmückendes Beiwerk an. Immer, wenn der hochbegabte 23-Jährige am Ball oder auch nur in der Nähe des Spielgeräts war, wurde es gefährlich vor dem Schweizer Tor.
Grundsätzlich taugte die Szene auch durchaus als Sinnbild für ein umkämpftes Spiel, das ja bekanntlich über den Sieg in der Vorrundengruppe A entscheiden sollte. So wie Pogba es tat, mussten sich auch die anderen Mitglieder der französischen Auswahl ziemlich auf den Kopf stellen, um einer vor allem defensiv exzellent organisierte Schweizer Mannschaft zielführend beizukommen. Am Ende trennten sich beide Vertretungen torlos, was wiederum auch für die Schweizer einen netten Nebeneffekt hatte: Als Zweiter der Gruppe A ist ihnen das Achtelfinale ebenso sicher wie den Franzosen.
Obwohl das Team von Nationaltrainer Didier Deschamps nach Adam Riese und zwei Auftaktsiegen ein Remis zum sicheren Gruppensieg genügt hätte, investierten die Franzosen von der ersten Minute an viel, um in gefährliche Situationen zu kommen. Yann Sommer, der Schweizer Nationalkeeper in Diensten des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, konnte, nein, er musste sich allein in der ersten Halbzeit ein halbes Dutzend Mal auszeichnen.

Pogba hatte gleich ein halbes Dutzend guter Chancen

Los ging es mit einem Distanzschuss von, natürlich, Paul Pogba, der Sommer ein wenig unglücklich durch die Handschuhe rutschte, aus Sicht der Schweizer aber glücklicherweise am Lattenkreuz landete. Wiederum zwei Minuten später setzten die beiden Protagonisten ihr Privatduell fort, und wieder hieß der Sieger Yann Sommer, der Pogbas wuchtigen Schuss aus spitzem Winkel so gerade noch um den Pfosten lenken konnte.
Insgesamt verteidigten die Franzosen ein wenig offensiver als in ihren ersten beiden Spielen, die nach späten Toren jeweils erst kurz vor Schluss entschieden worden waren. Diesmal, das war dem EM-Gastgeber anzumerken, wollte er die Entscheidung früher herbeiführen.
Vor allem Pogba verköperte dieses Vorhaben mit jeder Faser seines Körpers. Nach einer guten Viertelstunde nagelte der Mittelfeldspieler den Ball bereits zum zweiten Mal in diesem Spiel ans Lattenkreuz, diesmal nach einem dynamischen Sprint aus 22 Metern Torentfernung.
Allerdings war es nicht so, dass sich die Schweizer nur versteckten oder in destruktiven Aktionen übten. Die Spielanteile in der ersten Halbzeit waren durchaus ausgeglichen, bis zum gegnerischen Strafraum kombinierten die Schweizer durchaus gefällig.Dort angekommen, gingen ihnen allerdings regelmäßig die finalen Ideen aus, um zu gefährlichen Abschlüssen zu kommen.
Nach dem Seitenwechsel ähnelten sich die Szenen. Die Franzosen besaßen im Grunde Chancen für zwei Spiele, allerdings gingen sie sehr verschwenderisch mit ihren Möglichkeiten um. Das galt sowohl für Antoine Griezmann, der nach Vorlage von Pogba an Jann Sommer scheiterte. Die Angriffsbemühungen der Gastgeber wurden nach einer Stunde noch einmal deutlich verstärkt, nämlich mit der Einwechslung Dimitri Payets, für den Kingsley Coman vom FC Bayern München seinen Platz räumen musste. Payet fügte sich sogleich mit einer guten Aktion ein: Nach einem Angriff aus dem Bilderburch bediente Sissoko mit einer wunderbaren Flanke den soeben Eingewechselten, der am zweiten Pfosten heranrauschte und mit einer Volleyabnahme nur die Latte traf – es war dies bereits der vierte Aluminumtreffer der Franzosen innerhalb einer Stunde. Am Ende konnte ihnen dieser Umstand aber auch herzlich egal sein: Nach Italien ist die „Grande Nation“ erst die zweite Mannschaft, der der Gruppensieg bei dieser Europameisterschaft nicht mehr zu nehmen ist. Die Haltungsnoten interessierten am Ende niemanden mehr, abgesehen vielleicht von Paul Pogba. Darauf eine Klatschpappe. (Tsp)

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