Italiens Matchwinner : Balotelli, zwischen Genie und Wahnsinn
30.06.2012 10:06 UhrZwei Bilder genügen, um alle Extreme zu erfassen. Die geballten Fäuste, die gespannten Muskeln, dieser Blick voller Wut, Stolz, Verachtung. Und dann: die Umarmung, Wange an Wange, Tränen fließen, das Gesicht demütig an die weinende Mutter geschmiegt, ein Lächeln.
Wer Mario Balotelli sucht, der muss sich irgendwo dazwischen bewegen, so wie der Stürmer zwischen Verteidigungslinien. Der 21-Jährige ist ein Mann der Widersprüche: Genie und Wahnsinniger, Könner und Kindskopf, Verstoßener und Geliebter, Italiener und Ghanaer, Tor und Torschütze, und das zweifach, gegen Deutschland. Nach dem zweiten Treffer riss er sich das blaue Trikot vom Leib und erstarrte in archaischer Pose.
Ein stolzer Krieger wollte er sein. Die drei Wärmepflaster auf seinem Rücken wirkten, als hätte ein Urzeitbiest seine Krallen nach ihm ausgefahren, aber ihn nicht bekommen, wie die deutschen Verteidiger.
Unerträglich muss die Arroganz dieser Geste den Deutschen vorgekommen sein. Aber nicht nur ihnen. Darauf angesprochen, dass die Mitspieler ihm diese Art Jubel verübelten, sagte er: „Sie sind nur eifersüchtig auf meine Muskeln.“
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Man muss verstehen, dass Mario Balotelli nach Treffern eigentlich nicht jubelt. „Tore sind mein Job – jubelt denn ein Postbote, wenn er einen Brief einschmeißt?“, hat er einmal rhetorisch gefragt. Wenn er sich doch zu einer Pose hinreißen lässt, dann transportiert er stets eine Botschaft, wie der Briefträger. Nach seinem ersten Turniertreffer – einem traumhaften Seitfallzieher gegen Irland – fing der nur Eingewechselte an, Richtung Trainerbank zu schimpfen. Ein Mitspieler musste ihm den Mund zuhalten. Bei seinem Klub Manchester City häuften sich vor Monaten die Berichte über seine vielen Skandale, die zerschrotteten Autos, die abgefackelte Villa, das minutenlange Verheddern im eigenen Trikot, der lustlose Hackentrick vor dem Tor – da entblößte er nach einem Treffer ein T-Shirt. Darauf stand: „Warum immer ich?“ Und nun die Protzpose gegen Deutschland. Die Botschaft ist immer die gleiche: Seht mich an, das bin ich, ihr kommt nicht an mir vorbei, ihr könnt mich nicht ändern.
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Und ihn ändern, das wollten weiß Gott schon einige. Roberto Mancini etwa, sein Trainer in Manchester und zuvor bei Inter Mailand, sagte stets: „Er kann einer der besten Spieler der Welt sein, wenn er nur will.“ Irgendwann sagte er nur noch: „Ich rede nicht jeden Tag mit ihm, sonst bräuchte ich einen Psychiater.“






