Sport : Fußball-Geschichte: Das letzte Geheimnis von Wembley

Broder-Jürgen Trede

Wembley 1966 - Das Finale um die Fußballweltmeisterschaft zwischen England und Deutschland. Ein Spiel, das auch nach 35 Jahren noch immer mächtig Diskussionsstoff hergibt. "Drin oder Linie?" - der Streit um das legendäre dritte Tor der Engländer scheint mittlerweile geklärt. Wissenschaftler der Universität Oxford haben nach umfangreichen Analysen der Fernsehbilder ermittelt, dass der Ball die Linie des deutschen Tores nicht mit vollem Durchmesser überschritten hat. Auch Geoffrey Hurst, der vermeintliche Torschütze, hat das in seiner im August erschienenen Autobiographie "1966 and all that" ("1966 und all das") zugegeben. Der Mythos Wembleytor bleibt trotzdem bestehen, auch wenn das Rätsel inzwischen gelöst ist.

Doch das legendäre Endspiel von 1966 gibt noch ein weiteres Rätsel auf, das inzwischen fast ebenso heiß diskutiert wird wie die Frage nach dem Wembley-Tor. Streitpunkt ist das berühmte Foto von Sven Simon, dem ältesten Sohn Axel Springers, der inzwischen verstorben ist. Das Foto zeigt, wie Uwe Seeler mit gesenktem Kopf und von einem Ordner begleitet das Spielfeld verlässt. Eine eindrucksvolle Aufnahme, die im vergangenen Jahr von Sportjournalisten zum "Sportfoto des Jahrhunderts" gewählt wurde. Für viele ist dieses Foto das Symbol für die unglückliche deutsche Final-Niederlage von 1966 schlechthin. Etliche Journalisten und Fotografen vermuten allerdings, dass es sich um eine Aufnahme aus der Halbzeitpause handelt. Sie führen als Beweis die Musikkapelle an, die im Bildhintergrund zu sehen ist. Diese hätte nur zur Pause und niemals nach dem Schlusspfiff gespielt.

Auch Uwe Seeler, die Hauptfigur des Bildes, ist ein Verfechter dieser Halbzeit-Theorie. Immer wenn ein Länderspiel zwischen Deutschland und England anstand, wurde der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft mit dem Foto konfrontiert und nach dem Zeitpunkt der Aufnahme gefragt. Zuletzt, rund um das WM-Qualifikationsspiel in München, gleich in drei verschiedenen Fernseh-Sendungen.

Das Idol des Hamburger SV hatte stets zwei Erklärungen parat, warum er beim Spielstand von 1:1 so zusammengesunken und mit einem auf den Boden gerichteten Blick in die Pause ging: Erstens habe er sich schon auf die zweite Halbzeit konzentriert und überlegt, wie man dann die Engländer schlagen könne. Zweitens habe er kontrollieren wollen, ob seine Schnürsenkel auch richtig zugebunden seien.

Rudi Michel, der Fernseh-Kommentator des Londoner Endspiels, ist hingegen fest davon überzeugt, dass Sven Simon sein Foto nach Ende der Verlängerung gemacht hat. Anlässlich der Anfang November von ihm moderierten NDR-Fernsehsendung zu Seelers 65. Geburtstag brachte Michel sogar ein Beweisfoto mit, mit dem er seinen Freund Uwe überzeugen wollte. Recherchen des Hamburger Instituts für Sportjournalistik im Vorfeld der großen Uwe-Seeler-Ausstellung, die zurzeit in Hamburg zu sehen ist, bestätigen die Ansicht Rudi Michels. Die Kapelle war sowohl in der Pause als auch nach dem Schlusspfiff der Verlängerung auf dem Platz.

Auf dem Weg zur Queen

Diese These belegen nicht nur die Fernsehbilder des englischen Fernsehsenders BBC, sondern auch Aufnahmen des Sportfotografen Hans-Dietrich Kaiser. Zusammen mit den Hamburger Sportwissenschaftlern hat Kaiser noch einmal sämtliche Kontaktabzüge der Filme des WM-Finales von 1966 aus seinem Archiv hervorgeholt und mit Hilfe der Negativnummern in eine chronologische Abfolge gebracht. Einige Negative zeigen Situationen unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Auf ihnen finden sich die gleichen Personenkonstellationen wie auf der Sven-Simon-Aufnahme: Uwe Seeler, Willi Schulz, der Stadionordner, der Kameramann. Auf Hans-Dietrich Kaisers Kontaktabzügen folgen hiernach keine Spielszenen mehr, sondern lediglich Bilder des glücklichen englischen Kapitäns Bobby Moore und seiner Mitspieler mit der WM-Trophäe.

Außerdem ist das tatsächliche Halbzeitfoto zu sehen, auf dem Uwe Seeler zusammen mit Lothar Emmerich und Siegfried Held vom Spielfeld geht. Aufschlussreiches Detail: Die Drei verlassen den Platz auf Höhe des deutschen Tores, hinter dem sich im alten Wembley-Stadion der Spielertunnel zu den Kabinen befand. Auf dem Foto von Sven Simon befindet sich der deutsche Kapitän dagegen auf Höhe der Mittellinie. Hier war der Aufgang zur Ehrentribüne und zum Sitzplatz von Queen Elisabeth II., die die Siegerehrung vornahm.

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