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Fußball in Wien : Toni, Tradition und Trümmer

06.01.2013 00:00 Uhrvon
Che von Meidling: Der ehemalige Bundesligaprofi Toni Polster ist der Hoffnungsträger beim Viertligisten SC Wiener Viktoria. Er selbst will über den Amateurklub zurück in den Spitzenfußball gelangen. Foto: David Herrmann-MengBild vergrößern
Che von Meidling: Der ehemalige Bundesligaprofi Toni Polster ist der Hoffnungsträger beim Viertligisten SC Wiener Viktoria. Er selbst will über den Amateurklub zurück in den... - Foto: David Herrmann-Meng

Toni Polster und Wien waren einst Größen im europäischen Fußball. Während der Wiener Fußball von seiner Vergangenheit zehrt, arbeitet sein letzter Star an der eigenen Zukunft als Trainer.

Das Sprungbrett liegt eingeengt zwischen Wohnblöcken, Fabrikhallen und Bahngleisen im Süden von Wien. Meidling. Arbeiterviertel. Um den Kunstrasenplatz drängen sich rund 700 Zuschauer. Ältere Herren sitzen auf Bierbänken neben der Trainerbank, auf Höhe des Mittelkreises steht ein Fernsehteam samt Kamera auf einem Holztisch. Im Spitzenspiel der viertklassigen Wiener Stadtliga empfängt der SC Wiener Viktoria den FC Stadlau. Zweiter gegen Ersten. Doch die Attraktion des Tages ist Viktorias Trainer: Anton Polster, genannt Toni, Österreichs letzter Fußball-Entertainer.

Es ist nicht mehr die große Fußballbühne. Aber das Prinzip ist immer noch das gleiche: Die Zuschauer wollen unterhalten werden.

Und Polster ist in Form. Braungebrannt und mit Sonnenbrille schreitet er über den Platz. Die früh ergrauten Locken sind mittlerweile weiß, kurz geschnitten und mit Gel gebändigt. „Toni!“, rufen einige Zuschauer anerkennend. Polster grinst ihnen zu und hebt den Daumen.

Vor einem Jahr hat er bei der Wiener Viktoria angefangen. „Aus Ermangelung an Angeboten“, sagt er. Der Verein soll sein Sprungbrett sein. Er will zurück nach oben, in den Profifußball, als Trainer.

Der erhobene Daumen ist eines seiner Markenzeichen; er muntert seine Spieler auf, wenn ihnen etwas misslingt, und das passiert anfangs mehrmals: Viktorias Torwart jagt einen Abschlag ins Seitenaus. „Macht nix, Bua!“, ruft Polster. Ein Freistoß geht am Tor vorbei: „Der war Weltklass’!“ Manche Zuschauer haben sich etwas anderes erwartet: „I find’s schon enttäuschend, dass der Toni net mehr schreit“, sagt einer zu seinem Nebenmann. Es sind erst zehn Minuten gespielt.

Im Vereinsheim der Viktoria hängen mehrere Zeitungsartikel. Einige handeln vom Verein, dessen Vorbild der FC St. Pauli ist, und der sich selbst „Kultklub mit Engagement“ nennt – in der Winterpause dürfen Obdachlose im Vereinsheim übernachten, für Eltern von Jugendspielern mit Migrationshintergrund gibt es Deutschkurse. Alle Texte handeln aber vom Trainer – in der vergangenen Saison schaffte Polster sofort den Aufstieg von der fünftklassigen Oberliga in die Wiener Stadtliga und gewann den Wiener Landespokal. Die Viktoria qualifizierte sich dadurch für die erste Runde des österreichischen Pokals, wo sie diese Saison überraschend den Zweitligisten Kapfenberg rausschmiss und anschließend knapp am Bundesliga-Klub SV Ried scheiterte.

Einer der Zuschauer trägt ein rotes T-Shirt mit grinsendem Toni-Polster-Kopf im Che-Guevara-Stil. „Hasta la Wiener Viktoria siempre!“, steht darauf. So wie Che einst eine Ikone der Unterdrückten in aller Welt war, ist Toni Polster ein Hoffnungsträger im Unterhaus des Wiener Fußballs. „Sicherlich kommen etliche Zuseher wegen mir“, sagt er, „aber das würde nicht passieren, wenn wir nicht so erfolgreich wären.“ Für ihn ist der Erfolg das Ergebnis täglicher Arbeit, wie schon zu seiner aktiven Zeit als wuchtiger Stürmer. „Viele glauben, die Viktoria spielt einen guten Fußball, weil ich einmal die Woche den Spielern die Hand auf die Schulter lege und sie dann alle vierzig Prozent besser sind.“ Viermal die Woche steht er auf dem Trainingsplatz mit seiner Mannschaft.

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