Fußballbegeisterung : Merkels verlogene Volksnähe

Lächeln, Arme anwinkeln, rhythmisch klatschen, fertig ist der Fußball-Fan - denkt Kanzlerin Merkel beim Besuch der Nationalmannschaft. Philipp Köster, 11-Freunde-Chefredakteur, meint: So einfach ist das nicht.

Philipp Köster
Echter Spaß oder antrainierte Freude - Angela Merkel beim Spiel der Deutschen gegen Argentinien.
Echter Spaß oder antrainierte Freude - Angela Merkel beim Spiel der Deutschen gegen Argentinien.Foto: dpa

Wenn es überhaupt etwas gab, das beim rauschhaften 4:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien negativ auffiel, dann jene Entscheidung des übertragenden Senders ZDF, nach nahezu jedem deutschen Tor zu zeigen, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Ehrentribüne jubelte. Hochnotpeinliche Momente waren das für uns arme Zuschauer, vor allem, weil Merkel immer noch nicht gelernt hat, wie man ordentlich jubelt. Anstatt die Faust zu ballen oder die Arme hochzureißen, wie das jeder normale Fan macht, knickt sie ihre Arme im rechten Winkel und verharrt dann in dieser Pose, die man sonst nur aus dem Aufbaukurs Step-Aerobic kennt.

Das wirkt alles so unecht und bewusst für die Kameras inszeniert, dass dem Zuschauer wieder einmal auffällt, welche Pest Politiker doch sind, die sich telegen auf den Ehrentribünen als leidenschaftliche Anhänger präsentieren und sich fabrikneue Schals um den Hals hängen, um noch dem letzten Fernsehzuschauer die eigene Volksnähe zu demonstrieren. Aus Vergnügen am Fußball kommen sie nicht, sonst würden sie ja nicht von der Ehrentribüne aus gucken, dem anerkannt ödesten Ort, um in einem Stadion ein Spiel zu schauen.

Sicher, schon früher haben Politiker probiert, ein wenig vom Glanz des Fußballs auf sich abstrahlen zu lassen. Helmut Kohl erdrückte nach der Finalpleite gegen Argentinien 1986 die deutschen Spieler beinahe mit seinen Mitleidsadressen.

Aber wie sehr sich die Politik in den letzten Jahren insbesondere an die Nationalelf herangewanzt hat, das hat noch mal eine neue Qualität erreicht. Inklusive der unvermeidlichen Besuche in der Kabine, bei denen Bundeskanzlerin Merkel der nach dem Spiel sicher rechtschaffen erschöpften Mannschaft wohl kaum wertvolle taktische Hinweise gegeben haben wird.

Immerhin hat sich, wie man hört, die Entourage der Kanzlerin in der Kabine einigermaßen ordentlich benommen. Als vor vielen Jahren der österreichische Kanzler Franz Vranitzky die ÖFB-Elf in der Kabine besuchte, fraßen die hungrigen Begleiter des Regierungschefs der Mannschaft kurzerhand auch noch das Büffet leer.

Philipp Köster ist Chefredakteur von 11 Freunde. Hier kommentiert er mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Michael Oenning und Fredi Bobic im Wechsel die WM. Alle Kolumnen unter www.tagesspiegel.de/wm2010.

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