Pro & Contra : Beweis das mal!

Sollten technische Hilfsmittel für Schiedsrichter im Fußball erlaubt werden? Pro: Wir müssen raus aus dem Märchenland. Der Fußball kann sich der Moderne nicht verschließen. Contra: Es geht um die Schönheit des Spiels. Fußball ist erfolgreich, weil er fehlbar ist.

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War da was? Ein Schuss, ein Tor, kein Pfiff. Deutschland und England 44 Jahre nach Wembley.
War da was? Ein Schuss, ein Tor, kein Pfiff. Deutschland und England 44 Jahre nach Wembley.Foto: dpa

PRO

Die Fehlentscheidung ist eine vom Aussterben bedrohte, schützenswerte Art. Ohne Fehlentscheidung, da stürzt der Fußball ins Chaos und die Welt gleich hinterher. Dieses Gefühl muss man bekommen, wenn eine Phalanx aus Fifa-Bürokraten und Pseudotraditionalisten jede noch so unglaubliche Schiedsrichterpanne zum Kerngeschäft des Fußballs verklärt – und alle technischen Hilfsmittel verteufelt, die die Fehler minimieren könnten. Klar, Fehlentscheidungen produzieren aufregende Geschichten. Ein Mord tut das aber auch. Warum also keine Waffen auf dem Platz erlauben?

Das Märchen um das Wembley-Tor gibt es, weil aufgrund der märchenhaften Technik bis heute nicht klar ist, ob der Ball nun hinter der Linie war oder nicht. Aber wir haben 2010 und nicht mehr 1966. Im HD-Heute sehen alle alles, jeder Lampard-Schuss hinter die Linie und jeder Löw’sche Nasenbohrer wird bis auf Pixelgröße herangezoomt und steht der ganzen vernetzten Welt für immer zur Ansicht bereit. Nur der, der über Wohl und Wehe entscheiden soll, sieht nichts.

Der Schiedsrichter wird von der Fifa zurück ins Mittelalter geschickt, wenn er den Platz betritt. Wie bei Argentinien gegen Mexiko, als das Regelwerk den Referee in die perverse Lage zwang, nach dem Blick auf die Videowand im Stadion wider besseres Wissen ein Abseitstor anerkennen zu müssen. Und sich dem Zorn einer ganzen Nation auszusetzen.

Mit bloßem Auge gegen die Superzeitlupe – ein ungleiches Duell. Und weil das Spiel so professionell und schnell geworden ist, unterliegen die Referees immer öfter. Fast alle anderen großen Sportarten haben das längst erkannt; selbst das Traditionsmekka Wimbledon hat die Einführung des Videobeweises überlebt – und dadurch eine neue Attraktion gewonnen. Der Fußball bleibt im Märchenland.

Technik muss intelligent genutzt werden, sonst wird sie zum Fluch. Man kann darüber streiten, was (Chip im Ball, Torkamera) wann (Torszene, Abseits, Tätlichkeit) eingesetzt werden soll – und das muss man auch. Doch dass der Fußball dadurch zum seelenlosen Hightech-Kick degradiert und sein Spielfluss zerstört würde, ist ein Scheinargument. Der Fluss versandet bereits in der ständigen Meckerei nach jedem Pfiff, und pro Spiel gibt es sowieso kaum mehr als ein, zwei wirklich strittige Szenen vor dem Tor. Chip oder Zeitlupe wären ein Sicherheitsnetz, um dabei ganz schlimme Aussetzer wie beim Lampard-Schuss zu verhindern.

Wie’s geht, sieht man im Eishockey. Da schaut der Unparteiische nach einer umstrittenen Torszene auf den Monitor und entscheidet dann. Das dauert meist ein paar Sekunden, dann ist Ruhe. Und vom Eis gibt es auch eine beruhigende Erkenntnis für alle Artenschützer zu vermelden: Selbst mit technischen Hilfsmitteln sterben die Fehlentscheidungen nicht aus. Christian Hönicke

CONTRA

Der International Football Association Board wird in der Berichterstattung oft als Regelhüter des Fußballs bezeichnet. Und gilt zugleich als Versammlung stockkonservativer Altherren, die sich einmal im Jahr trifft und beschließt: Wir ändern nichts. Wie üblich. Die Herren sollen in Ruhe eine Zigarre rauchen, einen Whisky trinken und ihre Haltung bewahren. Sie sichert dem riesigen Unterhaltungsbetrieb Fußball seine Dramen und die Debatten darüber. Also auch seinen Erfolg.

Zuletzt sprach sich der Board gegen jedes wie auch immer geartete technische Hilfsmittel aus, obwohl sich inzwischen zumindest eindeutig feststellen lässt, ob ein Ball im Tor war oder nicht.
Diese Streitfälle kommen aber längst nicht in jedem Spiel vor, und der Nutzen im Namen der Gerechtigkeit steht in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den das Spiel nimmt, wenn es berechenbar wird. Und dabei seine Schönheit verliert.

Denn mit der ersten technischen Änderung, wie klein sie auch sein mag, wäre der Ruf nach weiteren Innovationen permanent präsent. Warum nicht den Chip im Schienbeinschoner über Abseits entscheiden lassen, warum nicht bei Fouls im Mittelfeld den Videobeweis konsultieren, jedes Team dürfte das dann schließlich zweimal pro Halbzeit. Eine kurze Werbeunterbrechung inbegriffen. Am Ende wäre der Fußball nur noch eine zerstückelte Sportart wie so viele andere. Hier geht es nicht um romantische Tradition, sondern den Kern des Spiels.

Die Menschen gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht, sagte Sepp Herberger. Und weil er eine Metapher für das Leben ist. Die Protagonisten scheitern so oft wie sie triumphieren, mindestens. Nicht nur Lukas Podolski verschießt Elfmeter und nicht nur Miroslav Klose fliegt diskussionswürdig vom Platz.

Der Schiedsrichter, der ist auch nur ein Mensch, wie diese WM hinreichend gezeigt hat. Er ist genauso fehlbar wie die anderen, und seine Entscheidungen haben eine ebensolche Tragweite wie ein katastrophaler Fehlpass, ein Torwartfehler oder womöglich die vergebene Riesenchance von Lionel Messi gegen Deutschland.

Der Fußball ist deshalb so groß, weil er so anfällig ist für Fehler. Diejenigen, die mit den Millionen Euro argumentieren, die von einer Schiedsrichterentscheidung abhängen können, verkennen den Charakter dieses Spiels. Es lassen sich nur Millionen damit umsetzen, weil hier so oft versagt wird. Wäre doch schade, wenn diese und viele andere Weisheiten wegen der Technik keine Diskussion mehr wert wären: Langfristig gleicht sich alles wieder aus. Wenn schon nicht im Leben, dann wenigstens hier.

Auch wenn es manchmal 44 Jahre dauert. Mathias Klappenbach

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