Südafrikas Nationalteam : Auf den Spuren von Ace, Sugar Ray und Kalamazoo

Südafrikas Fußball-Nationalmannschaft macht es ihren Fans nicht leicht. Ein Bericht aus dem Land der WM 2010.

Bartholomäus Grill
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Wenig Zeit bis 2010. Die Südafrikaner um Morgan Gould (vorne) spielten gestern nur 0:0 gegen Japan. Foto: dpaEPA

"Es ist zu spät für Bafana Bafana“, sagt Nelson Rashavha. Er traut der südafrikanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2010 im eigenen Land nicht viel zu. Wenn ein Mann wie Rashavha solche Bedenken äußert, dann muss man sie ernst nehmen. Denn keiner verfolgt das Fußball-Geschehen am Kap so akribisch und leidenschaftlich wie er.

1994 habe ich Nelson zum ersten Mal in seiner kleinen Redaktionsstube besucht, ich war damals noch neu in Südafrika und hatte vom einheimischen Socca wenig Ahnung. Nelson war damals schon Redakteur von „Kickoff“, der wichtigsten Fachzeitschrift im Lande; sie ist am Kap so einflussreich wie der „Kicker“ in Deutschland. Unterdessen ist Nelson zum Bürochef aufgestiegen. Er empfängt mich in einem ultramodernen Hochhaus in Sandton City, dem reichen, weißen Businesszentrum von Johannesburg. An der Stirnseite seines Büros leuchtet ein großes buntes Wandbild, das den ländlichen Alltag in seiner Heimatprovinz Limpopo zeigt. Man sieht eine Bergkette, davor die Savanne, blechgedeckte Hütten. Im Vordergrund die Matopelela High School, auf dem Pausenhof kicken Schuljungen, daneben weht das Logo der Fußball-WM.

An der Längsseite des Raumes ist eine Kollektion des abenteuerlichen Kopfschmucks südafrikanischer Fans ausgestellt. Es sind Makarapas, Bergarbeiterhelme, die aufgesägt und in regelrechte Skulpturen verwandelt wurden.

Der Nationalelf fehle der Biss, die Leidenschaft, die internationale Erfahrung und das Können, sagt Nelson. „Kein einziger der heutigen Spieler würde in der großen Mannschaft von 1996 aufgestellt werden.“ In jenem Jahr war Bafana Bafana so gut wie nie zuvor – und sollte dieses Niveau nie wieder erreichen.

Damals gewann Bafana Bafana erstmals den Afrika-Cup im eigenen Land und schaltete selbst kontinentale Vormächte wie Kamerun oder Ghana souverän aus. Kurz vor dem Turnier, bei einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland, das 0:0 endete, waren sie durchaus ebenbürtig. „De san ned schlecht“, meinte der damalige Torwarttrainer Sepp Maier. Es ist das bekanntlich höchste Lob, das ein Mann von Bayern München anderen Mannschaften aussprechen kann.

Wenn südafrikanische Fans die Namen Philemon Masinga, Doctor Khumalo, Mark Fish, David Nyathi, Mark Williams, John Moshoeu, Lucas Radebe, Shawn Bartlett oder Eric Tinkler hören, glänzen ihre Augen. Diese Spieler gehörten zur „Golden Generation“; sie haben den afrikanischen Fußball dominiert und auch auf Weltniveau ganz gut ausgesehen. Bei der WM 1998 war nur Frankreich, der spätere Champion, eine Nummer zu groß, aber Bafana Bafana spielte auf Augenhöhe mit Dänemark. Vier Jahre später unterlagen sie im entscheidenden Vorrundenspiel den Spaniern 2:3 – nach haarsträubenden Fehlern des eigenen Torwarts.

Danach zeigt die Leistungskurve der Südafrikaner kontinuierlich nach unten. Der Tiefpunkt wurde beim letzten Afrika-Cup in Ghana erreicht, wo ihr siegloses Team als Gruppenletzter schon in der Vorrunde ausschied. Für die kontinentale Meisterschaft 2010 in Angola konnte es sich nicht einmal mehr qualifizieren. In der Weltrangliste pendelt Bafana Bafana zwischen den Plätzen 70 bis 85, und selbst in Afrika liegt sie nur noch an 15. Stelle.

Auch Luke Alfred hat oft über den Niedergang lamentiert. Er ist der Fußball-Experte der Wochenzeitung „Sunday Times“, wir haben uns bei einem Freundschaftsspiel der Auslandskorrespondenten gegen sein Redaktionsteam kennengelernt. „Im Rückblick auf die glorreichen Jahre müssen wir uns fragen: Wie konnte eine derartige Abwärtsentwicklung geschehen?“, sagt Luke.

Dann listet er die Gründe auf: Korruption und Schlamperei in der South African Football Association SAFA; der verbandsinterne Machtpoker von Fußballgranden wie Irvin Khoza, Jomo Sono oder Mato Madlala; schlechte Jugend- und Nachwuchsarbeit; kein durchdachtes Scouting, um unter den zahllosen Talenten die größten herauszufiltern; miserable Vorbereitung der Nationalmannschaft; die Weigerung der großen Klubs, Topspieler abzustellen.

Farouk Abrahams, der Torwarttrainer, Berater und Journalist, schlägt in die gleiche Kerbe. „Nach dem Triumph von 1996 hat sich der Verband auf den Lorbeeren ausgeruht. Damals sollte eigentlich die Renaissance des südafrikanischen Fußballs beginnen, aber es begannen Jahre des Missmanagements – jeder Tom, Dick und Harry durfte in der Nationalelf spielen.“ Seit den ruhmreichen Tagen unter Chefcoach Clive Barker hat die SAFA reihenweise Trainer verschlissen. Um genau zu sein: Es waren 16 in den vergangenen 15 Jahren. Der letzte, der unlängst gefeuert wurde, war Joel Santana. Nun ist Carlos Alberto Parreira, der Weltmeistermacher aus Brasilien, zurückgekehrt und soll alles richten.

„Bafana Bafana ist eben wie unser Land: ziemlich wechselhaft, manchmal zum Davonlaufen, dann wieder großartig, aber meistens doch recht mittelmäßig. Es fehlt einfach der letzte Kick“, meint der Unternehmensberater Stephen Laufer, der vom Fußball ungefähr so viel versteht wie von der Schafzucht auf den Shetland Islands.

Aber wenn die Jungs auflaufen, dann zittert er doch mit. Nach dem Confederations-Cup 2009 war er sogar ziemlich stolz auf sie. Bei der Generalprobe ein Jahr vor der WM verblüfften die Südafrikaner nämlich nicht nur ihn, sondern die gesamte Fachwelt, den Autor inklusive. Sie qualifizierten sich nämlich fürs Halbfinale und trafen auf Brasilien.

Niemand hätte einen Pfifferling auf Bafana Bafana gewettet. Doch die wuchsen über sich selbst hinaus. Spielten wie die Buschteufel. Rannten und kämpften neunzig Minuten. Zeigten brillante Kombinationen. Ithumeleng Khune bot eine Weltklasseleistung im Tor. In der Innenverteidigung bildeten Kapitän Aaron Mokoena und Matthew Booth ein undurchdringliches Bollwerk, und auf den Außenbahnen stießen Tsepo Masilela und Siboniso Gaxa immer wieder gefährlich in die brasilianische Hälfte vor. Im Mittelfeld wirbelten Steven Pienaar und Teko Modise, und in der Sturmspitze rackerte sich Bernard Parker ab. Die Südafrikaner waren eindeutig das bessere Team. Aber man ahnte, was kommen würde, als sich Daniel Alves in der 88. Minute den Ball zurechtlegte und per Freistoß den Siegtreffer erzielte. 1:0 für die Seleção Canarinho. Im Spiel um den dritten Platz traf Südafrika auf Spanien. Es war die mitreißendste Begegnung des Turniers, und beinahe hätte der Europameister den Kürzeren gezogen. Aber eben nur beinahe. Das Heimteam hatte das spanische Starensemble in Verlegenheit gebracht und verlor denkbar knapp 2:3. Die Spieler gingen erhobenen Hauptes vom Platz und wurden von ihren Landsleuten wie Sieger gefeiert. Es gibt also Hoffnung.

Wenn südafrikanische Fans ihre Zuversicht stärken wollen, gehen sie in den „Dom“ im neuen SAFA-Haus am Rande von Soweto. Es ist die Walhalla, in der alle unsterblichen Socca-Helden des Landes geehrt werden.

Berry Niewenhuys, der wieselflinke Rechtsaußen, der einst bei Liverpool spielte. Teenage Ddladla und Sugar Ray Zulu, deren Abbilder auf den Streichholzschachteln von Lions in jeder Hütte lagen. Steve „Kalamazoo“ Mokone, der bei Juventus Turin spielte und als erster schwarzer Fußballer 10 000 Pfund Sterling im Jahr verdiente. Ace Ntsoelengoe, den Ex-Nationaltrainer Clive Barker für den besten südafrikanischen Fußballer aller Zeiten hält und auf eine Stufe mit Zinedine Zidane stellt. Desiree Ellis, die „Mutter“ des südafrikanischen Frauenfußballs, und Portia Modise, die Torjägerin aus Soweto. Und all die anderen legendären Spieler wie Chippa Moloi, Jomo Sono oder Kaizer Motaung.

Da hängen ihre Bilder in der Ruhmeshalle, Schwarze, Weiße und Farbige auf Augenhöhe, als hätte es die Apartheid nie gegeben. Aber für wahre Fußballfans spielt die Hautfarbe ohnehin keine Rolle. Sie wünschen sich nur, dass die heutige Generation so gut und leidenschaftlich kicken würde, wie die Heroen von gestern.

Gekürzter Auszug aus dem Buch „Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert“ von Bartholomäus Grill, das am 17. November bei Hoffmann und Campe, Hamburg, erscheint. 260 Seiten, 20 Euro.

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