Sport : Gegenwind aus der Bretagne

Beim America’s Cup in San Diego bekommen die Favoriten Konkurrenz von zwei französischen Brüdern.

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San Diego sehen und siegen. Mit der Erfahrung ihrer Jugend an der Atlantikküste fordern die Brüder Peyron mit ihrem Energy Team die Segelelite heraus. Foto: Reuters
San Diego sehen und siegen. Mit der Erfahrung ihrer Jugend an der Atlantikküste fordern die Brüder Peyron mit ihrem Energy Team...Foto: REUTERS

Es ist zwei Jahre her, dass Loïck Peyron im weißen Alinghi-Dress auf einer Terrasse in Valencia saß, in die Sonne blinzelte und eine Antwort vermied. Er machte sehr viele Worte, um diese Antwort nicht geben zu müssen. Die Vokale purzelten dabei durcheinander wie Bauklötze, so schnell redete der Franzose in einer Sprache, die er beinahe nie benutzte: Englisch.

Die Frage war einfach: Werden Sie das Boot steuern? Gemeint war der riesige Katamaran, den das Schweizer Alinghi-Team zur Verteidigung des America’s Cup gegen den noch größeren Trimaran des Herausforderers BMW Oracle gebaut hatte und der jetzt vor dem Alinghi-Pavillon im Hafenbecken dümpelte. Viel Zeit hatten die Schweizer nicht gehabt, sich mit dem 27- Meter-Ungetüm vertraut zu machen. Und so war Loïck Peyron ins Spiel gekommen. Er sollte die Grenzen des mehrere Millionen Euro teuren Spielzeugs aufzeigen. Denn dort, wo Peyron herkommt, von der französischen Atlantikküste, werden Mehrrumpfjachten dieser Größe seit Jahrzehnten gesegelt. Trotzdem behielt sich Alinghi-Chef Ernesto Bertarelli vor, selbst am Ruder zu stehen, wenn es zum Showdown mit BMW Oracle kam. Peyron fügte sich. Seinen Ehrgeiz verbarg er hinter der quirligen Euphorie eines Mannes, der gerade sehr viel dazulernte.

Vielleicht ahnte er damals bereits, dass er bald eine bessere Chance bekommen würde. Denn das Duell von Valencia hat den America’s Cup grundlegend verändert. Er ist zu einem Hochgeschwindigkeits-Event geworden. 2013 wird mit 72-Fuß-Katamaranen, den schnellsten je erdachten Jachten, um die barocke Silberkanne gefochten. Bis es so weit ist, bringen sich mögliche Herausforderer in einer Grand-Prix-Serie auf den Stand der Technik. Nach Stationen in Portugal und England ging es vergangene Woche nach Kalifornien. Und mitten drin Loïck Peyrons Energy Team.

Bis dahin hatte es enttäuscht. Doch Peyron, der zu dieser Zeit von der Bretagne aus als Skipper des Maxitrimarans Banque Popoulaire V zu einer Rekordjagd um die Erde aufbricht, hat das Steuer an Yann Guichard abgetreten. Und der 32-jährige ehemalige Tornado-Spezialist lässt sich nicht abschütteln. An der ersten Wendemarke liegt er knapp zurück, und rast auf der Innenbahn eingekeilt von der gischtschäumenden Meute um den Wegpunkt. Obwohl schon über 30 Sachen drauf, beschleunigt der leichte Carbon-Katamaran noch weiter. Sofort leitet Guichard eine Halse ein, löst sich elegant vom Gedränge, zieht davon. Nach jedem Manöver ist er mit den Worten zu hören: „Good job, boys!“ Es ist ein fröhliches Lob, das auch der einzige Nicht-Franzose an Bord, Peter Greenhalgh, verstehen soll.

Die Nähe des America’s Cup zum Fun-Sport sollte die Chancen für Amerikaner erhöhen. Doch es könnte anders kommen. Die Brüder Bruno und Loïck Peyron haben begriffen, dass sich die älteste Sporttrophäe der Welt auf ihr Terrain gewagt hat. Aufgewachsen an der bretonischen Küste, waren sie von frühester Kindheit an auf dem Wasser. Bruno schaffte als erster Mensch, die Welt in weniger als 80 Tagen auf einem Segelschiff zu umrunden. Das war 1993. Zwölf Jahre später brauchte er für dieselbe Strecke statt 79 Tagen nur noch 50. Nun steht er als Manager hinter dem Energy-Projekt. Und es ist nicht ausgemacht, ob sein für die seglerischen Belange zuständiger Bruder Loïck dabei den schwierigeren Job hat.

Denn dass sich Franzosen bei den 34 vorausgegangenen America’s-Cup-Schlachten zurückgehalten haben, lag nicht an mangelnden Ambitionen. Auch nicht am Personal. Nicht mal am Geld. Auch französische Segel-Aficionados hätten die Mittel, an diesem Wettkampf der Teebarone, Stahlmagnaten, Software-Milliardäre und Finanzjongleure teilzunehmen. Aber wie sollten sie es daheim erklären, dass sie Millionensummen in ein Boot stecken, das nach einer Saison bereits veraltet ist? Dafür sind die Gewerkschaften zu stark. Segeln darf nicht nach Protz aussehen, damit Franzosen es lieben. So trennte das Land stets eine tiefe kulturelle Kluft von der Krone dieses Gentlemen-Sports.

Dabei engagieren sich Konzerne wie Veolia, Generali, Banque Popoulaire, Foncia oder Groupama mit erklecklichen Beträgen an den Projekten französischer Segelstars. Nirgendwo sonst ist der maritime Sponsorenmarkt so ausgebildet – gerade erst war genug Geld da, um mit dem „Multi One Design“ eine Einheitsklasse von 70 Fuß großen Hochseetrimaranen zu initiieren, etliche Firmen halten sich eigene Rennställe. Nun ist es an Nationalheld Bruno Peyron, die Begeisterung seiner Landsleute für das Extremsegeln aus der französischen Nische zu führen.

In San Diego begann sich der Erfahrungsvorsprung langsam auszuzahlen. Nie brauchte das Energy Team auf Risiko zu setzen, um sich in der Spitze zu halten. Auch bestach die Eleganz, mit der die Manöver durchgeführt wurden. Das Energy-Boot war oft das schnellste, nachdem die Peyrons ihre neuen Segel als Einzige von einer eigenen Firma schneidern ließen. Aber man segelt nicht nur mit Hirn und Kraft und gutem Material gut, sondern auch mit etwas, das jeder Segler woanders verortet. Es ist so eine Art Gefühl.

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