Hanne Sobek : Nicht mal ein Mitläufer

Herthas Idol Hanne Sobek galt nach seinem Tod als Nazisympathisant - Zu Unrecht!

Sven Goldmann

Neujahr 1935. Hanne Sobek, Berlins populärster Fußballspieler, von dem kaum einer weiß, dass er eigentlich Johannes heißt, erst recht nicht im Norden Berlins, wo die Arbeiter wohnen und ihr Verein Hertha BSC spielt – Hanne Sobek also sitzt in einer Kneipe am Gesundbrunnen. Die Leute hier haben bis zur Machtübernahme der Nazis traditionell links gewählt, Herthas langjähriger Präsident Wilhelm Wernicke war bis zum Verbot Mitglied der SPD. Die Braunhemden von der SA sind eher selten gesehene Gäste, aber an diesem Neujahrstag kommen ein paar vorbei. Man darf wohl davon ausgehen, dass die versammelten Herrschaften nach der Silvesternacht noch nicht ganz nüchtern sind. Ein Wort gibt das andere, dann fliegen die Fäuste, und auch Hanne Sobek vergisst alle Zurückhaltung und mischt mit. Auge um Auge, Faust um Faust.

Sobek hat später nicht viel erzählt von diesem Zusammenstoß. In der Nazizeit verbot sich das von selbst, und später mag es ihm peinlich gewesen sein, dass er die Beherrschung verlor, vor den Augen seiner ersten Ehefrau Margarethe, die mit am Tisch saß. Sobek hat sie als Zeugin angeführt, bei seinem einzigen Bericht über die Neujahrsprügelei, „bei der ich einem meiner angegriffenen Kameraden schützend beisprang“. Das war am 8. April 1946, in einer schriftlichen Eingabe bei der Entnazifizierungskommission Charlottenburg. Denn Hanne Sobek, der Mann, der sich mit der SA geprügelt hatte, geriet nach dem Krieg selbst in den Verdacht, mit den Nazis paktiert zu haben.

1940 war er der NSDAP beigetreten, nach Aktenlage auf Druck der Nazis. Als lange nach seinem Tod im Jahr 1989 der Platz vor dem Bahnhof Gesundbrunnen nach Sobek benannt werden sollte, gab es in der Kommunalpolitik einen kleinen Aufstand. Der Mann war doch ein Nazi! Fotos wurden herumgereicht, sie zeigten Sobek und seine Mannschaftskameraden, wie sie vor einem Spiel die Hand zum Hitlergruß erheben. Die Angelegenheit zog sich ein paar Jahre hin, am Ende bekam Sobek seinen Platz, aber sein Sohn Bernd hat die Demütigung der öffentlichen Diskussion nicht vergessen: „Jeder weiß, dass mein Vater ein zutiefst unpolitischer Mensch war. Aber irgendetwas bleibt doch immer hängen.“ War da nicht was mit Hanne Sobek und den Nazis?

Nein, da war nichts. Sagt Daniel Koerfer. Der Historiker von der Freien Universität Berlin hat im Auftrag Herthas die braunen Jahre des Klubs aufgearbeitet. Am Mittwoch wird er seine Studie der Öffentlichkeit vorstellen, und Hanne Sobek wird darin eine exponierte Rolle spielen. Der Kopf der legendären Hertha-Mannschaft, die von 1926 bis 1931 sechs Mal hintereinander im Finale um die deutsche Meisterschaft stand, vier Mal in Folge verlor und die letzten beiden Endspiele gewann. Damals gab es noch kein Olympiastadion. Hertha spielte am Gesundbrunnen, eingequetscht zwischen Reichsbahn und Millionenbrücke auf dem vereinseigenen Platz, dessen Stehtribünen Zauberberg und Uhrenberg hießen. Auch im proletarischen Wedding kamen die Zuschauer mit Hut und Anzug, und der elegante Sobek war ihr Idol. Sepp Herberger hielt ihn für „den größten Fußballer, den Berlin je besessen hat“.

Der Historiker Koerfer sagt über Hanne Sobek: „Bei den Nazis war er nicht mal ein Mitläufer.“

Sobeks Entnazifizierungsakte liegt im Landesarchiv Berlin. Viel Papier, gefüllt mit Sätzen im ungelenken Behördendeutsch der vierziger Jahre. Es ging nicht nur um die Glaubwürdigkeit eines Fußballspielers. Hanne Sobek war mehr. Zu einer Zeit, in der Fußball noch das Spiel der kleinen Leute war, gehörte Sobek zur gehobenen Gesellschaft. Am Stammtisch saß er mit Hans Albers und Joachim Ringelnatz. Er trat in Kinofilmen auf und ging vor dem begeisterten Publikum im Sportpalast dem Artisten Enrico Rastelli zur Hand.

War es da ein Wunder, dass sich die Nazis um diesen Mann rissen?

In seinem Antrag auf Entnazifizierung schreibt Sobek, schon unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 habe ihn die NSDAP-Ortsgruppe Gesundbrunnen einzuspannen versucht. „Ich habe abgelehnt.“ Ihm sei geraten worden, den Umgang mit Juden zu vermeiden. „Ich habe gesagt, die Freunde, die es bisher waren, würden auch in Zukunft meine Freunde sein … Im Klub habe ich mich gegen den sogenannten Judenparagraphen gewandt.“ Die Ortsgruppe habe den Parteimitgliedern den Umgang mit Sobek verboten, „weil ich als Judenknecht untragbar sei“.

Nach der Prügelei mit den SA-Männern am Neujahrstag 1935 geht Sobek nach Hause, er wohnt gleich nebenan in der Behmstraße. Noch am selben Abend klingelt die Polizei. Er muss mit aufs Revier, wird aber noch am selben Abend wieder entlassen. Es steht Aussage gegen Aussage, und die Polizei hat sich nach zwei Jahren Naziherrschaft noch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit bewahrt.

Doch die SA lässt nicht locker. Sobek schreibt, drei Tage lang hätten ihn Patrouillen aufgesucht, sie „verhafteten mich schließlich nachts aus dem Bett und führten mich vor ein nächtlich tagendes SA-Gericht“. Das Verfahren wird später eingestellt, „weil der Hauptzeuge, jener provozierende SA-Mann, inzwischen als Kassenverwalter mit der Kasse der Standarte das Weite gesucht hatte“.

Die Braunhemden behalten ihn im Auge. Alfred Stahr, Mitspieler aus der Meistermannschaft, sagt nach dem Krieg als Zeuge in Sobeks Entnazifizierungsverfahren: „1936 hatten wir zu spielen, und er erschien als Mannschaftsführer nicht. Als er dann kam, sagte er, dass er nicht hätte erscheinen können, weil er in einem Lokal von der SA festgehalten worden war.“ Stahr erzählt der Kommission auch die Sache mit dem Dietwart, einer dieser seltsamen Erfindungen der Nazis. Jeder Verein hatte seinen Dietwart, zuständig für die politische Schulung der Sportler. Bei Hertha war es Karl Neumann, Parteigenosse seit dem 1. März 1933. Er setzte auch für die erste Mannschaft Schulungsabende an. „Es war Sobek, der das sabotiert hat. Wir sind ins Kino gegangen oder haben etwas anderes gemacht.“

1937 wird Sobek zu militärischen Übungen eingezogen. Zwischen dem 7. März und den 6. Mai robbt er beim Infanterieregiment Tegel durch den Schlamm. Er erträgt den Drill, weil er sich vor einer sonnigen Zukunft wähnt. Der Reichsrundfunk will ihn als Sportreferenten einstellen. „Wahrscheinlich hat er wegen seiner Vergangenheit geglaubt, es sei das Beste, ein Zeichen der Versöhnung an die Partei zu senden“, sagt der Historiker Daniel Koerfer. Am 15. Februar 1937, vier Wochen vor seinem 37. Geburtstag, stellt Hanne Sobek einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP.

Er hat später nie darüber gesprochen. Vielleicht war es ihm ähnlich peinlich wie die Schlägerei mit den SA-Männern am Gesundbrunnen. Dabei gibt es kaum ein besseres Argument für seine Haltung als diesen ersten Versuch, Mitglied der Nazipartei zu werden. Denn Hanne Sobek ist den Nazis nicht gut genug. Am 17. April 1937 lehnt das Kreisgericht VI der Berliner NSDAP seinen Aufnahmeantrag ohne Angabe von Gründen ab.

Die Nazis treiben ein seltsames Spiel mit Sobek. Zwei Monate nach der verweigerten Aufnahme in die NSDAP darf er seinen Dienst beim Rundfunk antreten. Doch als er 1939 zum zweiten Mal heiraten will, folgt die nächste Attacke. Sobeks Braut Elisabeth gehört das Restaurant in der Lichtburg, einem riesigen Kino am Gesundbrunnen. Laut Sobek verfügt die NSDAP, „das meiner künftigen Frau gehörige Restaurant würde für alle Parteigenossen gesperrt werden, wenn die Ehe zustande käme“. Die Sobeks verkaufen das Restaurant und ziehen an den Kaiserdamm nach Charlottenburg. Aus dem proletarischen Norden in den feinen Westen.

Als Mitarbeiter des Rundfunks muss Sobek ein politisches Führungszeugnis vorweisen. Bei der zuständigen NSDAP-Personalstelle habe er erfahren, „dass ich dort ein ausgesprochen schwerer Fall sei“. Ein Nazifunktionär habe ihm eröffnet, „ich hätte genügend ausgefressen, um mir Gelegenheit zu geben, einmal im Konzentrationslager über meine Sünden nachzudenken … Es wurde auch beanstandet, dass ich mit Juden verkehrte, es wurden auch Namen genannt wie z. B. der Inhaber eines Bankhauses, der häufig bei uns ein- und ausging.“

Den Rest der Geschichte kennen nur die engsten Vertrauten. Sein Sohn Bernd erinnert sich: „Der jüdische Bankdirektor wollte 1939 in die Schweiz fliehen. Es gab Probleme, er musste für ein paar Tage untertauchen, da hat ihn mein Vater mit nach Hause genommen. Vier Tage hat er ihn am Kaiserdamm versteckt.“

Dem Sohn hat er später oft erzählt von seinen Ängsten in diesen Tagen. Im Falle einer Denunziation hätte ihm sein großer Name nicht geholfen. Es gibt vergleichbare Fälle von prominenten Sportlern, die irgendwann nicht mehr so funktionierten, wie sie funktionieren sollten. Den Tennis-Baron Gottfried von Cramm steckten die Nazis wegen einer homosexuellen Affäre ins Gefängnis, den Boxer Max Schmeling schickten sie an die Front. Auch dem widerspenstigen Sobek drohen sie mit der Entlassung aus dem Rundfunk, die gleichbedeutend mit der Einberufung in die Wehrmacht gewesen wäre.

Er bekommt eine letzte Chance. Im Entnazifizierungverfahren erzählt Sobek, die Partei habe ihm mitgeteilt, er könne das Führungszeugnis erhalten – „wenn ich 1. in die NSDAP einträte, wenn ich 2. meine WHV- (Winterhilfswerk, Anm. d. Red.) und sonstigen Spenden erhöhen würde und wenn ich 3. auf den weiteren Verkehr mit Nichtariern verzichten würde. Im Weigerungsfall sei ich eben entlassen“. Hanne Sobek gibt nach. Am 1. Juli 1940 wird er Mitglied Nummer 8 152 773 der NSDAP. Die Nazis schicken ihren neuen Parteigenossen in „alle Länder Europas außer Russland und Spanien“, und bevor alles zu Ende geht, machen sie ihn zum Ausbilder des Volkssturms. Auf dem Rundfunkgelände an der Masurenallee lässt Sobek seine Kollegen zu Sportübungen antreten. Im Entnazifizierungsverfahren sagt er: „Ich habe immer gesagt, dass es sinnlos ist, wenn es zu Kampfhandlungen kommt.“

Nach dem Krieg steht Sobek vor dem Nichts. Als NSDAP-Mitglied verliert er seine Anstellung beim Rundfunk. Sobek eröffnet eine Toto-Annahmestelle in Charlottenburg und beantragt vor der Entnazifizierungskommission seine „Wiederzulassung zu kultureller Tätigkeit“. Das Verfahren zieht sich über zwei Jahre hin. Es ist eine Zeit, in der die gehobene Gesellschaft unter Generalverdacht steht. Auch Sobek. Der Rundfunkangestellte Rudolf-Günter Wagner verfasst eine schriftliche Stellungnahme: „Ich kann an Eides statt aussagen, dass Herr Sobek aktiv für die Interessen des Nationalsozialismus eingetreten ist. Er war Freiwilliger im Volkssturm …“ Auf Nachfrage der Kommission erklärt Wagner, „über die Tätigkeit des Herrn Sobek beim Volkssturm durch einen Bekannten unterrichtet zu sein. Er selbst … könne jedoch Stichhaltiges gegen ihn nicht vorbringen“. Wagner präsentiert zwei Gewährsmänner. Der erste drückt sich ähnlich vage aus, der zweite sagt, er habe von Sobek „stets den Eindruck eines fairen, anständigen Menschen gehabt, der nie im Sinne der Nazis handelte“.

In diesem Ton äußern sich auch die anderen Zeugen, die am 4. August 1948 bei der Verhandlung vor der Entnazifizierungskommission aussagen. Sobeks früherer Kollege Horst Holzschuher erinnert sich: „In der praktischen Arbeit habe ich immer wieder gemerkt, dass er aus den Reportagen Redewendungen herausgenommen hat, die auf die politische Linie Bezug nahmen.“ Den größten Eindruck macht Wilhelm Wernicke, der Sozialdemokrat, der 1933 aus dem Amt als Hertha-Vorsitzender getrieben wurde. Auf die Frage, ob Sobek ein Nazi gewesen sei, antwortet Wernicke: „Nein, gar nicht. Auch nicht zu der Zeit, als die HJ Aufschwung nahm. Wir opponierten, und Sobek war ebenfalls gegen die HJ.“ Der Vorsitzende fragt, welchen politischen Eindruck Wernicke in dieser Zeit von Sobek gehabt habe: „Dass er auf meiner Seite war. Ich war Funktionär der SPD.“

Knapp 60 Jahre später urteilt der Historiker Koerfer: „Diese Aussage hat schweres Gewicht für Sobeks Glaubwürdigkeit.“ Ein besserer Bürge als der Weddinger SPD-Mann Wernicke sei kaum vorstellbar.

45 Minuten lang tagt die Entnazifizierungskommission an diesem 4. August 1948. Sie fällt ihr Urteil mit 4:1 Stimmen: „Die Hauptverhandlung hat ergeben, dass der Appellant sich nicht aktiv für nationalsozialistische Ziele eingesetzt hat.“ Hanne Sobek trägt die Kosten des Verfahrens. 100 Reichsmark.

... wird am 18.3.1900 in Mirow (Mecklenburg) als Paul Friedrich Max Johannes Wiechmann geboren. Später nimmt er den Namen seines Adoptivvaters Sobek an.

... macht die ersten beiden seiner zehn Länderspiele als Mitglied von Alemannia 90. 1925 wechselt er zu Hertha BSC.

… führt Hertha zwischen 1926 und 1931 sechs Mal ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Nach vier Finalniederlagen wird Hertha 1930 (5:4 gegen Kiel) und 1931 (3:2 gegen 1860 München) doch noch zwei Mal Meister.

... arbeitet nach dem Krieg als Trainer. 1963 führt er Hertha BSC in die Bundesliga. Zwei Jahre später dient er seinem Klub im ersten Bundesligaskandal als Not-Vorsitzender.

... stirbt am 17.2.1989 in Berlin.

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