• Heinrich Popow im Interview: "Markus Rehm hat nicht das Recht, für alle Behinderten zu sprechen"

Heinrich Popow im Interview : "Markus Rehm hat nicht das Recht, für alle Behinderten zu sprechen"

Paralympicssieger Heinrich Popow hält nichts von der Idee, dauerhaft gemeinsame Wettbewerbe mit Nichtbehinderten zu veranstalten. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt er seine Haltung.

Katharina Schiller
Heinrich Popow,31, gewann bei den Paralympics 2012 in London die Goldmedaille über 100 Meter.
Heinrich Popow,31, gewann bei den Paralympics 2012 in London die Goldmedaille über 100 Meter.Foto: dpa

Herr Popow, Sie sind am Wochenende beim Tag ohne Grenzen auf dem Hamburger Rathausmarkt gegen Behinderte und Nichtbehinderte im Weitsprung angetreten. Wie wichtig ist Ihnen das?

Genau solche Veranstaltungen sind dazu da, Barrieren einzureißen und Berührungsängste zu durchbrechen. In einem normalen Wettkampf, in dem es zum Beispiel um Meisterschaften geht, ist die Konzentration viel zu hoch und du kannst der Atmosphäre keine Wertschätzung schenken und holst die Zuschauer nicht so ab. Bei einer Veranstaltung wie hier kannst du während des Anlaufs auch mal den Kids am Rand High Five geben, lächeln und Kontakt aufnehmen. Man kann damit zeigen: Hey, ich hab genauso viel Spaß wie die anderen Jungs. Ob mit zwei Beinen oder einem Bein geht es darum, so weit wie möglich zu springen und sich in der Sandgrube dreckig zu machen.

Was war Ihr schönster Moment ohne Grenzen in Hamburg?
Es gibt jede Menge, aber heute war es auch so, dass die Leute im ersten Moment kurz schauen und dann wieder weggucken. Wenn du dann lächelst, dann schauen sie die ganze Zeit zu und das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis. Ich bin der Meinung, dass wir Behinderten manchmal selbst daran schuld sind, dass viele Menschen diese Berührungsängste haben, weil wir viel zu aggressiv mit manchen Blicken umgegangen sind. Wenn ich etwas sehe, das anders ist, dann schaue ich auch. Und so ein Lächeln von unserer Seite kann so viel zwischenmenschlich bewirken.

Aktuell wird viel diskutiert, ob Sportler mit und ohne Behinderungen dauerhaft zusammen starten sollen. Wie stehen Sie dazu?
Ich persönlich halte davon gar nichts. Denn das ist meiner Meinung nach ein Problem von Markus Rehm und kein Problem des Behindertensports ...

... also des Weitspringers, der mit Prothese Deutscher Meister der Nichtbehinderten wurde ...
Er soll das für sich persönlich klären und hat nicht das Recht, für alle Behinderten zu sprechen. Denn beim Behindertensport hat jeder eine andere Behinderung und eine andere Voraussetzung. Ich finde schade, dass das zu sehr verallgemeinert wird. Meine Behinderung ist viel höher und ich werde nie die Möglichkeit haben, dort anzutreten. Das heißt aber nicht, dass meine Leistungen deshalb nicht genauso wertvoll sind. Das Problem ist, dass Leute, die eine Prothese sehen, das nicht unterscheiden können und dann die Frage auftaucht, warum ich weniger weit springe.

Sie sind also weiter für die Trennung von Olympischen und Paralympischen Spielen?
Der Sport von Menschen mit Handicap hat das Glück, noch andere Werte zu haben, die zurzeit in der Gesellschaft benötigt werden. Viele wissen nicht, wie sie mit stressigen oder negativen Situationen umgehen sollen. Die Identifikation mit uns ist meiner Meinung nach naheliegender, als die Identifikation mit olympischen Athleten. Diesen Bonus sollten wir uns nicht verspielen. Ich glaube, dass wir das verlieren, wenn wir zusammengelegt werden und in der Hektik von Usain Bolt und Co. untergehen.

Wie stehen Sie aktuell in der Vorbereitung für die Paralympics in Rio 2016?
Ich hatte super Wettkämpfe und wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist, bin ich sehr optimistisch für Rio. Ich will in Rio viel Spaß haben und alles genießen, denn es werden meine letzten Spiele sein.

Das Gespräch führte Katharina Schiller.

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