Hertha BSC auf Platz drei : Hertha BSC: Das ist ja kein Wunder

Als Fast-Absteiger auf einen Champions-League-Platz in der Bundesliga: Es gibt viele Gründe für den wundersamen Aufschwung von Hertha BSC.

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Da kommt was angerauscht. Hertha kann sich auch dank der Tore von Vedad Ibisevic der Euphorie hingeben. Foto: imago/Jan Huebner
Da kommt was angerauscht. Hertha kann sich auch dank der Tore von Vedad Ibisevic der Euphorie hingeben.Foto: imago/Jan Huebner

Viel zu sehen war nicht, nur eine weiße Tür mit der Aufschrift „Gästekabine“. Zu hören war dafür umso mehr. „Alle sind ein bisschen eskaliert“, berichtete Marvin Plattenhardt, der Linksverteidiger von Hertha BSC. „Es wurde ein bisschen getanzt, ein bisschen rumgeschrien. Das ist normal.“ Es ist zumindest nicht anormal, dass der Fast-Absteiger der Vorsaison ein bisschen ausflippt, wenn er nur ein halbes Jahr später auf Platz drei der Fußball-Bundesliga vorgerückt ist. Hertha schreibt gerade eine Wundergeschichte, die mit dem 4:0 in Darmstadt und dem Sprung in die Champions-League-Plätze ihren vorläufigen Höhepunkt erlebt. Von wegen Wunder!, sagt Trainer Pal Dardai. „Wenn man uns regelmäßig im Training zuschaut, müssen wir nicht über Wunder reden. Dann müssen wir über Arbeit reden. Wir haben bis jetzt noch kein Glück gehabt.“ Gut, viel Pech hatte Hertha auch noch nicht, trotzdem hat der bemerkenswerte Aufschwung andere Gründe.

DIE FITNESS

Herthas Vorbereitung im Sommer galt schon als legendär, als die Vorbereitung noch gar nicht zu Ende war. Die Profis wurden so hart rangenommen, wie sie es noch nie erlebt hatten (außer Peter Pekarik vielleicht, der das zweifelhafte Vergnügen hatte, schon einmal mit Felix Magath zusammengearbeitet zu haben). Für Kapitän Fabian Lustenberger ist der Fitnesszustand „fast der Hauptfaktor“ für die erfolgreiche Hinrunde. „In der Vorbereitung wurde uns alles abverlangt“, sagt er. „Wir trainieren jetzt zwar nicht mehr so lange. Aber die Intensität ist immer noch hoch. Das kommt unserem Spiel zugute.“ In der Vorsaison wirkte die Mannschaft oft träge. In dieser war sie in zehn Spielen lauffreudiger als ihr Gegner. In der letzten Viertelstunde kassierte Hertha erst fünf Tore – und die allesamt gegen deutlich stärker eingeschätzte Gegner (Dortmund, Wolfsburg, Schalke, Gladbach). Auch das ist ein Indiz dafür, dass die Mannschaft in einer guten körperlichen Verfassung ist. Trotzdem fürchtet Dardai, dass irgendwann die mentale Müdigkeit kommt. „Dann müssen wir wach sein.“

DIE NEUZUGÄNGE

Michael Preetz, Herthas Manager, ist vor ein paar Wochen vom „Kicker“ zum besten Einkäufer der Liga gekürt worden. Was immer man von dieser Auszeichnung zu dieser Zeit halten mag: Sie ist zumindest ein Indiz dafür, dass Herthas Verpflichtungen keine Anlaufzeit benötigt haben. Vladimir Darida, Vedad Ibisevic, Niklas Stark und Mitchell Weiser haben sich auf Anhieb als Verstärkung erwiesen. Nur der verletzte Stark stand in Darmstadt nicht in der Startelf. Ibisevic, kurz vor Ende der Transferperiode aus Stuttgart verpflichtet, erzielte gegen den Aufsteiger in seinem neunten Spiel für Hertha seine Saisontore fünf und sechs. „Ich glaube, Stuttgart ärgert sich schon“, sagt Verteidiger Sebastian Langkamp. Darida, der laufstärkste Spieler der Liga, wurde von Manager Preetz bereits als „Herz und Hirn“ des Teams bezeichnet, und Weiser ist mit fünf Assists Herthas bester Vorbereiter. In Darmstadt leitete er das wichtige 1:0 ein.

DIE DEFENSIVE

Als Pal Dardai im Februar die Verantwortung für Herthas Profis übernahm, galt sein Augenmerk vor allem der Defensive. In den 15 Spielen bis zum Saisonende kassierte die Mannschaft nur noch 14 Gegentore (bis dahin waren es 38 gewesen); allerdings ging die defensive Stabilität eindeutig zulasten der Offensive. Hertha schaffte im Schnitt nicht mal mehr ein Tor pro Spiel. Das Bemerkenswerte ist, dass die Mannschaft in dieser Saison deutlich besser Fußball spielt, offensiver, attraktiver – und die Defensive trotzdem nicht darunter leidet. „Wir stehen defensiv sehr gut“, sagt Plattenhardt. „Das macht uns so stark.“ Hertha hat in Darmstadt zum sechsten Mal zu null gespielt. Mit 18 Gegentoren stellen die Berliner hinter Bayern und Ingolstadt die drittbeste Defensive der Liga. „Es ist schwer gegen die“, sagte Darmstadts Stürmer Marcel Heller.

DAS TRAINERTEAM

Größer kann der Unterschied kaum sein: erst gegen Bayer Leverkusen, dem Namen nach eine der spielstärksten Mannschaften der Liga, dann beim Aufsteiger Darmstadt, der Fußballverhinderung in Perfektion beherrscht. Die Berliner haben beide Spiele gewonnen – weil sie jeweils die richtige Antwort hatten. Ein festes, für alle Spiele und Gegner allgemeingültiges System gibt es bei Hertha in dieser Saison nicht; die Mannschaft spielt gegen Bayern anders als gegen Hannover. Zu Beginn jeder Woche überlegen Dardai und sein Assistent Rainer Widmayer, wie dem anstehenden Gegner am besten beizukommen ist – und konzipieren die Trainingeinheiten entsprechend. „Es ist ein Qualitätsmerkmal, dass man sein Spiel dem Gegner anpassen kann“, sagt Langkamp. „Unser Matchplan ist fast immer aufgegangen.“

DIE EFFIZIENZ

Ein bisschen ist es wie mit der Frage nach der Henne und dem Ei. Hat Hertha in der Vorsaison so defensiv gespielt, weil der Offensive nicht über den Weg zu trauen war? Oder hat die Offensive darunter gelitten, dass sich alle Mann um die Sicherung des eigenen Tores kümmern mussten? Egal! Die Frage stellt sich nicht mehr. „Für uns Abwehrspieler ist es ein schönes Gefühl, dass es da vorne eine gewisse Effizienz gibt“, sagt Verteidiger Langkamp. Kein Bundesligist braucht so wenige Schüsse für einen Treffer wie Hertha. Am Samstag kamen fünf Bälle aufs Darmstädter Tor – vier waren drin. Das erinnert an die Saison 2008/09, als Hertha zuletzt so weit oben anzutreffen war, weil das Team ebenfalls ein Meister der Effizienz war. Damals gewann Hertha vierzehn Spiele mit einem Tor Unterschied. In diesem Jahr sind es immerhin schon fünf. Die Berliner sind vor allem im richtigen Moment effizient. Zehn Mal gingen sie 1:0 in Führung, neun Mal gewannen sie anschließend, ein Mal endete das Spiel unentschieden.

DIE EUPHORIE

Uneingeschränkt zuversichtlich waren sie bei Hertha vor der Saison natürlich nicht. Eher ein bisschen zweifelnd: Haut das wirklich alles hin mit unserem schönen Plan? Dann gewann die Mannschaft im Pokal bei Arminia Bielefeld, siegte zum Ligastart in Augsburg – und vertrieb damit die schweren Gedanken. „Durch die ersten Erfolge haben wir uns das Selbstvertrauen geholt, dass wir auch knappe Spiele gewinnen können“, sagt Lustenberger. Das gute Gefühl wirkt bis heute nach und trägt Hertha durch die Hinrunde. „Letztes Jahr hatten wir fast die gleiche Mannschaft“, sagt Dardai. „Aber hinten um die Existenz zu kämpfen oder vorne um den Erfolg zu spielen, das sind zwei verschiedene Sachen.“ Es sei eine Befreiung, nicht mehr den Druck zu haben, meint Dardai, auch deshalb verbesserten sich die Spieler Stück für Stück. Wenn die Erfolge sichtbar sind, macht auch das Lernen einfach viel mehr Spaß.

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