Sport : Hertha gegen Arminia – einst ein Skandal

Sven Goldmann

Berlin - Volkmar Groß sucht noch eine Aushilfskraft. Wenn er jemanden findet, der heute hinter dem Tresen seiner Kneipe in Charlottenburg steht, dann wird er ins Olympiastadion fahren und sich das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und Arminia Bielefeld anschauen. Volkmar Groß hat früher Herthas Tor gehütet, er war Nationalspieler und galt als Kandidat für die WM 1974. Dass daraus nichts geworden ist, liegt an einem Spiel gegen Bielefeld. Vor knapp 35 Jahren, am 5. Juni 1971, verlor Hertha das letzte Saisonspiel 0:1 gegen die Arminia, die dadurch dem Abstieg entging. Am selben Tag wechselte ein Koffer mit viel Geld den Besitzer. Diese alte Geschichte ist so gegenwärtig wie lange nicht mehr in diesen Tagen, da die Bundesliga wieder in den Ruch der Korruption gerät.

1971 ging es Hertha BSC besser als heute. Vor dem letzten Spieltag stand die Mannschaft auf Platz drei, mit genügend Abstand nach oben und unten. Gegen Bielefeld ging es um nichts mehr, und so spielten die Berliner auch. Als es zur Halbzeit 0:0 stand, riefen die ersten Zuschauer: „Schiebung, Schiebung!“ Herthas Ungar Zoltan Varga lief nicht in die Kabine, sondern hinauf in den Presseraum im Oberring des Olympiastadions. Der „Spiegel“ hat später jenes Telefonat rekonstruiert, das Varga mit seiner Frau führte: „Ist das Geld da?“ – „Nein.“ – „Diese Schweine, sie wollen ohne uns Ausländer kassieren. Aber denen mache ich die Sache kaputt!“

In der ersten Hälfte hatte Zoltan Varga nicht viel getan. „Er verlor fast jeden Zweikampf, spielte den Ball dem Gegner in die Beine, schoss ihn an und stand sonst nur herum“, schrieb der Tagesspiegel. Nach dem Telefonat spielte Varga wie aufgezogen, traf einmal die Latte des Bielefelder Tores, und es sah so aus, als werde der plötzlich so spielfreudige Ungar von seinen Kollegen geschnitten. Später erfuhren die Fußballfans, dass Bielefeld Geld dafür geboten hatte, dass Varga und seine Kollegen möglichst schlecht spielen.

20 Minuten vor Schluss schoss Gerd Roggensack das Tor zum 1:0-Sieg für die Arminia. Sein Gegenspieler Bernd Patzke stand beim Bielefelder Siegtreffer passiv auf der Torlinie. „Das sah nach abgekartetem Spiel aus“, schrieb der Tagesspiegel.

Patzke war eine Schlüsselfigur jener Affäre, die als Bundesliga-Skandal in die Geschichte einging. Am Tag nach Herthas Niederlage spielte Horst-Gregorio Canellas, der Präsident des Absteigers Offenbach, öffentlich ein Tonband vor. Zu hören waren Telefonate zwischen Canellas und Spielern anderer Klubs. Deutlich war Patzke zu hören, wie er sagte: „Gestern habe ich mit einem von Bielefeld gesprochen, aber wir verhandeln noch. Wenn Sie, Herr Canellas, was draufpacken, sagen wir 140 000 Mark, versuchen wir natürlich, die Bielefelder zu schlagen.“ Patzke spielte nie wieder in der Bundesliga. Der DFB ermittelte später, dass 1971 bei 18 Bundesligabegegnungen Bestechungsgeld im Spiel war. 52 Profis wurden gesperrt, allein 15 von Hertha BSC.

Die Hertha-Profis behaupten bis heute, sie hätten nicht absichtlich verloren und das Geld nur angenommen, weil die Bielefelder es unbedingt loswerden wollten. Nur Zoltan Vargas nicht: „Am Dienstagabend vor dem Spiel gegen Bielefeld veranstaltete Hertha BSC eine Mannschaftsfeier. Es wurde besprochen, wie das Spiel laufen sollte. Es lagen Angebote aus Bielefeld und Offenbach vor. Nur Lorenz Horr sprach sich dafür aus, mit Bielefeld solle nicht weiterverhandelt werden, auf keinen Fall dürften wir gegen Bielefeld auf Niederlage spielen. Er konnte sich nicht durchsetzen.“ Volkmar Groß dagegen behauptet, man habe nur mit den Offenbachern verhandelt. „Die wollten uns fürs Gewinnen bezahlen, na und?“ Groß gibt zu, es habe auch eine Anfrage aus Bielefeld gegeben, 250 000 Mark für eine Niederlage. „Wir haben darüber gelacht. Wie soll ich das denn machen, absichtlich einen Ball durchlassen?“

Trotzdem sei Mittelfeldspieler Jürgen Rumor nach dem Spiel plötzlich mit einem Koffer in der Hand aufgetaucht. Der Inhalt: Geldscheine. Volkmar Groß erinnert sich: „Rumor hat erzählt, dass er gerade von den Bielefeldern kommt und dass die glauben, wir hätten absichtlich verloren.“ Dann hätten sie beschlossen, das Geld unter sich aufzuteilen. Jeder Spieler bekam 15 000 Mark, das Dreifache eines Monatsgehalts. Und heute? Ist so etwas wie 1971 auch im Jahr 2006 denkbar? Nein, sagt Volkmar Groß. „Die Spieler verdienen doch alle ein Vermögen. Womit soll man die noch bestechen?“

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