Sport : Herz in Scherben

Der Abstieg setzt Eintracht Frankfurt zu und zeigt Risse im Team auf. Trainer Daum steht vor einer ungewissen Zukunft, der Verein vor dem Umbruch

Ron Ulrich[Dortmund]

Christoph Daum hatte einen Blick wie ein Laserpointer, starr geradeaus ins Nichts. Nach seinem ersten Abstieg und wohl größten Misserfolg seiner Laufbahn nahm er gar nicht wahr, dass auf der Pressekonferenz direkt neben ihm die Dortmunder Meisterspieler ihren Trainer mit Bier übergossen. Erst als auch sein Platz nass wurde, flüchtete Daum. Während die Dortmunder mit der Meisterschale umherflitzten, stand Daum im Flur, zwischen dem Sanitäterbereich und dem Batterieraum. Eine herbe Enttäuschung sei das, sagte er gefasst.

Der Mann, der in den letzten Wochen die Begriffe „Denkgefängnis“ und „drittes Bein“ erschaffen hatte und dessen Interviews oftmals wie Esoterik-Seminare wirken, verteidigte sich selbst: „Ich habe alles versucht und trotz der personellen Probleme frischen Wind gebracht.“ Es gibt Prominente, die von sich in der dritten Person sprechen, Daum wählt gar die zweite Person – mit Sätzen wie „Du musst jetzt erst einmal den Kopf frei bekommen“, „Du fühlst dich jetzt natürlich leer“ oder „Du musst jetzt natürlich schnell eine Entscheidung treffen“.

Die Entscheidung betrifft seine Zukunft bei der Frankfurter Eintracht. Sowohl Vorstandschef Heribert Bruchhagen als auch Daum ließen im Moment der großen Enttäuschung keine Möglichkeit aus, sich gegenseitig zu loben. „Ich kann Christoph Daum keinen Vorwurf machen“, sagte Bruchhagen. „Heribert ist ein super Mensch und das Herz der Frankfurter Eintracht“, sagte Daum.

Am Montag werden sich beide zusammensetzen und über die weitere Zusammenarbeit sprechen. Als Daum schon über die Planungen für die Zweite Liga philosophierte, schien das wie eine Zusage seinerseits. „Nein, dazu sage ich heute nichts. Sonst gelte ich wieder als der große Umfaller.“ Ohnehin geht in Frankfurt niemand davon aus, dass der Verein den bestens vergüteten Abstiegstrainer halten möchte.

Zwei Stockwerke tiefer vor der Frankfurter Kabine wurde jedoch deutlich, dass der weitere Weg der Eintracht über Scherben führt. Ioannis Amanatidis war der einzige Spieler, der sich für Interviews zur Verfügung stellte. Genau jener Spieler, der gar nicht zum Einsatz gekommen war und nur einmal zum Spurt ansetzte, als er die aufgebrachten Anhänger nach dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern beruhigen wollte. „Die sollen sich nicht alle verdrücken“, sagte Amanatidis über seine Mitspieler. Seine Worte waren symptomatisch für den fehlenden Zusammenhalt eines Teams, das innerhalb eines halben Jahres von Platz sieben auf Platz 17 abstürzte. Auch seinen Trainer kritisierte der Spieler Amanatidis: „Ich kann nicht verstehen, wie man bei einem Rückstand einen Defensivmann einwechseln kann.“

Gemeint war die Einwechslung von Marcel Titsch-Rivero beim Stand von 2:1 für Dortmund. Titsch-Rivero hatte in seinem zweiten Bundesligaspiel noch keine Ballberührung, da flog er nach einer Notbremse mit der Roten Karte vom Platz. Daums Plan war, die Lücke im Mittelfeld zu schließen, die den Dortmundern ihre gefährlichen Vorstöße ermöglichte – der Plan misslang. „Ich kann nicht verstehen, warum wir so offen waren“, sagte er. Doch die offensive Ausrichtung hatte er selbst vorgegeben, nach 20 Minuten brachte er mit Halil Altintop noch einen weiteren Stürmer. Die Umstellung auf Defensive nach dem 1:0 misslang, auch weil die Eintracht keine Führungspersonen auf dem Platz hat. Bezeichnend, dass der 20-jährige Sebastian Rode und Torwart Ralf Fährmann die einzigen Lichtblicke waren.

Ob Fährmann, der zwei Elfmeter hielt, nach dem Abstieg bleibt, ist unklar. Ebenso verhält es sich mit Maik Franz. Kapitän Patrick Ochs wird sicher den Verein verlassen. Und während Daum noch davon sprach, dass die Mannschaft das Potenzial zum Wiederaufstieg habe, sagte Amanatidis: „Wir müssen jetzt unbedingt einen Schnitt machen.“ In Frankfurt liegen die Vorstellungen momentan weit auseinander.

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