Sport : Heute Krebs - und früher gedopt

Die Erkrankung des zweimaligen Tour-de-France-Siegers Laurent Fignon wirft Fragen auf.

Matthias Sander[Bordeaux]

Blonder Zopf, gelbes Trikot, stets gut gelaunt – so war der zweimalige Tour-de- France-Sieger Laurent Fignon dem breiten Publikum in Erinnerung. In diesem Juni präsentierte er sich fast kahlrasiert den französischen Fernsehzuschauern in einem aufgezeichneten Interview. Geradeheraus und offen sprach Fignon über seine im April diagnostizierte Krebserkrankung, die er in diesen Tagen zum öffentlichen Thema macht. Er wisse nicht genau, wo der Krebs sei, aber „es ist sicherlich die Bauchspeicheldrüse. Man weiß nicht, wie lange man noch lebt. Auf einmal weiß man nicht, was geschehen wird“, erklärte der 48-Jährige sehr gefasst. Noch im gleichen Atemzug sagte Fignon mit einem Lächeln: „Aber gut, ich bin Optimist, wir werden kämpfen und wir werden es schaffen, diesen Kampf zu gewinnen.“ Die erste Sitzung seiner Chemotherapie habe er gut verkraftet.

Kurz vor der am Samstag beginnenden Tour de France hat der Tour-Sieger von 1983 und 1984 ein autobiografisches Buch über den Radsport veröffentlicht, das er vor seiner Krebsdiagnose geschrieben hat. „Wir waren jung und sorglos“ heißt es und beginnt mit dem Satz „Wir hatten vor nichts Angst“. Offen und zuweilen schonungslos schildert Fignon die Radsportszene der achtziger Jahre. Er habe Amphetamine und Kortison genommen, um abends zu feiern und am nächsten Tag durchzuhalten – wie alle anderen Fahrer auch, ergänzte Fignon im Interview mit dem Fernsehsender TF1. Bei der Kolumbien-Tour 1984 habe er Kokain genommen und sei trotz durchzechter Nächte am nächsten Tag wieder angetreten.

Die Frage nach einem eventuellen Zusammenhang zwischen Doping und Krebs stellt sich automatisch. „Es gibt keine repräsentativen Studien darüber und nur sehr wenige Fälle“, sagt der Bordelaiser Krebsforscher Dominique Béchard. Man werde „niemals“ einen Zusammenhang nachweisen können. Und schließlich sei der größte Krebserreger ganz einfach „das Leben“ – etwa psychologische Faktoren wie nach dem abrupten Karriereende eines Profisportlers. Auch Fignon glaubt nicht, dass das Doping den Krebs gefördert hat: „Ich habe den Ärzten ehrlich erzählt, was ich alles genommen habe. Sie meinten, das könne nicht der Grund sein, das wäre zu einfach. Aber mit absoluter Sicherheit kann man nicht ausschließen, dass es etwas Schlimmeres ausgelöst hat.“ Derzeit könne man allein schon aus einem banalen Grund keinen Zusammenhang feststellen: „Wenn alle gedopten Radprofis Krebs hätten, hätten wir alle welchen.“ In zehn bis zwanzig Jahren werde man sehen, ob es weitere Fälle gebe.

Die französische Öffentlichkeit scheint Laurent Fignon das Doping überhaupt nicht übel zu nehmen – es überwiegt ganz klar die Anteilnahme an seiner Krebserkrankung. Zwar gab Fignon 1989 nach einer positiven Kontrolle die Einnahme von Amphetaminen zu, noch nie aber sprach er so offen darüber wie jetzt. Auch das offensive Angehen der Krebserkrankung bringt ihm Respekt ein. „Wenn es schnell zu Ende gehen sollte, habe ich nichts zu bereuen. Ich habe ein schönes Leben gehabt“, sagt Fignon. „Ich will nicht sterben, aber ich habe keine Angst davor.“

Am Samstag startet aber erst mal die diesjährige Tour de France. Und da will Laurent Fignon wie gewohnt als Fernsehkommentator mit von der Partie sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben