Sport : „Holt die Antidepressiva raus, Fortuna spielt“

Kann man ein Leben lang bestraft werden für den Geburtsort? Wenn es Düsseldorf ist, ja

Helmut Schümann[Düsseldorf]

Und jetzt muss es raus. Es war schon in den Beinen und verursachte ein nervöses Trippeln. Es war im Bauch und schmerzte sehr, weil die da unten ihre Chancen versiebten, Herrgott nochmal! Und jetzt sitzt es im Hals, in der Kehle, und es muss jetzt raus, und dann kommt es raus: „For - tu - na! For - tu - na!“ Kurz flackert ein wenig Lächerlichkeit auf. Mann, 52 Jahre alt und jetzt hockst du hier zu Besuch in der Heimatstadt, es geht gegen Babelsberg, und du brüllst „For - tu - na!“ wie damals vor Jahrzehnten mit zwölf im Block 38. Aber die Peinlichkeit hat keine Chance, weil dem Gebrüll mit zwölf Jahren das Gebrüll mit 14 folgte, mit 16, 20, 30, 45, da ist das mit 52 nur logisch. „For - tu -na!“ Dabei gab es eigentlich nie viel zu brüllen, viel mehr zu weinen. Von der Fortuna lernen heißt verlieren lernen, und das ist ja nicht die schlechteste Erfahrung, die man im Leben machen kann. Zumindest im Rückblick, im Moment der Erfahrung ist das nicht so lustig.

Die Fortuna aus Düsseldorf gewann vergangenen Samstag ihr Spiel gegen Babelsberg, und jetzt sind es nur noch zwei Siege, zwei Siege bis zum Aufstieg in die Zweite Liga. Den ersten Sieg muss sie selber schaffen, bei Rot-Weiß Erfurt, den zweiten muss Union bewerkstelligen, „Union! Eisern Union!“ gegen die Oberhausener. Ach, wäre das schön. Großer Fußballgott, es muss sein, es kann nicht sein, dass man ein Leben lang bestraft wird für einen Geburtsort, an dem es die Fortuna gibt. Aufstieg, Abstieg, Aufstieg, Abstieg und irgendwann nur noch Abstieg, Abstieg, Abstieg, Abstieg, da war die Fortuna in der Oberliga Nordrhein. Besser nicht mehr darüber reden. Wäre dies ein journalistischer Text, müsste man natürlich jetzt darüber reden, dass sie das alles selber verspielt hat mit Dilettanten in den Führungsgremien, solchen wie dem verdienten Meister des Freizeitgolfs, Thomas Berthold, einem ehemaligen Weltmeister, der sich als Manager versuchte. Na ja, die Episode ging wenigstens als Posse zu Ende und Berthold wurde gefeuert. Nicht wegen erwiesener Unfähigkeit, sondern wegen einer unkorrekt abgerechneten Spesenquittung im kleinen dreistelligen Bereich. Wegen eines Hunderters, und dass in der Geldsäckelstadt Düsseldorf. Und man müsste natürlich auch erwähnen, dass selbst in den Phasen, in denen die Namensgeberin sich mal Mühe gab, das Spiel der Fortuna mit Fußball nicht viel zu tun hatte. „Holt die Antidepressiva raus, Fortuna spielt“, soll der Radiomoderator Manni Breuckmann Mitte der neunziger Jahre einmal gesagt haben. Ob wahr oder nicht, recht hatte er auf jeden Fall.

Aber hier ist heute keine Objektivität zu erwarten. Mann, weißt du noch, ’75, die Bayern zu Gast im Rheinstadion, das heute auch Arena heißt, 2:4 zur Pause und dann 6:5 für uns. Oder drei Jahre später, ein Datum, eingemeißelt für alle Zeiten, 9. Dezember, 25 999 Zuschauer plus einen, am Ende stand 7:1 auf der Anzeigetafel, der Gegner, das war nicht irgendein FC Schießmichtot, das war auch der FC Bayern, ha! Na ja, nur damit man es mal wieder weiß, im Europapokal-Finale standen wir auch schon. 1979, Pokal der Pokalsieger, gegen den FC Barcelona. Die Mannschaft: Daniel, Baltes, Köhnen, Zimmermann, Zewe, Schmitz, Bommer, Brei, Thomas und Klaus Allofs, Seel. Und als Seel in der 114. Minute der Verlängerung auf 3:4 verkürzte und Hoffnung aufkam, da schnappte sich Thomas so ein kleines Rattanstühlchen und wirbelte es durch das Zimmer im fünften Stock der Dachgeschosswohnung. Das Stühlchen entglitt ihm und raste geradewegs durch das geschlossene Fenster. Und Barcelona gewann. Das kann doch nicht alles umsonst gewesen sein.

Ob die Mannschaft überhaupt zweitligatauglich ist? Soll die Frage ein Witz sein? Die Fortuna hat sich noch nie nach Tauglichkeit gerichtet. Sonst wäre sie ja ein richtiger Fußballverein. Nein, nein, darum geht es nicht, es geht nur darum, dass wir rauf müssen, kein Spott mehr, keine Häme in der Fremde, nur endlich wieder rauf. Deswegen muss es raus: „Fort -tu -na! For - tu - na! Fort - tu - na!“

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