Homophobie im Fußball : Schiedsrichter Halil Dincdag: Zwangsweise Vorbild

In seiner Heimat, der Türkei, hat Schiedsrichter Halil Dincdag fast alles verloren: Lizenz, Arbeit, Ansehen. Wegen seiner Homosexualität. Trotzdem ist er irgendwie auch zu einem Idol geworden.

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Unter Freunden. Halil Dincdag (Mitte) beim Spiel TeBe – Türkiyemspor.
Unter Freunden. Halil Dincdag (Mitte) beim Spiel TeBe – Türkiyemspor.Foto: Björn Kietzmann

Der Typ hatte raspelkurze Haare, einen wilden Blick, stand zehn Meter neben dem Spielfeld und brüllte: „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht.“ Dann prustete er vor Lachen. Kleiner Gag, bitte, das musste ja erlaubt sein. Das Auto des Schiedsrichters stand irgendwo in Istanbul, Hunderte Kilometer entfernt von Kreuzberg. Und überhaupt: Natürlich wäre hier, beim Fußball-Freundschaftsspiel Tennis Borussia II gegen Türkiyemspor III, kein Fan je auf die Idee gekommen, den Unparteiischen ernsthaft zu beleidigen. Auch wenn der gerade Freistoß für Türkiyemspor gepfiffen hatte.

Denn Halil Dincdag gilt als Idol.

Ein schwuler türkischer Amateur-Schiedsrichter, der wegen seiner Homosexualität zu Hause nicht mehr pfeifen darf und seinen Job verlor, der im Macho-Land Türkei um die Rechte Homosexueller kämpft, das ist Halil Dincdag. Der Lesben- und Schwulenverband Berlin hat ihn eingeladen, das Spiel in Kreuzberg gehörte zum Programm. TeBe und Türkiyemspor III kämpfen seit langem gegen Homophobie. Vor allem aber erzählt Dincdag in dieser Woche in Vorträgen über seinen Kampf, über seine Geschichte, über das bedeutsame Datum.

Der 22. April. Da fällt das Urteil.

Halil Dincdag hat den türkischen Fußballverband vor einem Istanbuler Gericht auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. Denn der Verband hatte dafür gesorgt, „dass mein Leben zur Hölle wurde“. Dincdag hatte sich vor Jahren vom Militärdienst befreien lassen, sein Kreisverband verlängerte deshalb Dincdags Schiedsrichter-Lizenz nicht mehr. Er sei nicht fit genug. Der empörte Dincdag schrieb daraufhin dem türkischen Verband: „Befreit wurde ich wegen meiner Homosexualität.“ Damit hatte er sich den Funktionären ausgeliefert. Der Brief landete prompt bei der Presse, Zeitungen veröffentlichten Dincdags Initialen. Der Unparteiische geriet in Panik, in einer TV-Sendung zeigte er sein Gesicht.

Das war im Mai 2009, und seither liegt die bürgerliche Existenz des Amateur-Schiedsrichters und Radio-Moderators Dincdag in Trümmern. Er erhielt Morddrohungen, darf nicht mehr pfeifen, wurde entlassen, von der Familie lange finanziell über Wasser gehalten und bekam auf 150 Bewerbungen 150 Absagen. „Nicht mal als Geschirrspüler wollte man mich.“ Der 37-Jährige schreibt jetzt einen Blog und pfeift Freundschaftsspiele.

Aber er hat seither auch eine neue Existenz. Als Hoffnungsträger, als Vorbild. Auch durch seinen Fall wird jetzt in der Türkei differenzierter über Homosexualität gesprochen. „Ich habe erreicht, dass unsere Situation stärker wahrgenommen wird.“ Sogar mit Politikern der Oppositionspartei CHP redete Dincdag. Im Parlamentsgebäude.

„Selbst viele Journalisten unterstützen mich“, sagt Dincdag. Er leitete sogar mal ein Spiel zwischen einer Mannschaft des türkischen Homosexuellen-Verbands und einem Team aus Journalisten. Nur berichten diese Reporter zugleich eher vorsichtig über seinen Fall. „Sie haben Angst, gefeuert zu werden, wenn sie sich deutlich positionieren“, sagt Dincdag. Bei seinem Rausschmiss hörte er den Satz: „Ein homosexueller Mitarbeiter ist unvereinbar mit unserer Senderpolitik.“

Mehrere von Dincdags schwulen Freunden flogen offiziell aus anderen Gründen. „Aber entlassen“, sagt Dincdag, „wurden sie in Wahrheit wegen ihrer Homosexualität.“ Deshalb hatte er auch nur eine Empfehlung für den Oberarzt, der ihn eines Tages anrief. Der Mediziner sagte, er überlege, sich zu outen, er wolle einen Rat. Den konnte er gerne haben. „Mach’s nicht“, antwortete Dincdag.

Er hätte ja auch Thomas Hitzlsperger nie geraten, sich in der Türkei zu outen. „Man hätte ihn fertig gemacht.“ Das Outing des deutschen Nationalspielers war in der Türkei durchaus Thema, aber Nachahmer fand er nicht. Bis heute hat sich kein bekannter Sportler in der Türkei geoutet. „Dabei“, sagt Dincdag, „gibt es auch im Fußball viele schwule Fußballer, einige kenne ich persönlich.“

Er setzt jetzt alles auf das Urteil am 22. April. „Ich bin sicher, dass ich gewinnen werde. Und ich hoffe, dass Arbeitgeber dann nicht mehr so leicht Homosexuelle feuern können“, sagt der 37-Jährige. Der 23. April ist in der Türkei ein Festtag. Es ist der Tag der Kinder. „Wenn ich am 22. gewinne“, sagt Dincdag und lächelt, „dann soll das der Tag der Homosexuellen werden.“

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