Homosexualität im Frauenfußball : Barbiepuppen statt lesbische Wuchtbrummen

Alle Fußballerinnen sind lesbisch, sagt das Klischee. Das führt jedoch nicht dazu, dass im Frauenfußball entspannter mit Homosexualität umgegangen wird. Die WM war da sogar ein Rückschritt.

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Alles, auch lesbisch. Fans positionieren sich bei der WM klar für Homosexualität.
Alles, auch lesbisch. Fans positionieren sich bei der WM klar für Homosexualität.Foto: dpa

Sie trinken Sekt mit Strohhalmen aus Plastikbechern. Tanja Walther-Ahrens hebt ihren Becher. „Wir haben wieder eine herausragende Saison gespielt“, sagt sie fast ein wenig feierlich. „Allerdings haben wir nicht so viele Tore geschossen wie im letzten Jahr, daran müssen wir in der Sommerpause arbeiten.“ Ihre Teamkolleginnen brechen in lautes Gelächter aus. Trainiert haben die Fußballerinnen des SV Seitenwechsel schon lange nicht mehr. Und das ist nicht das Einzige, was sie von anderen Mannschaften unterscheidet.

Beim SV Seitenwechsel spielen fast ausschließlich lesbische Frauen. Nichts Besonderes, sagt das Klischee. Fußballerinnen sind doch eh alle lesbisch. Im Frauenfußball kehrt sich das Vorurteil des Männerfußballs um. Auf der einen Seite gibt es ausschließlich homosexuelle Frauen, auf der anderen nur heterosexuelle Männer. Das Ergebnis aber ist ähnlich: Die Angst vor dem Outing ist bei Fußballerinnen beinahe genauso groß wie bei den männlichen Pendants. Genau betrachtet kann man die Anzahl der Fußballerinnen, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, an einer Hand abzählen. Und die Allgegenwärtigkeit des Frauenfußballs in diesem Sommer wird daran kaum etwas ändern. Eher im Gegenteil.

Verheiratet. Deutschlands zweite Torhüterin Ursula Holl jubelt mit ihrer Frau Carina nach dem 1:0 gegen Nigeria.
Verheiratet. Deutschlands zweite Torhüterin Ursula Holl jubelt mit ihrer Frau Carina nach dem 1:0 gegen Nigeria.Foto: dapd

"Homosexualität hat immer noch so einen Beigeschmack"

Es gibt viele Gerüchte um die deutsche Nationalmannschaft. Die Boulevardpresse stürzt sich auf vermeintliche Schmuddelgeschichten und spekulierte vor einigen Jahren über eine Dreiecksbeziehung zwischen Inka Grings, Linda Bresonik und ihrem damaligen Trainer Holger Fach. Grings beantwortet seither keine Fragen mehr zu ihrem Privatleben. Es soll im DFB lange ein ungeschriebenes Gesetz gegeben haben, dass Homosexualität zwar geduldet werde, solange die Spielerinnen damit nicht an die Öffentlichkeit gingen.

Tanja Walther-Ahrens hat damals in der Bundesliga gespielt, bei Tennis Borussia und Turbine Potsdam. „1995 gab es eine große schwul-lesbische Sportveranstaltung, bei der es auch ein Fußballturnier gab“, erzählt sie. „Da war klar: Wenn die Nationalspielerinnen da mitmachen, sind sie die längste Zeit Nationalspielerinnen gewesen.“ Allein die Aussage der deutschen Teammanagerin Doris Fitschen, es werde niemandem „mehr“ untersagt, sich zu outen, deutet darauf hin, dass es mal andere Zeiten gab.

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Walther-Ahrens ist heute als Delegierte der European Gay and Lesbian Sports Federation (EGLSF) Ansprechpartnerin für Fußball und Homophobie. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sie Anfang des Jahres in die Nachhaltigkeitskommission des Deutschen Fußball-Bundes geholt. Im Februar hat sie ihr Buch vorgestellt: „Seitenwechseln – Coming Out im Fußball.“ Sie ist inzwischen 40, lässt das halblange Haar einfach grau werden. Die studierte Sportwissenschaftlerin drückt sich klar aus, überzeugt mit logischer Argumentation, nicht mit der Keule der Political Correctness, die zu diesem Thema häufig herausgeholt wird. Sie glaubt, dass es heute keine Verbote mehr braucht. „Ich glaube, das ist gar nicht nötig“, sagt sie. „Homosexualität hat immer noch so einen Beigeschmack von Krankheit und Sünde. Da ist man lieber vorsichtig und sagt gar nichts.“

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