Sport : In der Ruderburg von Rostock

Der Fall Nadja Drygalla und seine merkwürdigen Folgen.

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Stark im Boot, schwach Im Reden. Drygalla (M.) im deutschen Achter. Foto: dpa
Stark im Boot, schwach Im Reden. Drygalla (M.) im deutschen Achter. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Wenn Nadja Drygalla ihre Trainingseinheiten im Olympischen Ruder-Club Rostock (ORC) absolviert, dann hat sie ihre Ruhe. Ihre Geschichte spiele keine Rolle mehr, sagt ein Klub-Mitglied des ORC. Drygalla sei eine einfache junge Frau, „aber eine Klasse-Ruderin“. Und damit sei eigentlich auch schon alles gesagt: „Den Rest der Geschichte haben die Medien gemacht, und jetzt ist es auch mal gut.“

Am Fall Drygalla war vor einem Jahr gar nichts gut. Nachdem die Ruderin in London ihre Wettbewerbe schon hinter sich hatte, wurden dem Deutschen Ruderverband (DRV) angeblich erst die Verbindungen von Drygallas Lebensgefährten zur rechtsextremen Szene bekannt. Erstaunlich spät, zumal das in der Szene und auch in ihrem Heimatklub längst bekannt war. Ihr Lebensgefährte Michael Fischer hatte den ORC Monate zuvor, so heißt es, auf Druck des Klubs verlassen. Fischer war NPD-Landtagskandidat, zurzeit der mehrjährigen Beziehung mit Drygalla.

Drygalla musste das Olympische Dorf verlassen, es war der Beginn einer langen Debatte. Die Ruderin sagte, die Beziehung sei von Fischers Kanditatur für die NPD belastet worden. „Ich habe in vielen Diskussionen klar gesagt, dass ich diese Meinung nicht teile und da nicht hinterstehe.“ Auch Fischer habe sich inzwischen nach seinem NPD–Austritt davon distanziert. Doch nach ihrem ersten Interview sagte Drygalla nichts mehr. Offensichtlich sah sie sich als naives Opfer, wirkte überfordert mit dem großen öffentlichen Interesse an ihrer Person. Sie verließ die Sportfördergruppe der Polizei des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Mitte September schließlich stellte sich der Verband hinter seine Athletin. In einer Erklärung ließ der DRV um seinen Vorsitzenden Siegfried Kaidel nach einem Gespräch mit Drygalla verlauten: „ In freundschaftlicher, konstruktiver Atmosphäre hat Siegfried Kaidel bekräftigt, dass der Verband voll hinter seiner Athletin steht.“ Am 1. November trat Nadja Drygalla ihren Dienst bei einer Sportförderkompanie der Bundeswehr an. Einen bitteren Beigeschmack wollte damals in der Ruderszene niemand empfinden. Ihr Trainer Ralf Müller sagte dem Tagesspiegel: „Sie gehörte im Riemenbereich zu den besten drei, vier Frauen in den vergangenen Jahren. Da ist der Wechsel zur Bundeswehr sehr begründbar.“

Nadja Drygalla ruderte wieder: Im Zweier der Frauen wurde sie im April dieses Jahres Dritte beim Langstreckentest des DRV in Leipzig – gemeinsam mit ihrer Klubkameradin Ulrike Sennewald. Die Tochter des Rostocker Klubpräsidenten und einstigen Weltklasseruderers Hans Sennewald war auch Drygallas Kollegin im deutschen Frauenachter. Im Juni wurde sie als Schlagfrau mit dem Achter – ohne Drygalla – in Sevilla Zweite bei der EM. Nur eine Woche später verkündete Sennewald überraschend ihren Rücktritt vom Leistungssport – mit 24 Jahren. Sie wolle sich auf ihr Studium konzentrieren, sagte Sennewald. Ihr Rücktritt ist ein Rückschlag für das nach ihr zweite große Talent bei den deutschen Frauen: Nadja Drygalla, 24 Jahre alt. Langfristig wollten sie beim DRV den Achter wieder international auf hohem Niveau konkurrenzfähig machen, nach Sennewalds Rücktritt sieht es damit schlecht aus – das Talent Drygalla ist ziemlich allein in ihrer Generation. Drygalla sollte laut Trainer Müller im Achter zum „Kern dieser Mannschaft“ werden, doch nun ist um den Kern dieser Mannschaft nicht viel los.

Doch die Rostocker Ruderwelt ist ein Jahr nach London wieder in Ordnung. Drygalla trainiert unbehelligt auf der Warnow. Wer den eigentümlichen Verlauf der Debatte um sie und ihren Fall verstehen will, der muss vielleicht auch versuchen, Rostock zu verstehen. In der größten Stadt im beschaulichen norddeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern geht alles etwas gemächlicher zu. Die Leute sind freundlich, aber auch schnell verschlossen, wenn Kritik von außen kommt oder wenn es zu schrill oder zu schräg wird: So wurde beim Christopher-Street-Day in Rostock kürzlich erwogen,Musik während des Umzuges zu verbieten.

Mit dem Fall Drygalla entstand auch die Wagenburg um die Ruderin herum, die nicht reden will, sondern nur rudern. Und das kann Nadja Drygalla nun in ihrer Ruderburg von Rostock. Claus Vetter

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