Sport : In die Spitze

Marco Reus, einer der besten Spieler der Bundesliga, drängt jetzt auch in der Nationalelf nach vorne.

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Unter Beobachtung. Marco Reus erfreut sich großer und vielfältiger Wertschätzung seitens des Bundestrainers Joachim Löw. Foto: dapd Foto: dapd
Unter Beobachtung. Marco Reus erfreut sich großer und vielfältiger Wertschätzung seitens des Bundestrainers Joachim Löw. Foto:...Foto: dapd

Der letzte Spieltag der Bundesliga-Saison hat für Joachim Löw einige Attraktionen bereitgehalten. Der Bundestrainer hätte zum Beispiel nach Dortmund reisen können, um dem neuen Meister seine Reverenz zu erweisen. Er hätte sich in Köln oder Berlin den Kampf gegen den Abstieg reinziehen können. Oder Michael Ballack in Nürnberg bei dessen letztem Auftritt in der Bundesliga die Aufwartung machen können. Stattdessen hat Löw die Begegnung Mainz gegen Mönchengladbach mit seinem Besuch beehrt, das Duell des Dreizehnten gegen den Vierten. Eine, sagen wir mal, zumindest originelle Entscheidung. Im Nachhinein muss man feststellen: Joachim Löw hat alles richtig gemacht.

Der Bundestrainer hat in Mainz einen glänzenden Marco Reus gesehen. In seinem letzten Einsatz für Borussia Mönchengladbach erzielte der Offensivspieler zwei Tore zum 3:0-Sieg, das dritte bereitete er vor. Möglicherweise ist bei Joachim Löw an diesem Nachmittag Anfang Mai die Erkenntnis gereift, dass dieser Bursche nun auch reif sei, in der Nationalmannschaft eine bedeutendere Rolle zu spielen. „Er ist mit Sicherheit einer der Spieler der Saison“, sagt der Bundestrainer, „seine Effizienz ist hervorragend.“

In der Nationalmannschaft aber ist Reus bisher allenfalls ein Nebenherläufer gewesen. Die Liaison war von Beginn an von Komplikationen begleitet. Im Mai 2010, gleich nach seiner ersten Saison in der Bundesliga, wurde der Gladbacher zum ersten Mal für die Nationalmannschaft nominiert; bis zu seinem Debüt aber sollten noch 17 Monate vergehen. Viermal musste Reus wegen Krankheit oder Verletzungen absagen, einmal, gegen Brasilien, blieb er 90 Minuten lang auf der Bank sitzen. Inzwischen kommt der Gladbacher auf fünf Länderspieleinsätze, nur ein einziges Mal, im Februar gegen Frankreich, durfte er von Anfang an spielen. „Das hat mir sehr gut getan“, sagt Reus. Und trotzdem war der Auftritt kein Vergleich zu seinen teils mitreißenden Darbietungen im Verein.

Der schmächtige Offensivspieler mit der schrägen Frisur ist einer der Gründe dafür, dass die Gladbacher innerhalb eines Jahres vom Abstiegskandidaten zum Champions-League-Aspiranten aufgestiegen sind. Gerade in engen Begegnungen hat Reus den Unterschied ausgemacht. Seitdem er im Sommer 2009 vom damaligen Zweitliga-Absteiger Rot-Weiss Ahlen nach Mönchengladbach gewechselt ist, hat er nur fünf von hundertzwei möglichen Spielen verpasst – kein einziges konnten die Gladbacher gewinnen. In der abgelaufenen Saison erzielte Reus achtzehn Tore für die Borussia, elf bereitete er vor. Damit war er gemeinsam mit Mario Gomez (26/3) der beste Scorer der Bundesliga mit deutschem Pass. „Er hat eine große Entwicklung gemacht“, sagt Bundestrainer Löw. „Er ist wendig, beweglich, abschlussstark.“

Es gibt deutliche Zeichen dafür, dass Reus, der am Donnerstag 23 wird, gerade dabei ist, auch in der Nationalmannschaft einen wichtigen Schritt nach vorne zu machen. Am Samstag, beim 3:5 in der Schweiz, erzielte der Gladbacher sein erstes Länderspieltor, er war überhaupt der einzige Deutsche, der in dieser Begegnung positiv aufgefallen ist. „Man muss Spielern auch mal die Zeit geben, sich zu integrieren“, sagt Reus. Das Niveau bei Länderspielen sei viel höher als in der Bundesliga. „Dafür muss man erstmal ein Gefühl bekommen.“

Vielleicht war es aber auch so, dass der Bundestrainer erst einmal ein Gefühl für Marco Reus entwickeln musste – und für die Position, die der in der Nationalelf einnehmen soll. Rechts im Mittelfeld hat der künftige Dortmunder den WM-Helden Thomas Müller vor sich, in der Zentrale, hinter der einzigen echten Spitze, ist die Konkurrenz mit Mesut Özil, Toni Kroos und Mario Götze nicht minder anspruchsvoll. „Ich würde ihn gerne ganz vorne sehen“, hat der Bundestrainer ganz am Anfang der EM-Vorbereitung bekannt gegeben. „Er hat das noch nie gespielt, aber ich bin mir sicher, dass er das ganz gut erfüllen könnte.“

Die Ankündigung kam ein bisschen aus dem Nichts, sogar Reus selbst wurde von ihr überrascht. Dass die Rolle jedoch völlig neu für ihn ist, stimmt gar nicht. „Ich habe das teilweise auch schon in Gladbach gespielt, mit Mike Hanke zusammen. Wir haben uns da immer abgewechselt“, sagt er. „Die Position liegt mir ganz gut.“ Nach Löws Planungen soll Reus vor allem dann eine Option als Stürmer sein, wenn die Nationalmannschaft auf eine dichte Defensive trifft. Reus ist jemand, der sich selbst auf engstem Raum geschmeidig bewegen kann, jederzeit anspielbar ist und auch in Bedrängnis den Ball behaupten kann. „Gegen große athletische Innenverteidiger – da ist er prädestiniert“, sagt Löw.

Ein ähnliches Jobprofil hatte der Bundestrainer bei der Nominierung seines vorläufigen EM-Kaders auch für Cacau erstellt. Dass der Stürmer aus Stuttgart am Montag von Löw aus dem endgültigen Aufgebot gestrichen wurde, ist ein erster kleiner Sieg für Marco Reus.

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