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Interview : Günter Netzer: "Einzelkönner sind nicht mehr erwünscht"

31.12.2012 10:19 Uhrvon
Gleich schlägt's ein. Günter Netzer erzielte sein legendäres Tor im DFB-Pokalfinale für Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln.Bild vergrößern
Gleich schlägt's ein. Günter Netzer erzielte sein legendäres Tor im DFB-Pokalfinale für Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln. - Foto: dpa

Günter Netzer war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Heute sieht er viele Stars, die ihm nicht imponieren. Ein Gespräch über Sport im Wandel der Zeiten.

Herr Netzer, wann haben Sie das letzte Mal Fußball gespielt?

Warten Sie mal. Ich bin jetzt 68, minus 30 Jahre ungefähr, ach was, 35 Jahre ist das her, mindestens.

Juckt es Sie nicht, wenn Sie ein schönes Spiel sehen, selbst noch einmal…

…nein, nein, überhaupt nicht. Warum sollte ich solche Dummheiten denken? Ich habe nach meiner aktiven Laufbahn nie geglaubt, dass ich da mitspielen muss. Ich fühle mich befreit, seit die Schinderei ein Ende hat. Da gehöre ich nicht mehr hin. Alles andere wäre absurd.

Aber Sie könnten in Ihrem Garten einen Ball über die Wiese schießen.



Ach was. (Netzer rührt in seinem Tee und lehnt sich auf der Couch eines Berliner Luxushotels zurück.) Wissen Sie, seit meinem Bänderriss mache ich gar nichts mehr. Es war eines dieser Prominentenspiele gegen ein paar junge Burschen. Die haben da was falsch verstanden, wollten es uns unbedingt beweisen. Plötzlich lag ich im Krankenhaus. Da war für mich Schluss. Ich kannte das Gefühl ja nicht. Als aktiver Fußballer war ich kaum verletzt, bin nur einmal an der Schulter operiert worden. Sportärzte gab es in den Siebzigerjahren noch nicht. Wenn ich eine Muskelverletzung hatte, schickte man mich zum Allgemeinmediziner. Der hat sich was ausgedacht und mir eine Spritze gegeben.

Heute wimmelt es im Fußball von Medizinern, Vermittlern, Experten. Und die Spieler sind Werbehelden und Popstars – wie Sie damals einer wurden.

Mit einem Unterschied: In meiner Zeit gab es für Popstars keine Akzeptanz. Schon David Beckham hatte es einfacher als ich. Er wurde in eine Zeit geboren, in der sich junge Leute nach solchen Idolen sehnten. Heute ist Beckham ein Marketingprodukt mit ganz cleveren Leuten um sich herum, die ihn in Verbindung mit seiner Frau pushen. Ich dagegen habe mich einfach ausgelebt, ich habe mein Inneres nach Außen gekehrt. Das war ungewöhnlich, vor allem in einer Provinzstadt wie Mönchengladbach. Aber meine Freundin brachte mich darauf; ich übernahm ihren Lebensstil.

Das Extravagante…

Ganz genau. Schauen Sie, ich habe mich als Fußballer für Kunst interessiert. Ich trug lange Haare und seltsame Klamotten, bin Ferraris gefahren.

Na und, dicke Autos fahren heute alle Fußballspieler.

Aber bei mir hatte das Fußballspiel immer Priorität. Wenn ich kein überragender Spieler gewesen wäre, wären die Leute über mich hergefallen. Fußball war mein Ein und Alles, der Rest Nebensache.

Und jetzt wollen Sie uns sicher gleich noch erzählen, dass die Profis von heute zu viel verdienen.

Glauben Sie mir, es gab früher tolle Fußballer, die später verarmt sind. Heute passiert das Gegenteil: Selbst mittelmäßige Profis erreichen einen Wohlstand, der ihnen eigentlich nicht zusteht. Das ist zu viel des Guten, es überbordet.

Heute sind also alle verrückt, aber niemand erscheint mehr so?

Verrückt zu sein um des Verrücktseins willen? Das lehne ich ab. Das hat keine Basis, keine Qualität. Da muss schon was dahinter stecken. Für mich war es Ausdruck der Lebensfreude, dass ich mir ein teures Auto leisten konnte oder in einem Freundeskreis zu Hause war, der nicht nur Fußball im Kopf hatte. Wer sich heute ein tolles Auto leistet, nur weil er es sich leisten kann, imponiert mir nicht.

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