Interview : „Unser Geheimnis war der Espresso“

Italiens Teambetreuer Nello di Martino über den WM-Triumph von 2006, kleine und große Sticheleien sowie das Länderspiel gegen Deutschland.

Nello di Martino betreute bei der WM 2006 die italienische Nationalelf. Er lebt seit 1971 in Berlin.
Nello di Martino betreute bei der WM 2006 die italienische Nationalelf. Er lebt seit 1971 in Berlin.Foto: ddp

Herr di Martino, in „Deutschland, ein Sommermärchen“ spielen Sie eine kleine, aber feine Nebenrolle.

Ja, stimmt. Das war vor dem Halbfinale in Dortmund. Die Mannschaften waren gerade aus den Kabinen gekommen und standen vor der Treppe, die zum Spielfeld führt. Da hat Bernd Schneider durch den Gang gerufen: „Die haben Angst, Männer!“ Und ich habe eben zurückgebrüllt: „Wir haben keine Angst!“ Das gab eine schöne Verwirrung.

Sie waren bei der WM 2006 Betreuer der italienischen Mannschaft, der Mann im Hintergrund, der sich um alles kümmert. Auch im Film kommt Ihre Stimme aus dem Off, und dann ist Bernd Schneider zu sehen, der mit großen Augen in Ihre Richtung schaut.

Der hatte nun mal nicht erwartet, dass er einen Konter bekommt. Sie müssen sich das vorstellen: Es ist das Halbfinale der Weltmeisterschaft, fünf Minuten vor Spielbeginn – da ist das Adrenalin auf 350. Und dann kommt dieser Spruch. Gattuso hat mich gefragt: „Was hat der gesagt?“ – „Er hat gesagt, dass du Angst hast.“ (lacht) Das war eine schöne Sache.

Haben Sie den Film im Kino gesehen?

Nein, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass ich darin vorkomme. Ich glaube, es war Sascha Burchert …

… der Torhüter von Hertha BSC …

… der mir erzählt hat, dass er meine Stimme gehört hat. In Italien war das eine große Sache. Die Zeitungen haben darüber berichtet. Non abbiamo paura. Das ist legendär. Wir haben keine Angst.

War das denn wirklich so? Die Deutschen hatten bis dahin ein starkes Turnier gespielt – und sie hatten den Heimvorteil.

Mir war von Anfang an klar: Wenn wir ins Finale wollen, müssen wir Deutschland ausschalten. Innerlich hätte ich das natürlich gerne vermieden, weil ich seit 1971 hier lebe. Aber leider ist es so gekommen, und ich wusste, dass es nicht gut für Deutschland ausgeht.

Wieso?

In entscheidenden Spielen hat Deutschland gegen Italien immer verloren. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht habt ihr einen Komplex.

Wie war die Stimmung vor dem Spiel?

Da gab es schon ein bisschen Gift. Die Atmosphäre war sehr gereizt. Vor unserem Hotel in Duisburg haben deutsche Fans nachts Feuerwerkskörper abgeschossen. Dann mussten wir zum Halbfinale nach Bochum umziehen, weil die Fifa darauf bestanden hat. So ein Blödsinn. In Bochum war es noch schlimmer. Unser Hotel am Stadion lag direkt neben der Fanmeile. Und am Spieltag, bei der Fahrt ins Westfalenstadion, musste der Mannschaftsbus an jeder roten Ampel halten, weil die Polizeieskorte das Blaulicht nicht eingeschaltet hatte. Das sind nur Kleinigkeiten, aber die lenken dich ab – und das ausgerechnet vor so einem Spiel. Unter Fairplay verstehe ich etwas anderes.

Und was ist mit Torsten Frings und seiner nachträglichen Sperre für das Halbfinale?

Moment! Italien hat sich nie bemüht, dass Frings gesperrt wird. Warum hätten wir das tun sollen? Ich kann mich noch genau an die Pressekonferenz erinnern, als Marcello Lippi …

… Italiens Nationaltrainer …

… gesagt hat: „Egal ob Frings spielt oder nicht – wir sind stark genug.“ Aber die Stimmung war nach der Sperre für Frings sehr aufgeheizt. Auf dem Weg ins Stadion standen die Leute an der Straße und haben uns den Stinkefinger gezeigt oder mit dem Zeigefinger über den Hals gestrichen. Was von draußen in das Spiel reingetragen wurde, das war nicht gut. Die Boulevardpresse hat Leute, die seit 40 Jahren hier arbeiten, als Spaghettifresser und Pizzabäcker verhöhnt. Das ist grausam. Ein bisschen Respekt muss schon sein.

Die Deutschen waren vor dem Halbfinale sehr zuversichtlich, dass sie auch ohne Frings gewinnen. Sie hatten noch nie ein Länderspiel in Dortmund verloren.

Das haben wir auch mitbekommen, das stand ja in jeder Zeitung. Aber wissen Sie was: Man sollte nicht so viel reden. Die Spiele werden auf dem Platz entschieden. Lippi hat mich immer gefragt, was die deutschen Zeitungen schreiben. Er hat dann gesagt: „Es steht immer noch null zu null.“ Dass Deutschland die WM gewinnen soll, das war längst geplant. Aber wenn du so denkst, musst du aufpassen.

Gibt es denn ein Geheimnis für den italienischen Erfolg?

Espresso!

Espresso?

Ja, das erste Paket, das im Hotel oder in der Kabine ausgepackt wird, ist immer das mit der Espressomaschine. Die Espressomaschine reist sogar bei uns im Mannschaftsbus mit. Espresso ist überall. In der Dusche, in der Kabine, auf dem Trainingsplatz. Andere Mannschaften leben im Luxus, wir Italiener sind einfach. Für uns ist die Küche entscheidend. Ein bisschen Parmaschinken und Mozzarella. Was willst du mehr?

Man hatte im Halbfinale das Gefühl: Die Mannschaft weiß, was sie kann, und sie weiß, was sie will.

Das kann sein. Dabei hatte die WM für uns schon schlecht angefangen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Im April wurde der Manipulationsskandal in der Serie A aufgedeckt, der den ganzen Verband kaputt gemacht hat. Der Präsident musste zurücktreten, dazu viele Funktionäre, mit denen ich zu tun hatte. Die Politik hat dann jemanden zum kommissarischen Präsidenten ernannt, der überhaupt keine Ahnung vom Fußball hatte. Null. Minus null. Und dann wollte auch noch Marcello Lippi zurücktreten, weil sein Sohn in den Skandal verwickelt war. Da können Sie sich vorstellen, wie die Stimmung war. Aber ich habe zu Lippi gesagt: „Augen zu und durch. Du kommst nach Deutschland – und dann gehen wir nach Berlin.“

Zum Finale?

Genau. Als klar war, dass ich während der WM für den italienischen Verband arbeite, habe ich zu meiner Frau gesagt: Du musst mit unserer Tochter alleine in Urlaub fahren, ich bin bis zum 11. Juli beschäftigt. Ich war tausend-, nein, millionenprozentig überzeugt, dass wir diesen Pokal holen.

Woher kam diese Überzeugung?

Keine Ahnung. Das war so ein Bauchgefühl, das ich schon vor dem Turnier hatte und das sich dann während der WM bestätigt hat. Jeden Tag haben die italienischen Zeitungen groß und breit über den Manipulationsskandal berichtet, welche Spieler darin verwickelt sind, welche Vereine manipuliert haben. Natürlich haben die Spieler das gelesen, die Zeitungen lagen ja alle bei uns im Hotel aus. Von Juventus Turin standen vier oder fünf Spieler in unserem Kader, und plötzlich wird Juve in die Zweite Liga versetzt. Die wussten ja gar nicht, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Aber ich habe auch Filippo Inzaghi gesehen, der bei uns auf dem Hotelgelände stundenlang am See gesessen und die Fische da rausgeholt hat. Für mich war das ein Zeichen der inneren Ruhe.

Ende eines Märchens. Im WM-Halbfinale 2006 konnte Michael Ballack (links) Francesco Totti nicht halten. Bei der Neuauflage am Mittwoch sind beide nicht dabei.
Ende eines Märchens. Im WM-Halbfinale 2006 konnte Michael Ballack (links) Francesco Totti nicht halten. Bei der Neuauflage am...Foto: picture-alliance/ dpa

War diese innere Ruhe auch im Halbfinale entscheidend?

Entscheidend war, was Lippi in diesem Spiel taktisch gemacht hat. Zur Verlängerung hat er Camoranesi aus der Mannschaft genommen, einen Defensivmann, dafür Iaquinta gebracht und mit drei Stürmern gespielt. Ich habe später zu Lippi gesagt: „Was du da gemacht hast, war Harakiri.“ Er hat geantwortet: „Nello, ich musste das machen.“ Und er hatte recht.

Wieso?

Als Alessandro Del Piero eingewechselt werden sollte, stand ich direkt neben ihm. Alle haben gedacht, Lippi nimmt Totti raus. Das wäre auch der logische Wechsel gewesen. Aber Lippi hat Totti drin gelassen und Perrotta vom Feld geholt. In dem Moment habe ich in die Gesichter auf der deutschen Bank geschaut. Damit hatten sie nicht gerechnet. Das hat sie verwirrt. Die Deutschen wussten gar nicht, wie sie reagieren sollten.

Die Deutschen haben auf ein Elfmeterschießen spekuliert, wie im Viertelfinale gegen Argentinien. Hat Sie diese Aussicht nicht beunruhigt?

Unser Pressesprecher stand in der Verlängerung neben mir und war so nervös, dass er sich eine Zigarette nach der nächsten angesteckt hat. „Bleib ganz ruhig!“, habe ich zu ihm gesagt. „Bevor der Schiri abpfeift, schießt Italien das Tor. Mach dir keine Sorgen. Es gibt kein Elfmeterschießen.“ Und dann spielt Pirlo den Ball zu Grosso an den Strafraum. Grosso ist Linksfuß, genau wie ich. Wenn er von da mit links schießt, hat der Torhüter keine Chance. Ich wusste, jetzt ist es vorbei.

Für Deutschland war die WM vorbei. Für Italien ging es weiter ins Finale.

Nach der letzten Mannschaftssitzung in Duisburg habe ich gesagt: „Jungs, wir fahren nach Berlin. In diesem Stadion kenne ich jeden Stein, und ob ihr wollt oder nicht: Es gibt nur eine Mannschaft, die diesen Pokal holen kann. Das ist Italien.“ Als die Mannschaft nach der Siegerehrung auf dem Podest stand, hat sie mich dazugeholt. Das sind Momente, die du nicht begreifst. Jede Woche bist du in diesem Stadion, nie hast du mit Hertha was gewonnen, außer vielleicht den Schwarzwald-Cup, und jetzt hältst du diese fünfeinhalb Kilo Gold in den Händen. Mehr geht nicht. Deswegen wollte ich auch nicht mit nach Südafrika.

Hat man Sie denn gefragt?

Ja, aber ich habe gesagt: Wir haben einmal zusammen etwas erreicht, was vielleicht nie wieder kommt. Lasst uns einfach diese Erinnerung bewahren! Wenn wir uns sehen, lieben wir uns und denken an die schöne Zeit. Warum sollen wir uns das kaputt machen?

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

Nello di Martino, 59, stammt aus der Nähe von Neapel und lebt seit 1971 in Berlin. Er ist Teammanager bei Hertha BSC und betreute bei der WM 2006 die italienische Nationalelf.

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