Irland in der WM-Quilifikation : Trost am Tresen

Vor dem Duell gegen die deutsche Nationalmannschaft in Dublin haben die Iren viele Sorgen – die ertränken der Präsident und die Spieler ganz gern.

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Grüner Neuner. Stürmer Shane Long soll die vielen Verletzten wie Irlands Rekordtorschützen Robbie Keane ersetzen.
Grüner Neuner. Stürmer Shane Long soll die vielen Verletzten wie Irlands Rekordtorschützen Robbie Keane ersetzen.Foto: AFP

Dublin - Er würde bevorzugt nach großen Namen aufstellen, anstatt genauer auf die Form zu achten, hat man Giovanni Trapattoni zuletzt auf der grünen Insel vorgeworfen. Zumindest in dieser Hinsicht hat der 73-Jährige am Freitagabend jedoch rein gar nichts zu befürchten: Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von fünf Stammspielern ist Irlands Nationaltrainer gezwungen, auf eine Reihe von unterklassigen Ergänzungskickern und jugendlichen Nobodys zurück zu greifen. Keith Fahey vom englischen Zweitligisten Birmingham City zum Beispiel, soll im destruktiven Dreier-Mittelfeld Mesut Özil auf die Zehen treten; dazu hat es sogar der 21-jährige Conor Clifford, ein Mann, der bisher nur in der Reserve des FC Chelsea und in der dritten Liga spielen durfte, in den Kader geschafft. Zu allem Überfluss fehlt Stürmer Robbie Keane (Los Angeles Galaxy), der letzte verbliebene Leistungsträger, wegen einer Achillessehnenblessur. Für den 32-Jährigen könnte Shane Long (West Bromwich) zum Einsatz kommen.

Assistenztrainer Marco Tardelli hat unter der Woche im Trainingszentrum von Malahide tapfer versucht, das Notaufgebot als bewusste Neuausrichtung zu verkaufen. „Der irische Fußballverband muss nach vorne, zur EM 2016 schauen“, sagte der 58-Jährige, „Jungs wie Clifford gehört die Zukunft.“ Das mag sein, macht aber den Iren erstmal nicht wirklich Mut. Und die überschaubaren Fähigkeiten der Nachwuchstalente sind dabei gar nicht der Hauptgrund für den Mangel an Fortschrittsglaube: Ähnlich wie bei Joachim Löw im Post-EM-Blues drücken auch bei den Iren die Enttäuschungen aus der jüngsten Vergangenheit enorm auf die Stimmung in der Gegenwart.

Mit drei Niederlagen in der Gruppenphase hatte sich in Polen das System Trapattoni, das exklusiv auf lange Bälle aus einer tief gestaffelten Defensive vertraut, endgültig überlebt. Doch anstatt dem „Mister“ traten die Stammspieler Shay Given und Damien Duff zurück und beraubten der Auswahl damit beinahe den letzten Rest der verbliebenen Klasse. Der traditionell klammen Football Association of Ireland (FAI) fehlte derweil schlichtweg das Geld, Trapattoni im Sommer den Laufpass zu geben. Der Italiener hatte erst vor einem Jahr einen neuen Zwei-Jahresvertrag unterschrieben.

Warum FAI-Chef John Delaney so frühzeitig mit dem Übungsleiter verlängerte, bleibt sein Geheimnis. Delaney verdient mit 360 000 Euro im Jahr etwa das Doppelte des irischen Außenministers, seine Popularität ist in dem rezessionsgeplagten Land trotzdem im gleichen Maße gestiegen, wie die von Trapattoni gesunken ist. Beliebt wurde er mit einem denkbar simplen wie genialen Trick: Er spendiert den Fans bei jeder Gelegenheit Freibier.

Als Irlands EM-Qualifikationsspiel in der Slowakei von Bratislava nach Zilina verlegt wurde, zahlte die FAI 800 mitgereisten Fans die Zugreise und ließ für 5000 Euro Alkohol verteilen. Delaney selbst feierte fröhlich mit und torkelte auch einen Tag nach der EM-Niederlage gegen Kroatien im Juni umringt von Sympathisanten über den Marktplatz von Sopot – um halb vier Uhr morgens. Er hatte für gut zwei Dutzend Iren die Getränkerechnung übernommen, zum Dank hievten die Fans ihn in die Höhe und zogen ihm die Schuhe aus. Einer trank sogar Bier aus den Tretern. „Es fällt mir manchmal schwer, das zu verstehen, aber das ist eben bei den Iren so“, sagte Trapattoni damals, „das gleiche Problem haben wir manchmal mit den Spielern.“ Hinter vorgehaltener berichten Reporter, dass auch der eine oder andere Fußballer während des Turniers Trost am Tresen suchte.

Solange Delaney die Basis auf seiner Seite weiß, wird auch der Druck auf Trapattoni kaum wachsen, ungeachtet der schlechten Kritiken nach dem überaus glücklichen 2:1-Sieg in Kasachstan vor einem Monat und den arg fatalistischen Zukunftsaussichten. „Man muss leider davon ausgehen, dass wir am Freitag abgeschlachtet werden“, sagt Radioreporter Ken Early vom Dubliner Sender Newstalk, „mit diesem Trainer und dieser Truppe haben wir keine Chance, uns für die WM zu qualifizieren.“ In Dublin stellt man sich darauf ein, dass am Ende wohl auf Frustbewältigung à la Delaney hinauslaufen wird.

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