Island gegen England : Die Wikinger sind zurück

Ein gemeinsames Klatschen und ein kollektives „UUH!“: Der Schlachtruf der Isländer verzückt ganz Europa – und lässt das kleine Land auf das nächste Wunder hoffen

Max Dinkelaker
Die Isländer feiern ihren Sieg.
Die Isländer feiern ihren Sieg.Foto: dpa

Die große Zeit der Wikinger, sie ist abgelaufen, seit mehr als einem Jahrtausend. Vollbärte sind in Europa längst modisches Accessoire und werden auf Longboards statt Kriegsschiffen spazieren gefahren, nordische Namen haben sich – je nach Härtegrad der Konsonantenabfolge – gleichermaßen auf Waldorfschüler (Fynn, Lasse) und verwirrte völkische Siedler (Ragnar, Thor) verteilt.

Und trotzdem konnte einem am Montagabend in Nizza, die Isländer hatten England gerade aus dem Turnier geworfen, Angst und Bange werden. Schließlich waren sie plötzlich wieder da, die Wikinger. In Gestalt der isländischen Nationalmannschaft standen sie in einer Ecke des Stadions auf dem Rasen, den Blick grimmig ihren Fans auf der Tribüne zugewandt, die Arme zur Seite gestreckt. Die Stille, zuvor vom vollbärtigen Kapitän Aron Gunnarsson von den Zuschauern eingefordert, plötzlich zerschnitten durch ein gemeinsames Klatschen und ein kollektives „UUH!“. Immer schneller schallte der Schlachtruf durchs Stadion, ein mulmiger Mix aus Bewunderung und Furcht durchzog die beobachtenden Körper.

"Wir haben vor niemandem Angst"

Ob es sich tatsächlich um einen alten Wikingerschrei handele, lautete die Frage an den isländischen Trainer Heimir Hallgrimmsson – ein Name, wie er programmiger nicht sein könnte. Nein, von einem isländischen Klub habe man sich das Ritual abgeguckt. „Aber wenn es euch Angst macht, behalten wir es natürlich bei.“

Einschüchtern dürften die Schreie, ähnlich dem neuseeländischen Haka, in erster Linie die sportlichen Gegner. Und auch, wenn auf Frankreich im Viertelfinale keine plündernden Krieger, sondern – nur – bis zum Umfallen kämpfende Fußballer warten. Die Tatsache, dass man mit der Einschüchterung schon unmittelbar nach dem Spiel gegen England begann, dürfte den Franzosen die Vorfreude auf den Sonntag rauben. Die Isländer dagegen machten deutlich: Sie sind längst noch nicht fertig. Oder wie es Ragnar – sicher kein völkischer Siedler – Sigurdsson auf den Punkt brachte: „Wir sind Wikinger. Wir haben vor niemandem Angst.“

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