• Istaf 2013 in Berlin: Nadine Kleinert und Ralf Bartels: Ein letztes Mal explodieren

Istaf 2013 in Berlin : Nadine Kleinert und Ralf Bartels: Ein letztes Mal explodieren

Deutschland ist ein Land der Kugelstoßer – beim Istaf am Sonntag im Berliner Olympiastadion geben zwei von ihnen ihren Abschied von der internationalen Bühne.

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Die letzten Explosionen. Nadine Kleinert beendet ihre Karriere und wird im Olympiastadion noch einmal zeigen, wie schnell Kugelstoßer in Sekundenbruchteilen ihre ganze Kraft übertragen können. Foto: AFP
Die letzten Explosionen. Nadine Kleinert beendet ihre Karriere und wird im Olympiastadion noch einmal zeigen, wie schnell...Foto: AFP

Berlin - Im riesengroßen Stadion bekommen sie ein kleines Stück Betonboden zugeteilt und ein bisschen Wiese, dann legen sie los. Ihren Hals verziert ihr Sportgerät mit viel weißem Staub, aber auch von weitem sind sie unter den vielen Leichtathleten gut zu erkennen. Als der Begriff Modellathlet erfunden wurde, hat keiner an sie gedacht, sie sind diejenigen, die einem bequemen Durchschnittsbürger am ähnlichsten sind – auch wenn sie über ganz besondere Fähigkeiten verfügen, die Kugelstoßer.

Man mag sie als die Außenseiter der Leichtathletik ansehen, auch weil die Kugel von allen Wurfobjekten am wenigsten weit fliegt. 20 Meter und etwas mehr, dann plumpst sie in den Rasen. Doch gerade in Deutschland wird die zuverlässige Arbeit des eisernen Gewerbes geschätzt, die Kugelstoßer gewinnen schließlich regelmäßig Medaillen, und an diesem Sonntag beim Istaf werden zwei von ihnen nach einer langen und erfolgreichen Karriere verabschiedet.

Jeder der beiden, Nadine Kleinert und Ralf Bartels, hat eine besondere Geschichte. Wie gut Nadine Kleinert, 37 Jahre alt und aus Magdeburg, wirklich abgeschnitten hatte, wusste man oft erst nach den Wettkämpfen. Denn gerade bei den Kugelstoßerinnen steht das Ergebnis erst nach der Analyse der Dopingproben fest, und Kleinert rutschte noch einige Male nach oben. Ihre erste Olympiamedaille 2004 in Athen schien zuerst Bronze zu sein. Doch nachdem die Siegerin überführt worden war, rückte Kleinert auf Platz zwei vor. Bei der Hallen-WM im selben Jahr war sie erst auf Platz vier gelandet. Sie durfte nicht aufs Siegertreppchen, doch später wurde ihr wegen einer gedopten Konkurrentin noch Bronze nachgereicht.

Kleinert hat einmal ausgerechnet, dass sie insgesamt 13 Mal von gedopten Konkurrentinnen geschlagen wurde. Weil sie das Endergebnis oft erst am Telefon oder per Post erfuhr, hat sie Diskuswerfer Robert Harting gemeinsam mit Markus Esser als die „wahren Opfer des Dopings bezeichnet“, auch Hammerwerfer Esser durfte bei einer WM nicht aufs Siegertreppchen, obwohl er in der Endabrechnung Zweiter gewesen wäre. Immerhin wurde Kleinert im vergangenen Jahr in Helsinki auf dem geraden Weg Europameisterin. Olympiasiegerin Valerie Adams aus Neuseeland sagt über Kleinert: „Sie hat viel fürs Kugelstoßen getan.“ Warum aus Deutschland gerade so viele gute Kugelstoßer kommen? „Das gehört dort zur Kultur.“

Auf welchem Platz Ralf Bartels landete, auch das wusste man erst spät, aber immerhin noch innerhalb des Wettkampfs. Sein bester Versuch war oft der letzte, so sicherte er sich 2005 WM-Bronze und ein Jahr später den Europameistertitel. Insgesamt acht Medaillen hat der 35 Jahre alte Neubrandenburger bei Welt- und Europameisterschaften in der Halle und im Stadion gewonnen.

Kleinert und Bartels haben schon ihre Nachfolger gefunden. Bei den Frauen gewann Christina Schwanitz gerade bei der WM in Moskau hinter Adams Silber, und bei den Männern hat David Storl in Moskau seinen Titel sogar erfolgreich verteidigt. Vielleicht gelingt es Schwanitz und Storl noch etwas besser, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass Kugelstoßer unterschätzt werden. Der frühere Weltmeister Adam Nelson aus den USA sagte einmal: „Der Gleitstoß ist wahrscheinlich der reinste Ausdruck von Kraft in der Welt des Sports. Es ist eigentlich eine recht simple Bewegung – und trotzdem fast unmöglich zu meistern.“ Und der britische Werfertrainer Bob Weir sagt: „Wenn man Kugelstoßer in anderen Disziplinen starten lässt, sieht man schnell, dass sie wirklich außergewöhnliche Sportler sind.“ Sie springen aus dem Stand höher als Spieler beim American Football, die den Ball aus der Luft fangen, haben eine in jahrelanger Arbeit ausgefeilte Technik und können explosionsartig starten wie Sprinter. So sind die Kugelstoßer Athleten auf den zweiten Blick.

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