Kein Olympia in Hamburg : Eine Niederlage für Deutschland

Die Hamburger wollen kein Olympia - das ist eine Ohrfeige für die Politik. Doch eine Niederlage ist es nicht nur für Bürgermeister Olaf Scholz, sondern für ganz Deutschland. Ein Kommentar.

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Es hat nicht gereicht. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nimmt am Sonntagabend in Hamburg das Ergebnis des Referendums über die Olympiabewerbung 2024 zur Kenntnis.
Es hat nicht gereicht. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nimmt am Sonntagabend in Hamburg das Ergebnis des Referendums über...Foto: Axel Heimken/dpa

Aus, vorbei. Hamburg sagt Nein zu Olympia 2024. Nun sind die Analytiker der Volksseele gefragt. Was hat die Hamburger umkippen lassen, die doch so olympiabegeistert schienen? Die Skandale im Spitzensport, Fifa, DFB, IAAF, der Anschlag gegen das Stadion in Paris, die Flüchtlingskrise? Oder ist die Absage ein weiterer Triumph der Nimbys in einem saturierten, überalterten Land, das jede Veränderung vor der eigenen Haustür aus Abstiegsangst verhindern will?

Ja, all das hat sicher eine Rolle gespielt. Aber einen entscheidenden Anteil an der Ohrfeige durch die Bürger hat wohl – wie auch beim Tempelhofer Feld in Berlin – die Politik. Konkret: Olaf Scholz (SPD).

Hamburgs Stadtvater hatte die Olympiafrage geschickt mit der nach der Hamburger Leistungsfähigkeit insgesamt verknüpft. Das stieß zunächst auf offene Ohren in der Hafenstadt, die seit den Zeiten der Bonner Republik im internationalen Maßstab an Bedeutung verloren hat. Das Prestigeprojekt Olympia war die Chance, Hamburg zurück auf die große Landkarte bringen und nebenbei großflächig Stadtentwicklung zu betreiben.

Olympia und die „Olympia-City“, das sollte Scholz’ Vermächtnis werden. Nun wurde es seine größte Niederlage. Nicht wegen des baulichen Konzepts – das war gut. Scholz scheiterte, weil er sein Versprechen nicht hielt, transparent zu arbeiten. Die wichtigste Frage ließ er unbeantwortet: Wer zahlt’s? Und wer zahlt drauf, wenn’s erwartungsgemäß teurer wird?

Olaf Scholz versuchte es mit einem Taschenspielertrick

Die Angst der Hamburger vor dem schwarzen Finanzloch wollte Scholz mit einem Taschenspielertrick unter den Teppich kehren: Nur gut eine Milliarde Euro der Kosten soll aus Hamburger Kassen stammen, den Rest sollte der gesamtdeutsche Steuerzahler dazugeben. Doch eine konkrete Zusage des Bundes bekam Scholz nicht. Trotz der ungeklärten Finanzierungsfrage abstimmen zu lassen, damit ging Scholz ein hohes Risiko ein. Und beförderte so den Widerstand gegen ein zusammengemauscheltes Großprojekt. Die Hamburger wählten nach den Erfahrungen mit der Elbphilharmonie die sichere Variante – wer wollte es ihnen verdenken?

Aber auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat seinen Anteil am Fiasko. Er wollte die Chance auf Sommerspiele in Deutschland trotz der kurzen Vorlaufzeit unbedingt nutzen. Am Ende wirkte dabei vieles überhastet, was angesichts der kritischen Gesamtlage sorgfältig hätte geprüft sein müssen.

Nach der Absage an die Winterspiele in München 2022 ist das Thema Olympia in Deutschland nun auf Jahrzehnte hinaus erledigt. Das wird sicher diejenigen erfreuen, die darin ein dekadentes und überdimensioniertes Sportfest sehen, das zulasten der Renovierung von Schultoiletten geht. Doch das ist zu kurz gedacht.

Ein Drehkreuz für Waren und Ideen braucht Gäste

Die Bundesrepublik ist kein Agrarland, kein Rohstofflieferant. Sie verdankt ihren Reichtum der Rolle als Drehkreuz für Waren und Ideen. Die Tourismusbranche hat einen größeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt als das Baugewerbe oder die Autoindustrie.

Weil die Deutschen als Reiseweltmeister gelten, wird oft übersehen, dass sie selbst auf Gäste angewiesen sind. Sportgroßveranstaltungen sind starke Magnete und können das Image der kompletten Marke Germany prägen – siehe Fußball-WM 2006.

Hamburgs Nein ist deshalb nicht nur ein schwerer Schlag für Olaf Scholz, den DOSB und den deutschen Sport. Es ist eine Niederlage für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland.

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